Literaturbrevier

Äsop: Fabeln

27. Der Fuchs zur Maske
Ein Fuchs kam in die Werkstatt eines Bildhauers und sah sich alle Gegenstände darin genau an. Als er die Maske eines Tragöden fand, nahm er sie auf und sagte. »Was für ein großer Kopf ohne Inhalt!«
   Auf einen Mann, der großartig von Gestalt, im Kopf aber ganz unvernünftig ist, passt die Fabel gut.

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29. Der Köhler und der Walker
Ein Köhler arbeitete vorm Hause. Er sah, dass ein Walker neben ihm Wohnung nahm, und schlug ihm vor, mit ihm zusammenzuleben. Dabei erklärte er, wie nett sie zusammenleben würden und wie praktisch es sei, in einem Hof zusammenzuleben. Da unterbrach ihn der Walker und sagte: »Aber für mich ist das ganz unmöglich. Denn was ich weiß mache, das machst du schwarz.«
   Die Fabel zeigt, dass alles Gegensätzliche ganz und gar nicht zusammenpasst.

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31. Ein Mann in mittleren Jahren und seine zwei Geliebte
Ein Mann in mittleren Jahren hatte zwei Geliebte, von denen die eine jung, die andere alt war. Die in etwas fortgeschrittenem Alter schämte sich, mit einem, der jünger war als sie selbst, zusammenzusein, und wann immer er zu ihr kam, zupfte sie ihm fortwährend die schwarzen Haare aus. Die jüngere aber, der es peinlich war, einen älteren Liebhaber zu haben, zog ihm die grauen aus. So passierte es ihm, dass er, da ihm jeweils von den beiden die Haare ausgezupft wurden, eine Glatze bekam.
   So ist Unmäßigkeit immer und überall schädlich.

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33. Der Aufschneider
Ein Fünfkämpfer wurde von seinen Mitbürgern immer wieder wegen seiner Feigheit geschmäht. Deshalb wanderte er aus, und als er nach einiger Zeit zurückkam, prahlte er, dass er sich bei vielen Gelegenheiten in anderen Städten besonders ausgezeichnet habe; auf Rhodos zum Beispiel habe er einen so weiten Sprung getan, dass keiner der Olympiasieger ihn erreichte. Und dafür wolle er als Zeugen die beibringen, die damals dabei gewesen waren, wenn sie denn einmal ins Land kämen. Einer der Anwesenden aber unterbrach ihn und sagte: »Ach du, wenn das wahr ist, braucht es keine Zeugen. Hier ist Rhodos, hier kannst du springen.« [Lat.: Hic Rhodus, hic salta!]
   Die Fabel zeigt, dass bei allem, wofür man den Beweis durch die Tat verbürgen kann, jedes Wort überflüssig ist.

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35. Der Mensch und der Satyr
Ein Mensch soll einmal mit einem Satyrn Freundschaft geschlossen haben. Als der Winter hereinbrach und es kalt wurde, führte der Mensch seine Hände zum Mund und hauchte sie an. Der Satyr fragte nach dem Grund, warum er das tue, und der antwortete, dass er seine Hände wärme wegen der Kälte. Später saßen sie am Tisch, und das Essen war sehr heiß. Der Mensch nahm sein Essen auf, führte es in kleinen Bissen zum Mund und pustete. Der Satyr fragte, warum er das tue, und der antwortete: um die Speise abzukühlen, weil sie zu heiß sei. Da sagte der Satyr zu ihm: »He du, dann werde ich aber die Freundschaft mit dir lieber abbrechen, weil du aus demselben Mund sowohl Heißes als auch Kaltes bläst.
   Ebenso müssen auch wir die Freundschaft mit denen meiden, die sich zweideutig benehmen.

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36. Der böse Mensch
Ein böser Mensch wettete mit jemandem, er werde das Orakel in Delphi als lügenhaft erweisen. Als er nun Zugang erhielt, nahm er einen Spatz in die Hand und bedeckte ihn mit seinem Gewand. Dann ging er ins Heiligtum, trat vor die Pythia hin und fragte, ob er etwas Lebendiges oder etwas Totes in der Hand halte; dabei wollte er, wenn sie »etwas Totes« sagte, den Spatz lebend vorweisen, wenn aber »etwas Lebendiges«, ihn erdrücken und so herzeigen. Der Gott verstand seine üble List und sagte: »Hör doch auf, du übler Kerl! Es hängt ja von dir selbst ab, ob das, was du in der Hand hältst, tot oder lebendig ist!« [αλλ', ω 'ουτος, πεπαυσο: εν σοι γαρ εστι τουτο 'ο εχεις η νεκρον ειναι η εμψυχον.]
   Die Geschichte zeigt, dass das Göttliche sich nicht überlisten lässt.

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37. Der Blinde [ανηρ πηρος]
Ein Blinder pflegte bei allen Tieren, die ihm in seine Hände gelegt wurden, zu sagen, was es ist, indem er sie befühlte. Als man ihm einmal einen kleinen Luchs gab, betatstete er ihn, und weil er nicht ganz sicher war, sagte er: »Ich weiß nicht, ob du von einem Wolf oder einem Fuchs oder einem derartigen Tier der Welpe bist. Aber eins weiß ich genau, dass dieses Tier hier nicht geeignet ist, um mit einer Schafherde mitzugehen.«
   So ist bei den Bösen die Gesinnung oft auch schon an ihrem Körper erkennbar.

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40. Der Astrologe
Ein Astrologe hatte die Gewohnheit, jeden Abend hinauszugehen und die Sterne zu betrachten. Als er nun einmal bis in die Vorstadt kam und sich dabei nur auf den Himmel konzentrierte, fiel er unversehens in einen Brunnen. Da jammerte und schrie er nun, und als jemand vorbeikam und sein Stöhnen vernahm, lief der zu ihm hin und hörte, was vorgefallen war. Darauf sagte er: »Ach je, du versuchst, was im Himmel ist, zu sehen, was aber auf der Erde ist, das siehst du nicht?«
   Diese Geschichte könnte auf die Menschen passen, die mit ihrem Ruhm prahlen und dabei nicht einmal die allgemeinen menschlichen Dinge zustande bringen.
[ähnlich Diogenes Laertios über Thales]

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44. Die Frösche fordern einen König
Die Frösche waren darüber betrübt, dass sie keinen Herrscher hatten, und schickten Gesandte zu Zeus mit der Bitte, ihnen einen König zu geben. Der sah ihre Einfalt und warf ein Stück Holz in den See. Die Frösche erschraken zuerst über das Geräusch und schwammen in die Tiefe des Sees. Später aber tauchten sie auf, da sich das Holz nicht bewegte, und wurden so übermutig, dass sie auf das Stück Holz kletterten und sich darauf niederließen. Da sie es für unwürdig hielten, einen solchen König zu haben, kamen sie ein zweites Mal zu Zeus und baten ihn, den Herrscher auszutauschen, denn der erste sei zu träge. Da wurde Zeus ärgerlich und schickte ihnen eine Wasserschlange, von der sie geschnappt und gefressen wurden.
   Die Geschichte zeigt, dass es besser ist, Herrscher zu haben, die schwerfällig und gut sind, als solche, die behände sind und Schlimmes tun.

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45. Die Ochsen und die Wagenachse
Die Ochsen zogen einen Wagen. Als die Wagenachse knarrte, drehten sie sich um und sagten zu ihr: »He du, was lärmst denn du, wo doch wir die ganze Last ziehen?«
   So ist es auch bei manchen Menschen: Währen andere sich abmühen, tun sie so, als strengten sie sich selbst an.

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47. Das Kind, das die Eingeweide erbricht
Einige Leute opferten ein Rind auf einem Acker und luden die Nachbarn dazu ein. Unter ihnen war auch eine arme Frau zusammen mit ihrem Kind. Im Verlauf des Schmauses schlug sich das Kind mit den Eingeweiden und dem Wein den Bauch voll, so dass er ganz aufschwoll. Und als ihm speiübel wurde, sagte es: »Mutter, ich erbreche die Eingeweide.« Die aber erwiderte: »Aber nicht deine eigenen, mein Kind, vielmehr die, die du gegessen hast.«
   Diese Fabel passt gut auf einen Schuldner, der gern Fremdes nimmt; wenn er aber zurückzahlen soll, kommt es ihn so schwer an, als gebe er Eigenes preis.

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50. Die Wieselin und Aphrodite
Eine Wieselin hatte sich in einen schönen jungen Mann verliebt und bat Aphrodite, sie in eine Frau zu verwandeln. Die Göttin hatte Mitleid mit ihrem Kummer und verwandelte sie in eine hübsche Frau. Und da der junge Mann sie sah und sich in sie verliebte, führte er sie zu sich nach Hause. Als sie nun im Schlafgemach lagen, wollte Aphrodite wissen, ob die Wieselin mit der Verwandlung ihrer Gestalt auch ihren Charakter geändert habe, und sie ließ eine Maus mitten ins Zimmer laufen. Die Wieselin vergaß alles um sich herum, verließ das Bett und verfolgte die Maus und wollte sie fressen. Da ärgerte sich die Göttin über sie und gab ihr wieder ihre alte Gestalt.
   So verwandeln auch die von Natur schlechten Menschen, wenn sie ihre Gestalt verändern, ihren Charakter gleichwohl nicht.

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52. Der Bauer und die Hunde
Ein Bauer war auf seinem Gehöft im Winter eingeschlossen, und da er nicht herauskommen und sich Nahrung beschaffen konnte, verzehrte er zuerst die Schafe. Als aber der Winter anhielt, verspeiste er auch die Ziegen. Als Drittes machte er sich, da jede Erleichterung ausblieb, sogar an die Pflugochsen. Als die Hunde sein Verhalten sahen, sprachen sie zueinander: »Wir müssen von hier weg! Denn wie soll der Herr uns verschonen, der sich nicht einmal bei den Stieren, die mit ihm zusammenarbeiten, zurückhält?«
   Die Fabel lehrt, dass man sich besonders vor denjenigen hüten muss, die sogar ihre Hausgenossen ungerecht behandeln.

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59. Das Wiesel und die Feile
Ein Wiesel kam in eine Schmiede und leckte die Feile ab, die dort lag. Nun geschah es, dass beim Abreiben der Zunge viel Blut floss. Das Wiesel aber freute sich, weil es meinte, es habe etwas vom Eisen abgeschabt, und verlor seine Zunge schließlich ganz.
   Die Fabel passt auf Menschen, die sich vor lauter Ehrgeiz selbst schaden.

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60. Der Alte und der Tod
Ein alter Mann schlug einmal Holz und trug es einen langen Weg zurück. Ganz entkräftet legte er seine Last ab und wünschte sich den Tod herbei. Als der Tod erschien und fragte, aus welchem Grund er ihn herbeigerufen habe, sagte der Alte: »Damit du mir meine Last auf den Rücken legst!«
   Die Fabel zeigt, dass jeder Mensch sein Leben liebt, auch wenn er unglücklich ist.

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74. Der Hirsch an der Quelle
Ein Hirsch hatte großen Durst und kam zu einer Quelle. Er trank daraus, und wie er seinen Schatten im Wasser erblickte, freute er sich über sein Geweih, weil er dessen Größe und Formenvielfalt wahrnahm; über seine Beine aber ärgerte er sich, weil sie dünn und schwach seien. Als er noch so überlegte, erschien ein Löwe und griff ihn an. Und er wandte sich zur Flucht und hatte bald einen großen Vorsprung. Solange die Ebene karg bewachsen war, lief er vorneweg und konnte sich retten; als er aber an eine bewaldete Stelle kam, geschah es, dass er, weil sich sein Geweih in den Zweigen verfing, nicht mehr weiterkam und gepackt wurde. Als er nun sterben sollte, sprach er zu sich: &rauqo;Ich Törichter! Die, von denen ich glaubte, sie würden mich verderben, die haben mich gerettet, aber dem ich zu sehr vertraute, das hat mich zugrunde gerichtet.«
   So haben uns in Gefahren oft die Freunde gerettet, die wir verdächtigt hatten; denen wir aber voll und ganz vertrauten, die haben uns verraten.

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95. Der Mann und seine zänkische Frau
Ein Mann hatte eine Frau, die mit jedem gleich Zank anfing. Er wollte nun wissen, ob sie sich auch zum Gesinde in ihrem Elternhaus so verhalte. Deshalb schickte er sie unter einem guten Vorwand zu ihrem Vater. Als sie nach einigen Tagen zurückkam, fragte er sie, wie die Hausgenossen sie aufgenommen hätten. Sie sagte: »Die Rinder- und die Schafhirten haben mich so schief angeguckt.« Da sagte er zu ihr: »Liebe Frau, wenn du schon denen zuwider warst, die am Morgen die Herden hinaustreiben und die erst abends zurückkommen, was muss man dann über die mutmaßen, mit denen du den ganzen Tag zusammen verbracht hast?«
   So kann man oft vom Kleinen auf das Große und vom Sichtbaren auf das Unsichtbare schließen.
['Ουτω πολλακις εκ των μικρων τα μεγαλα και εκ των προδηλων τα αδηλα γνωριζεται.]

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97. Der Bock und der Flöte spielende Wolf
Ein Bock lief seiner Herde verspätet hinterher und wurde von einem Wolf verfolgt. Da drehte sich der Bock um und sagte zum Wolf: »Mir ist schon klar, dass ich dein Abendessen bin. Aber damit ich nicht ruhmlos sterbe, spiel auf der Flöte, und ich will dazu tanzen!« Da spielte der Wolf auf der Flöte, und der Bock tanzte dazu. Die Hunde aber hörten dies und verfolgten den Wolf. Da drehte sich der Wolf um und sagte zum Bock: »Das geschieht mir recht! Wozu musste ich auch, der ich Metzger bin, einen Flötenspieler mimen?«
   So kommen die, die etwas im unrechten Moment tun, auch um das, was sie schon in Händen haben.

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98. Der Ziegenbock auf dem Haus und der Wolf
Ein Ziegenbock stand auf dem Dach eines Hauses und machte sich über einen Wolf lustig, der vorbeiging. Der aber sagte zu ihm: »Nicht du machst dich über mich lustig, sondern der Ort.«
['ο δε εφη προς αυτον «ου συ με λοιδορεις, αλλ 'ο τοπος.»]
   Die Fabel zeigt, dass günstige Gelegenheiten den Schwächeren Mut machen.
['Ο λογος δηλοι 'οτι 'οι καιροι διδοασι κατα των αμεινονων θρασος.]

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100. Zeus, Prometheus, Athene und der Tadel
Zeus, Prometheus und Athene stellten der einen Stier, der einen Menschen und die ein Haus her und nahmen sich Momos[Μομος], den Tadel, als Schiedsrichter. Der aber war neidisch auf ihre Erfindungen und sagte zunächst, Zeus habe einen Fehler gemacht, als er dem Stier keine Augen auf die Hörner gesetzt habe, damit er sehen könne, wohin er stoße; Prometheus aber, weil er dem Menschen seinen Charakter nicht außen angehängt habe, damit die Schlechten nicht unbemerkt blieben, sondern deutlich sei, was ein jeder bei sich denke. Als Drittes sagte er, Athene hätte dem Haus Räder geben sollen, damit man, wenn man mit einem bösen Nachbarn zusammenwohne, leicht umziehen könne. Da ärgerte sich Zeus über seine Verleumdungen und verbannte ihn vom Olymp.
   Die Fabel zeigt, dass nichts so vortrefflich ist, dass es nicht in irgendeiner Hinsicht getadelt werden kann.
['Ο λογος δηλοι 'οτι ουδεν 'ουτως εστιν εναρετον 'ο μη παντως περι τι ψογον επιδεχεται.]

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103. Hermes und die Handwerker
Zeus befahl Hermes, allen Handwerkern ein Lügenmittel einzuflößen. Der zerrieb es, stellte ein bestimmtes Quantum her und flößte jedem dieselbe Menge ein. Als nun nur noch der Schuster übrig blieb, aber noch ein großer Rest von dem Mittel übrig war, nahm er den ganzen Mörster und flößte ihn dem Schuster ein. Deshalb lügen alle Handwerker, am meisten von allen aber die Schuster.
   Auf einen Lügner passt die Fabel gut.
[προς ανδρα ψευδολογον 'ο λογος ευκαιρος.]

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105. Die Jahre des Menschen [Ανθρωπου ετη]
Als Zeus den Menschen schuf, machte er ihn kurzlebig. Dieser gebrauchte aber seinen Verstand, und als der Winter kam, baute er sich ein Haus und verbrachte darin die Zeit. Nun war es einmal sehr kalt und es regnete. Ein Pferd konnte das nicht mehr ertragen, lief eilends zum Menschen und bat ihn, es zu beschützen. Der sagte, er werde es nur dann tun, wenn das Pferd ihm einen Teil seiner eigenen Jahre gebe. Gern willigte es ein. Kurz danach kam auch ein Rind, das ebenfalls den Winter nicht ertragen konnte. Der Mensch sagte wiederum, er werde es nur aufnehmen, wenn es ihm eine Anzahl seiner Jahre überlasse. Und er bekam einen Teil und nahm es auf. Schließlich kam ein Hund, den die Kälte übel mitgenommen hatte. Auch er gab einen Teil seiner Lebenszeit ab und erhielt Schutz. So kommt es, dass die Menschen, solange sie in der von Zeus zugeteilten Zeit leben, unschuldig und gut sind; wenn sie in die Jahre des Pferdes kommen, werden sie zu Aufschneidern und Prahlern; wenn sie in die Jahre des Rindes kommen, müssen sie sich abmühen; wenn sie in die Zeit des Hundes kommen, werden sie jähzornig und aggressiv.
   Diese Fabel ist auf einen Alten, der jähzornig und im Umgang schwierig ist, anwendbar.
[Τουτω τω λογω χρησαιτο αν τις προς πρεσβυτην θυμωδη και δυστροπον.]

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106. Zeus und die Schildkröte
Als Zeus heiratete, bewirtete er alle Tiere, nur die Schildkröte blieb aus. Er wollte den Grund ihres Fernbleibens wissen und fragte sie, warum sie als Einzige nicht zur Feier gekommen sei. Sie sagte: »Zu Hause bin ich gern, zu Hause ist es am besten.« [«οικος φιλος, οικος αριστος.»]
Da ärgerte er sich über sie und machte zur Strafe, dass sie ihr Haus schultern und mit sich herumschleppen muss.
   Ebenso ziehen es viele Menschen vor, schlicht zu Hause zu wohnen, als bei anderen aufwändig zu leben.

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109. Zeus und die Scham
Als Zeus die Menschen gemacht hatte, pflanzte er ihnen sofort die anderen Eigenschaften ein, allein die Scham vergaß er. Deshalb war er in Verlegenheit, wie er sie hineinbekommen sollte. Er befahl ihr also, durch den Hintern hineinzukriechen. Sie aber weigerte sich zuerst und sagte, das sei unwürdig. Als er ihr aber heftig zusetzte, sagte sie: »Ich gehe jedoch nur unter der Bedingung hinein, dass ich, wenn etwas anderes nach mir da hereinkommt, sofort wieder hinausgehe!« Daher kommt es, dass alle Strichjungen keine Scham haben.
   Die Fabel ist auf einen Strichjungen gemünzt.
[Τουτω τω λογω χρησαιτο αν τις προς ανδρα μαχλον.]

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(Aus 122: Die Diebe und der Hahn)
Diebe stiegen in ein Haus ein. Sie fanden aber nichts außer einem Hahn. Den nahmen sie mit und verschwanden.

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135. Die hungrigen Hunde [Κυνες λιμωττουσαι]
Einige Hunde hatten Hunger. Als sie in einem Fluss durchweichte Häute im Wasser sahen, aber nicht herankommen konnten, verabredeten sie miteinander, zuerst das Wasser auszutrinken, um dann auf diese Weise an die Häute zu gelangen. Es geschah aber, dass sie beim Trinken platzten, bevor sie die Häute erreichten.
   Ebenso nehmen auch manche Menschen in der Hoffnung auf Gewinn trügerische Mühen auf sich und gehen dabei zu Grunde, bevor sie das haben, was sie wollen.

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136. Der Hund und der Hase
Ein Jagdhund hatte einen Hasen gepackt. Mal biss er ihn, mal leckter er ihm die Lippen. Der verbat sich das und sage: »Ach du, hör auf mich zu beißen oder zu streicheln, damit ich weiß, ob du mein Freund oder mein Feind bist.«
   Die Fabel passt auf einen Menschen mit zweideutigem Verhalten. [Προς ανδρα αμφιβολον 'ο λογος ευκαιρος.]

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137. Die Mücke und der Stier
Eine Mücke setzte sich auf das Horn eines Stieres und blieb dort lange Zeit sitzen. Als sie wieder losfliegen wollte, fragte sie den Stier, ob er denn wolle, dass sie schon wegfliege. Der aber sagte zu ihr: »Ich habe es weder bemerkt, als du kamst, noch werde ich es bemerken, wenn du wegfliegst.«
   Die Fabel trifft auf einen schwachen Mann zu, der weder wenn er da, noch wenn er nicht da ist, schadet oder nützt.
[Τουτω τω λογω χρησαιτο αν τις προς ανδρα αδυνατον, 'ος ουτε παρων ουτε απων επιβλαβης η ωφελιμος εστιν.]

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141. Der Löwe und der Frosch
Ein Löwe hörte einen Frosch quaken. Er drehte sich nach der Stimme um, weil er glaubte, es sei irgendein großes Tier. Eine kurze Weile blieb er dort, und als er ihn aus dem See herauskommen sah, ging er auf ihn zu und zertrat ihn mit den Worten: »Keinen soll deine Stimme erschrecken, bevor er dich gesehen hat.«
   Die Fabel passt gut auf einen Mann, der außer Geschwätzigkeit [γλωσσαλγιας] sonst nichts vermag.

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(aus 152):
Ebenso haben auch die von Natur aus Guten oft keine Bedenken, die übel zu behandeln, von denen sie als Böse verleumdet werden.

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158. Der Wolf und die alte Frau[Λυκος και γραυς]
Ein Wolf hatte Hunger und war auf der Suche nach Nahrung. Als er zu einem Hof kam, hörte er, wie eine alte Frau einem quengelnden Kind damit drohte, es dem Wolf vorzuwerfen, wenn es nicht aufhöre. Er wartete also dort, weil er glaubte, sie habe es im Ernst gemeint. Als es nun Abend wurde und den Worten nichts Entsprechendes folgte, machte er sich davon und sagte zu sich: »Auf diesem Hof sagen die Menschen das eine und tun das andere.« [«εν ταυτη τη επαυλει 'οι ανθρωποι αλλα μεν λεγουσιν, αλλα δε ποιουσι.»]
   Die Fabel mag auf die Menschen passen, die nicht tun, was sie sagen.

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159. Der Wolf und das Schaf [Λυκος και προβατον]
Ein Wolf hatte sich satt gefressen. Als er ein Schaf auf der Erde liegen sah, bemerkte er, dass es aus Furcht vor ihm hingefallen war. Er kam heran und redete ihm gut zu und sagte, dass er es laufenlassen werde, wenn es ihm drei wahre Worte sage. Das Schaf begann nun und sagte als Erstes, es habe dem Wolf nicht begegnen wollen; als Zweites, wenn es ihm denn bestimmt gewesen sei, wäre ihm ein blinder Wolf lieber gewesen, und als Drittes: »Ihr bösen Wölfe sollt alle böse zugrunde gehen, weil ihr uns bekriegt, obwohl wir euch nichts getan haben.« Der Wolf nahm diese Wahrheitsliebe freundlich auf und ließ es laufen.
   Die Fabel zeigt, dass oft die Wahrheit sogar bei den Feinden etwas gilt.

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167. Die Mücke
Eine Mücke war in einen Fleischtopf gefallen. Als sie nun in der Brühe ertrinken sollte, sprach sie zu sich: »Ich habe wenigstens gegessen und getrunken und mich gebadet. Und wenn ich nun sterbe, kümmert es mich nicht.«
[«αλλ' εγωγε και βεβρωκα και πεπωκα και λελουμαι: καν αποθανω, ουδεν μοι μελει.»]
   Die Fabel zeigt, dass die Menschen den Tod dann leicht ertragen, wenn er ohne Schmerzen kommt.

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186. Der Esel und der Eseltreiber
Ein Esel wurde von einem Eseltreibe angetrieben. Nach einer kurzen Strecke verließ er den ebenen Pfad und erklomm einen Steilhang. Als er abzustürzen drohte, packte ihn der Eseltreiber am Schwanz und versuchte, ihn in eine andere Richtung zu ziehen. Der Esel aber schlug heftig aus. Da ließ er ihn los und sagte: »Ich lass' dir den Sieg! Denn bei diesem Sieg wirst du verlieren!« [«νικα: κακην γαρ νικην νικασ.»]
   Die Fabel passt auf einen rechthaberischen Mann. [Προς ανδρα φιλονικον 'ο λογος ευκαιρος.]

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187. Der Wolf als Arzt
Ein Esel weidete auf einer Wiese. Als er einen Wolf auf sich zukommen sah, tat er so, als ob er lahme. Der Wolf kam heran und fragte ihn, warum er lahme. Da sagte er, er sei bei einer Hecke in einen Dorn getreten, und bat ihn, ihm doch zuerst den Dorn herauszuziehen und ihn dann so zu fressen, damit ihm der Dorn nicht beim Essen stecken bleibe. Der Wolf ließ sich überreden, hob dessen Fuß hoch und betrachtete angespannt den Huf. Da stieß ihn der Esel mit dem Fuss ins Maul und schlug ihm die Zähne aus. Der Wolf war nun übel zugerichtet und sagte: »Das ist mir recht geschehen: Was musste ich mich denn, wo mein Vater mich die Kochkunst gelehrt hat, in der Heilkunst versuchen?« [τι γαρ του πατρος με μαγειρικην τεχνην διδαξαντος αυτος ιατρικης επελαβομην;]
   Ebenso geraten diejenigen Menschen, die Dinge versuchen, die ihnen nicht zukommen, zu Recht ins Unglück.

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196. Die Schlange und der Krebs
Eine Schlange und ein Krebs lebten am selben Ort. Der Krebs begegnete der Schlange aufrichtig und freundlich, die Schlange aber war immer tückisch und böse. Der Krebs redete ihr ständig zu, ihn doch aufrichtig zu behandeln und sein eigenes Verhalten nachzuahmen. Die Schlange aber ließ sich nicht bereden. Darüber ärgerte sich der Krebs. Er wartete ab, bis sie schlief, dann packte er sie an der Kehle und brachte sie um. Und als er sie nun so ausgestreckt liegen sah, sagte er: »He du, nicht jetzt solltest du aufrichtig sein, wo du tot bist, sondern damals, als ich dir zugeredet habe und du nicht hören wolltest.«
   Diese Fabel dürfte auf Menschen zutreffen, die ihr Leben lang ihre Freunde schlecht behandeln, ihnen aber nach dem Tode Wohltaten erweisen.

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200. Der diebische Junge und seine Mutter [Παις κλεπτης και μητηρ]
Ein Junge stahl in der Schule die Schreibtafel seines Mitschülers und brachte sie seiner Mutter. Die aber schimpfte nicht nur nicht mit ihm, sondern lobte ihn sogar dafür. Da stahl er als Nächstes einen Mantel und brachte ihn ihr, und den nahm sie noch lieber. Als das Kind mit der Zeit ein junger Mann geworden war, versuchte er, auch Größeres zu stehlen. Einmal aber wurde er auf frischer Tat ertappt und mit auf den Rücken gebundenen Händen zum Henker geführt. Die Mutter ging hinter ihm her und schlug sich vor Kummer an die BRust. Da sagte der junge Mann: »Ich möchte meiner Mutter etwas ins Ohr sagen.« [«θελω τι ειπειν τη μητρι μου εις το ους.»] Und als sie ganz rasch zu ihm kam, griff er nach ihrem Ohr und biss hinein. Da beklagte sich die Mutter, dass er ein gottloser Mensch sei. Doch er sagte: »Wenn du mich damals, als ich dir zuerst die gestohlene Schreibtafel brachte, ausgeschimpft hättest, wäre es mit mir nicht so weit gekommenm, dass ich nun hingerichtet werde!«
   Die Fabel zeigt, dass, was nicht von Anfang an verhindert wird, sich immer größer auswächst.
['Ο λογος δηλοι 'οτι το κατ' αρχας μη κωλυομενον επι μειζον αυξηται.]

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(Aus 203):
Der Affe aber kam herunter und versuchte, dasselbe wie sie[die Menschen] zu tun. Denn er soll ja ein Tier sein, das alles nachahmt. [φασι γαρ μιμητικον ειναι το ζωον.]

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216. Die Wespe und die Schlange
Eine Wespe hatte sich auf den Kopf einer Schlange gesetzt, stach sie andauernd mit dem Stachel und verbrachte so den Winter. Die Schlange konnte es vor Schmerzen nciht mehr aushalten, und da sie keine andere Möglichkeit hatte, sich gegen den Feind zu wehren, hielt sie ihren Kopf unter ein Wagenrad und starb so zusammen mit der Wespe.
   Dies geht auf die, die mit ihren Feinden zusammen sterben wollen.

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217. Der Stier und die Wildziegen
Ein Stier wurde von einem Löwen verfolgt und floh in eine Höhle, in der Wildziegen waren. Als er von denen geschlagen und mit den Hörnern gestoßen wurde, sagte er: »Nicht aus Angst vor euch lasse ich mir das gefallen, sondern aus Angst vor dem, der vor dem Höhlenausgang steht.«
   Ebenso ertragen viele aus Angst vor Stärkeren auch die Frechheit von Schwächeren.

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230. Die Schildkröte und der Adler
Eine Schildkröte sah einen Adler fliegen und wollte das auch selber gern tun. Sie ging also zu ihm und bat ihn, für welchen Lohn auch immer, ihr das Fliegen beizubringen. Der aber sagte, das sei unmöglich. Und als sie ihm nun immer weiter zusetzte und darauf drang, packte er sie, und erhob sich mit ihr in die Luft, und ließ sie über einen Felsen fallen, von wo sie herabstürzte, zerschellte und starb.
   Die Fabel zeigt, dass viele Menschen sich in ihrem Eifer selbst schaden.

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231. Der Floh und der Athlet
Ein Floh sprang einmal auf einen überaus eingebildeten Athleten, ließ sich nieder und biss ihn. Der Sportler ärgerte sich und spitzte die Finger, um den Floh zu zerquetschen. Der Floh aber machte sich mit einem großen Sprung davon und entkam so dem Tode. Da seufzte der Athlet und sagte: »Ach Herakles, wenn du mir bei einem Floh so hilfst, wie soll es dann erst bei meinen Gegnern werden?«
   Die Fabel lehrt auch uns also, nicht wegen Kleinigkeiten und ungefährlicher Dinge geradewegs die Götter um Hilfe anzurufen, sondern nur in größeren Notlagen.

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