Literaturbrevier

Peter Altenberg: Prosa

»Herr Peter, Sie anerkennen Uns, aber Sie sind eben der Herr Peter!«
[...]
Solche primitive Aussprüche sind ausgestellte Zeugnisse, wertvoller als die Titel: Hofrat, Exzellenz!
(Das Personal)

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Das Hotel-Stubenmädchen
Sie saß nachts, ganz zerpatscht von Stiegensteigen, Sorgsamsein für fremde Menschen, Aufmerken auf fremde Wünsche, in der Portiersloge, zählte einen Haufen Trinkgelder in ihre Schürze. Ich wußte, daß sie ein entzückendes dreijähriges Mäderl habe, und der Gatte war verschollen.
Ich sagte: »Woher sind Sie, Marie?!«
»Aus Kärnten.«
»Sie müssen ja die Dorfschönheit gewesen sein — — —.«
»Das war ich!«
»Und alle Jünglinge müssen sich um Sie beworben haben — — —.«
»Das haben sie getan.«
»Und da haben Sie sich den gerade aussen müssen?!«
»Er mich!«
»Und Sie sind so ruhig, so gesichert — — —.«
»Da kann man nicht aufbegehren. Es ist das Schicksal!«
»Nein, die Dummheit war es, die Borniertheit — — —.«
»Das ist ja unser Schicksal!«
Später sagte sie: »Rühren Sie mich nicht an, es paßt mir nicht. Weshalb streicheln Sie meine Haare?! An mir ist nichts mehr zum Streicheln — — —.«
Ich schenkte ihr eine Krone.
»Wofür geben sie[sic] mir das?!«
»Gewesene Dorfschönheit!« erwiderte ich. Da begann sie zu weinen.

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Jause
Jausengespräch zweier junger bildhübscher Dienstboten im fünften Stock auf dem düsteren Gang vor meinem geliebten lichten Zimmerchen:
»Jessas, an schönen noblen Kehrbesen habt's ihr da oben! Unserer unten in der Kaffeeküche, der schaut aus! Wie a g'rupftes Hendel!«
»I schenk Ihnen meinen! Der Peter kauft mir an anderen!«
»Was für ein Peter?!«
»No der Peter. Der Peter Altenberg. Er is ein Schmutzian, das heißt er hat nebbich nichts, aber für solche praktische Arbeitssachen hat er ein Herz. Sie, der Mensch hat Ihnen einen Abstauber für die Wandphotographien, von lauter grauen jungen Straußfedern, fünf Kronen hat er gekostet!«
»Den möcht ich haben. Der muß ja wunderbar wischen!«
»Ja, den gibt er net her. Hundertmal hab ich ihn schon darum angebettelt! Er hat g'sagt »Im Testament!« Aber der lebt uns noch zehn Jahr. Solche Leut, die gar nix zu arbeiten haben als dös bissel dichten, die san zach!«

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Pfingstsonntag, sieben Uhr morgens. [...] Niemand genießt ihn[den Volksgarten] noch. Er ist unnötig schön.
(Volksgarten-Jungfräulichkeit)

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Und dann, diese kleine Oase in dieser Häuserwüste »Stadt«!
(Volksgarten-Jungfräulichkeit)

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Kaffeehaus
Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene — — — ins Kaffeehaus!
Sie kann, aus irgendeinem, wenn auch noch so plausiblen Grunde, nicht zu dir kommen — — — ins Kaffeehaus!
Du hast zerrissene Stiefel — — — Kaffeehaus!
Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus — — — Kaffeehaus!
Du bist korrekt sparsam und gönnst Dir nichts — — — Kaffeehaus!
Du bist Beamter und wärest gern Arzt geworden — — — Kaffeehaus!
Du findest Keine, die Dir paßt — — — Kaffeehaus!
Du stehst innerlich vor dem Selbstmord — — — Kaffeehaus!
Du haßt und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen — — — Kaffeehaus!
Man kreditiert Dir nirgends mehr — — — Kaffeehaus!

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Er las im Café diese Notiz aus dem »Extrablatt« vom 21. November:

Ein verschwundenes Mädchen.
Das junge Mädchen, welches das vorstehende Bild zeigt, ist die fünfzehnjährige Bahnbeamtenstochter Johanna H. Dieselbe sollte am verflossenen Sonntag Mittag sich in die Claviersstunde begeben, traf aber dort nicht ein und ist seitdem verschollen. Dieselbe hat rotblonde Haare, braune Augen, eine zarte Gestalt. Die unglücklichen Eltern etc. etc.

Dieses junge Mädchen begann er zu lieben, von ganzer Seele ... Sie verwandelte sich in das »gehetzte Reh«, er sah die »brechenden Augen«. Überhaupt, sie entsprach seinem Ideale. Denn erstens hatte sie rotgoldene Haare (er erlaubte sich aus rotblonden rotgoldene zu machen), braune Augen(die beließ er natürlich), eine zarte Gestalt ...
Und zweitens wußte man nicht mehr von ihr als dieses, nichts, nichts, als daß sie rotgoldene Haare hatte, braune Augen, und verschollen war, weg, verschwunden ...!
Deshalb konnte seine Phantasie...
Aber sie war ja wirklich wunderschön, nicht, nach dem Bilde ...?! Und so jung und verschwunden ...!
Er begann sie zu lieben, von ganzer Seele ...
(Locale Chronik)

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Sie geht langsam mit ihren langen zarten Beinen, ihrer goldenen Flut, in Zöpfe gedeicht, hat den »Mechanismus des Lebens« in der kindischen Seele. Punkt zwölf Clavierstunde, Punkt eins etwas anderes, Punkt zwei, Punkt sieben, Punkt neun! Plötzlich bewirkt Einer eine ungeheure Umwälzung und sagt »Fräulein«. Alle Punkte stürzen untereinander und die Seele wird ein Organismus. Damit ist Alles gesagt. Sie beginnt zu atmen, ein Leben für sich!
(Locale Chronik)

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Er kaufte das »Extrablatt«, obzwar es im Café siebnmal auflag.
»Wie zart ist sie, oh Gott ...« dachte er. »Das kleine Kreuz am Halse, die geschreckten Augen!« Alles betrachtete er.
»Wolle Sie sich Finderlohn verdienen ...?!« sagte der Marqueur, welcher ziemlich naseweis war.
»Aber unbeschädigt muß das Objekt sein ...« sagte ein Anderer.
Und Alle lachten.
Er aber trämte: »Am Weiher, am grauen Weiher steht sie vielleicht, stützt das Kinn in die Hand, hält mit der anderen den Ellbogen und das Wort »Fräulein« fliegt wie eine Wildente vor ihr auf und in den kalten Nebel hinein... [...]«
(Locale Chronik)

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Glaube ist fast schon Sein! Wenn ich an Dich glaube, bist Du!
(Locale Chronik)

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Ich war heute, nach 30 Jahren, in dem kleinen lieben Orte »Altenberg«, an der Donau. Heißt er so nach mir, heiße ich so nach ihm, gleichviel! [...] Wo ist Emma, wo ist Bertha, wo ist hilda, wo ist Elsa?! Ja, Emma hat [...] sich [...] ein herrliches Garten-Schloß erbaut mit weißer hoher Aussichtswarte über die Donau-Auen. [...] Was man da Alles sich einst erträumte, ist verweht. Alle, Alle haben sich gerettet, irgendwohin, nur ich nicht.
(Ort Altenberg)

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»Hygienische Reinlichkeit« ist eine Art von unbewußter »physiologischer Genialität«, aber Wien besitzt sie eben nicht. Es besitzt dafür, auch ein »Gnadengeschenk der Götter«, die »gutmütige Gleichgültigkeit«!
(Wiens Hygiene)

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Das Nägelschneiden bei Tische ist verboten, selbst mit einer eigenen mitgebrachten Schere alten Systems; besonders aber mit der neuartigen Zwickmaschine, da die scharf abgezwickten Nägel dann leicht in die Biergläser springen können, und das Herausfischen mit Schwierigkeiten verbunden ist!
(Regeln für meinen Stammtisch)

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Man verhöhnte sie, weil sie gerne edle Zigaretten rauchte und doch nicht dazu berechtigt wäre infolge ihrer sozialen Position und ihrer ökonomischen Verhältnisse — — —. Rauche du ›Sport‹, oder noch lieber, rauche dur gar nicht! Hast du denn ein Anrecht auf Vergnügen?! Meine Liebe, überschreite doch nicht die Grenzen deiner Nichtigkeiten!
(Die Bonne)

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Um sieben morgens im Kaffeehaus entspinnt sich (ein nettes Wort »entspinnt«), entspinnt sich folgendes Gespräch [...]
(Dienstboten)

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»Sie, Köchin — — —!«
»Wer ist denn Ihnere ›Köchin‹?! Sie haben ›Marie‹ zu mir zu sagen!«
»Na na, schamen's Ihnen vielleicht, eine ›Köchin‹ zu sein?! Mir können's ›Kassiererin‹ sagen, i halt' nix auf mein' Eigennamen!«
»Sie, ja Sie, Sie bilden Ihnen noch etwas ein auf Ihren ›Kassiererin-Titel‹!«
»Einbilden, was heißt einbilden?! Is das was zum schämen, wann man sich ehrlich seinen Lebensunterhalt verdient?!«
»Tun's mit mir da net philosophieren. I vertrag dös Wort ›Köchin‹ net. Sagen's ›Marie‹ und fertig! S' wird Ihnen net die Zungen auskegeln!«
»Ah, warum soll i ›Marie‹ sagen, san Sö a Prinzessin?!«
Ich mich einmengend. »Haben die Damen gar keine anderen Sorgen?!«
(Dienstboten)

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Für den Zahlenden sind es immer »Kronen«, für den, der bezahlt wird, nur »Krandln«.
(Erlebnis)

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Tramway-Szene zehn Uhr nachts Baden-Wien
Ich sagte leise zu meiner zarten, müden Freundin: »Weshalb wir hier in diesem kleinen ›Tribus-Winkel‹ so lange halten müssen, niemand steigt aus, niemand steigt ein?!«
Sie sagte leise: »Es wird schon einen Grund haben, Peterl! Reg dich nicht auf!«
Plötzlich riß der alte, rote, dicke Herr neben Paula die Türe auf. »Sie, Kondukteur, warum fahren wir denn nicht weiter, Kruzifix noch einmal?!«
»Weil wir noch warten müssen!«
»Auf wen, auf was?! Bis Ihna ausdischkuriert haben mit dem Herrn Stationsscheff?!«
»Solche Bemerkungen verbiete ich Ihnen, ich bin Kondukteur des Fahrwagens und Sie sind nur der Passagier!«
»Was, ich bin nur ein Passagier, ich bin ein Mensch, der sich nichts Unrechtes gefallen laßt, merken Sie sich das, Sie Trottel!«
»Meine Herren, ich bitte um Zeugenschaft, Trottel hat er zu mir gesagt!laquo;
»Ah, da schaust' her, jetzt darf man sich nicht einmal mehr erkundigen, warum ein Zug so lang steht?!«
Paula sagte leise zu mir: »Peterl, reg dich nur nicht auf über die ganze Szene, es kommt zu nichts!«
Ich sagte: »Selbstverstandlich, Worte ›erlösen‹! Nur wer verstummt, sticht eventuell zu!«

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Die Wiesen dufteten, und die Wälder standen schwarz und unbeweglich-melancholisch unter dem Abendhimmel, der leise leuchtete.
(Der Tag des Reichtums)

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Im Café Ritz fand ich jene junge Dame, die schon lange meine Augen beglückte. Braunes Haar, blauer Strohhut, Stumpfnase. Ich wollte den Tag feierlich beschließen. Ich sandte ihr drei wunderbare ganz dunkle Rosen und einen Eierpunsch, dieses Lieblingsgetränk der meisten solchen Damen. Sie nahm es huldvollst an, ausnahmsweise.
Sie kam an meinen Tisch und sagte:
»Macht es Ihnen wirklich eine so große Freude, mir Aufmerksamkeiten zu erweisen?!?«
»Ja, gewiß, sonst täte ich es ja nicht!«
»Also dann brauche ich ja nicht dankbar dafür zu sein — — —!?«
»Nein, keinesewgs. Sondern ich Ihnen!«
Das war der Tag des Reichtums — — —.
(Der Tag des Reichtums)

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Eine junge Dame schenkte mir einst einen solchen tief ersehnten Spazierstock, der zwei Jahre lang in der Auslage stand. [...] Es war ein äußerst gelungenes Wiener Fabrikat nach englischem Muster und kostete nur 11 Kronen. Zuerst nähte mir die junge Spenderin ein Futteral aus dünner Rehhaut, mit brauner Seide, für den Griff.
Aber da sagten alle im Café und im Restaurant:
»Was fehlt Ihrem Herrn Stock?! Hat er sich verkühlt bei der schlechten Witterung?!?«
Einer sagte: »Peter Altenberg, Sie sind gerade auffallend genug. Lassen Sie diese gewaltsamen Anstrengungen, sich lächerlich zu machen. Es geht auch von selbst!«
(Der Spazierstock)

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Mein Spazierstock wurde oft umgeworfen. Einmal sagte mir ein Herr: »Schauen Sie nicht so vorwurfsvoll, glauben Sie, ich habe es absichtlich getan?!?«
»Nein«, erwiderte ich, »das glaube ich nicht; denn welchen Grund sollten Sie haben, meinen armen Spazierstock absichtlich umzuwerfen?!«
»No also, sehen Sie, nur ein bissel vernünftig sein«, sagte der Herr und verzieh mir.
(Der Spazierstock)

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So gehen nämlich auch alle wirklichen Dichter, Künstler, Menschen, Mädchen zugrunde! Wer prosperiert hienieden, Der weiß wenigstens, wieso, wodurch er prosperiert!
(Pleite)

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Die Lokomotive »pustete«, wie man zu sagen pflegt, in die Bergweltkurven hinauf. Man glaubt immer, daß sie es nicht überwältigen wird. Aber das ist ein laienhafter Irrtum. Sie ist dazu geschaffen, konstruiert und ausprobiert. Gerade so ist es wie mit der »unglücklichen Liebe«. Unser Herz ist dazu konstruiert. Manchmal zerbricht es. Das sind »unvorhergesehene Fälle«, die auch der genialste Maschinentechniker nicht vorausberechnen kann.
(Romantik der Namen)

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Wie ein Vogel, welcher am Ende eines Zweiges sitzt, sich aufbläht und die Welt stürmisch begrüßt — — —!
(Costüme-Ball im Wiener Künstler-Hause.)

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Ich habe es immer bemerkt, daß schöne Menschen weniger Schamgefühl besitzen als häßliche. Sie beleidigen eben niemand durch ihre Nacktheit und sie fühlen sich unbewußt im Einklang mit den idealen Plänen der Natur!
(Etablissement Ronacher)

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Die Rückfahrten vom Lande abends sind das Schönste; da schläft man wie ein Toter. Man verflucht den Moment der Ankunft, der Wagen ist das wunderbarste Bett gewesen. Aber jetzt kommt Stiegensteigen, Ausziehen, eine unsäglich beschwerliche Arbeit.
(Erinnerung)

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