Literaturbrevier

Ingeborg Bachmann: Malina

Meine Beziehung zu Malina hat jahrelang aus mißlichen Begegnungen, den größten Mißverständnissen und einigen dummen Phantastereien bestanden — ich will damit sagen, aus viel größeren Mißverständnissen als die zu anderen Menschen.

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Aus den Gerüchtfiguren werden die wahren Figuren, befreit und groß, hervortreten, wie Malina heute für mich, der nicht mehr das Ergebnis von Gerüchten ist, sondern gelöst neben mir sitzt oder mit mir durch die Stadt geht.

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Und unruhig ist es, gerade weil meine Gegenwart ihn nie irritert, weil er sie wahrnimmt, wenn es ihm gefällt, nicht wahrnimmt, wenn nichts zu sagen ist, als gingen wir nicht ständig aneinander vorbei in der Wohnung, unübersehbar einer für den anderen, unüberhörbar bei den alltäglichen Handlungen.

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Mir scheint es dann, daß seine Ruhe davon herrührt, weil ich ein zu unwichtiges und bekanntes Ich für ihn bin, als hätter er mich ausgeschieden, einen Abfall, eine überflüssige Menschwerdung, als wäre ich nur aus seiner Rippe gemacht und ihm seit jeher entbehrlich, aber auch eine unvermeidliche dunkle Geschichte, die seine Geschichte begleitet, ergänzen will, die er aber von seiner klaren Geschichte absondert und abgrenzt.

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Malina und ich haben, trotz aller Verschiedenheit, die gleiche Scheu vor unseren Namen, nur Ivan geht ganz und gar in seinen Namen ein, und da ihm sein Name selbstverständlich ist, er sich identifiziert weiß durch ihn, ist es auch für mich ein Genuß, ihn auszusprechen, zu denken, vor mich hinzusagen. Sein Name ist ein Genußmittel für mich geworden, ein unentbehrlicher Luxus [...]. Ivan rührt sich sofort, springt auf, wenn man ihn ruft, aber Malina zögert, und so zögere ich, wenn es sich um mich handelt. Darum tut Ivan gut daran, mich nicht immer beim Namen zu nennen, sondern mir einige Schimpfnamen zu geben, die ihm gerade durch den Kopf gehen oder ›mein Fräulein‹ zu sagen.

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Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.

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Ich lese am liebsten auf dem Fußboden, auch auf dem Bett, fast alles liegend, nein, es geht dabei weniger um die Bücher, es hat vor allem mit dem Lesen zu tun, mit Schwarz auf Weiß, mit den Buchstaben, den Silben, den Zeilen, diesen unmenschlichen Fixierungen, den Zeichen, diesen Festlegungen, diesen zum Ausdruck erstarrten Wahn, der aus dem Menschen kommt. Glauben Sie mir, Ausdruck ist Wahn, entspringt aus unserem Wahn. Es hat auch mit dem Umblättern zu tun, mit dem Jagen von einer Seite zur anderen, der Flucht, der Mittäterschaft an einem wahnwitzigen, geronnenen Erguß, es hat zu tun mit der Niedertracht eines Enjambements, mit der Versicherung des Lebens in einem einzigen Satz, mit der Rückversicherung der Sätze im Leben.

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Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir.

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Die alle, mit ihren gemieteten Ansichten, bei diesen hohen Mieten, die werden teuer bezahlen.
Meine gemieteten Ansichten sind schon im Schwinden. Immer leichter trenne ich mich von Ivan und immer leichter finde ich ihn wieder [...].

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Vor dem Affenhaus hängen aber beide Kinder an mir, András krallt sich an meinen Arm, ich ziehe ihn vorsichtig immer fester an mich, ich habe nicht gewußt, daß Kinderkörper wärmer und besser anzufühlen sind als ein erwachsener Körper, Béla drückt sich eifersüchtig auch enger an mich, es ist nur wegen András, sie sind von einer Zudringlichkeit, von der ich gar nicht genug bekommen kann, als hätte ihnen lange jemand gefehlt, an den sie sich hängen und drängen können, Ivan hilft uns, die Nüsse und Bananen zu verfüttern, weil wir aneinander hängen und lacheen und Béla die Nüsse danebenwirft.

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András strampelt und will zuerst herunter von mir, dann küßt er mich plötzlich auf die Nase, ich küsse András auf die Nase, wir reiben unsere Nasen aneinander, ich möchte, daß es nie aufhört, daß András nicht genug bekommt, wie ich nicht genug bekomme vom Nasenreiben, ich möchte, daß es den Mondsee nicht gibt und nicht den Wolfgangsee, aber gesagt ist gesagt, András drängt sich immer fester an mich, und ich halte ihn fest, er muß mir gehören, die Kinder werden mir ganz gehören.

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Er sagt: Sie haben keine Ahnung, was für eine Energie in meiner Frau steckt, wenn sie nicht bald auf ihr Boot kommt, gräbt sie jeden Tag unseren Garten um und stellt das Haus auf den Kopf, manche Leute leben eben und andere schauen ihnen beim Leben zu, ich gehöre zu denen, die zuschauen. Sie auch?

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Warum habe ich bisher nie bemerkt, daß ich Leute fast nicht mehr ertragen kann? Seit wann ist das so?

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Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.

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In jedem Beruf muß es jedoch zumindest einen Menschen geben, der in einem tiefen Zweifel lebt und in einen Konflikt gerät.

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Sein Zuhören beleidigt mich tief, weil er hinter allem, was gesprochen wird, das Unausgesprochene mitzuhören scheint, aber auch das zu oft Gesagte.

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Ich habe den Verdacht, daß er den Menschen nicht durchschaut, demaskiert, denn das wäre sehr gewöhnlich und billig, es ist auch nichtswürdig den Menschen gegenüber.

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An den Abenden, wo Malina ohne mich bei Leuten ist, weiß ich, daß Malina dort wenig sagt. Er wird schweigen, zuhören, jemand zum Reden bringen und jedem am Ende das Gefühl geben, einmal etwas gesagt zu haben, was klüger ist als die sonstigen Sätze, etwas bedeutender gewesen zu sein, weil Malina den anderen heraufhebt zu sich selber. Dennnoch wird er immer Distanz halten, weil er ganz Distanz ist. Er wird nie ein Wort aus seinem Leben sagen, nie über mich sprechen, aber trotzdem nicht den Eindruck erwecken, er verschweige etwas. Malina verschweigt auch wirklich nichts, denn er hat, im besten Sinn, nichts zu sagen.

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Eine einzige Träne, nur im Winkel des einen Augs, entsteht, kommt aber nicht ins Rollen, kristallisiert sich in der kalten Luft, wird immer größer und größer, eine zweite riesige Kugel, die nicht mit der Welt herumkreisen möchte, sondern sich von der Welt löst und in den unendlichen Raum stürzt.

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Ivan sagt lachend, aber nur einmal: Ich kann dort nicht atmen, wo du mich hinstellst, bitte nicht so hoch hinauf, trag niemand mehr in die dünne Luft, das rat ich dir, lern noch für später! Ich habe nicht gesagt: Aber wen soll ich denn nanch dir? aber du denkst doch nicht, daß ich nach dir? ich lerne lieber noch alles für dich. Für sonst niemand mehr.

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Ich: (con fuoco) Ich hasse dich.
Malina: Sprichst du zu mir, hast du etwas gesagt?
Ich: (forte) Herr von Malina, Euer Gnaden, Magnifizenz! (crescendo) Eure Herrlichkeit und Allmächtigkeit, ich hasse Sie! (fortissimo) Tausch mich meinetwegen um, tauschen wir ab, Euer Ehren! (tutto il clavicembalo) Ich hasse dich! (perdendo le forze, dolente) Bitte, behalt mich doch. Ich habe dich nie gehaßt.
Malina: Ich glaube dir kein einziges Wort, ich glaub dir nur alle Worte zusammen.

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Ich stehe vor dem Herd und warte, bis das Wasser zu kochen anfängt, ich fülle einige Löffel Kaffee in den Filter und denke und denke noch immer, ich habe einen Grad von Denkenmüssen erreicht, an dem Denken nicht mehr möglich ist, ich sinke in den Schultern ein, es wird mir so heiß, weil ich das Gesicht zu nahe an der Herdplatte habe.
[...] mein herrliches Land, jetzt nicht mehr größer als meine Herdplatte, die zu glühen anfängt, während der Rest des Wassers durch diesen Filter tropft... Ich muß aufpassen, daß ich mit dem Gesicht nicht auf die Herdplatte falle, mich selber verstümmle, verbrenne, denn Malina müßte sonst die Polizei und die Rettung anrufen, er müßte die Fahrlässigkeit eingestehen, ihm sei da eine Frau halb verbrannt.

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Meine Hände zittern nicht, ich trage das Tablett ins Zimmer, ich schenke gehorsam den Kaffee ein, wie immer, ich gebe in Malinas Schlae zwei Löffel Zucker und keinen Zucker in meine. Ich setze mich Malina gegenüber, es ist totenstill, und wir trinken unseren Kaffee. Was hat Malina? Er dankt nicht, er lächelt nicht, er bricht das Schweigen nicht, er macht keine Vorschläge für den Abend. Es ist aber sein freier Tag, und er will nichts von mir.
Ich sehe Malina unverwandt an, aber er sieht nicht auf. Ich stehe auf und denke, wenn er nicht sofort etwas sagt, wenn er mich nicht aufhält, ist es Mord, und ich entferne mich, weil ich es nicht mehr sagen kann.

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