Literaturbrevier

Richard Beer-Hofmann: Der Tod Georgs

Im Duft der reifenden Pfirsiche, im Summen der Bienen [fühlt man Leben] — [...] und alle Sehnsucht ist eingeschlafen.

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Große Falter mit feierlich sich breitenden Flügeln schwebten regungslos über hoch und schlankgestielten Blumen, die farblos wuchsen; und er wußte, daß die dunkelten, wenn man ihrer vergaß, und licht und duftend wurden, wenn man lange voll Liebe sich über sie neigte.

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Schlicht und festgebettet lag ihre Seele in dem, was man sie gelehrt und was sie von Jugend auf um sich gesehen. Oft nur mit einem Lächeln und dann wieder mit scheinbar spielenden klugen Worten rührte er an dem, was ihr unantastbar geschienen. Er nahm ihr den Glauben an einen gütigen Gott, der ihr Schicksal lenkte, und ließ ihr nichts als verzehrende Sehnsucht nach Glauben. [...] Was ihr armer kindlicher Sinn als seinen unveränderlichen edlen Besitz erachtet, hatte sie ihm gläubig emporgereicht; und wir seine kalten prüfenden Finger es ans Licht hielten, war aller Glanz erloschen, und was ihr ewig leuchtend erschienen, war nur stumpfes farbiges Glas.
Aber je mehr er ihr nahm, desto mehr ward sie sein. Leer und haltlos sank sie ihm zu, denn an ihn glaubte sie, als wüchse ihm die Kraft und Tugend aller Dinge zu, die er zerstörte und die schwächer waren als sein Wort. Wenn sie an ihn geschmiegt horchend dasaß und mit traurigen hungernden Augen zu ihm aufsah, fühlte er, daßer ihr etwas zu geben schulde für das, was er ihr genommen.

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Wenn sie von längst vergangenen Taten gelesen, die golden und blutig aus fernem Dunkel herüberleuchteten, schien ihr Schritt kühn und herrisch, wie sonst nie, und ihre Stimme klang voll und tief, wie bebendes Metall. Wie trunken von allzuvielem lehnte sie sich an ihn, wenn sie aus hohen kühlen Sälen, die die Herrlichkeit gewesener Zeiten bargen, hinaus in die helle Herbstessonne traten. Von den Bildern von Frauen, deren große Schönheit fast quälende Unruhe gab, war unbewußt auf ihre Lippen das fremde Lächeln jener geglitten. Sie ahnte auch nicht, daß eine vorher nicht gekannte Sehnsucht nach ernstem feierlichen Insichsinnen ihr von Bildern kam[...].

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Er hatte eine Wärterin von Wien kommen lassen; aber die Kranke litt unter dem sicheren ruhigen Gleichmut, mit dem die ihr Geschäft verrichtete. Daß sie geduldig ihre Launen ertrug und die Krankheit gering und unwichtig zu schätzen schien gegenüber all dem entsetzlichen Leiden, das sie mitangesehen hatte, erbitterte die Kranke. Sie haßte diese Frau, die an ihrem Bette saß, und deren Geschäft es war, andere sterben zu sehen; wenn sie litt, las sie in ihren ruhigen Augen ein überlegenes ›Das alles kenne ich‹; sie verzieh ihr nicht, daß die sie um ihre letzte Eitelkeit betrog und ihrem Sterben das Wichtige und Unerhörte nahm.

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Und ihr Leib, der nicht den Reiz fremder Erinnerungen sich hätte borgen müssen, und dessen Schönhheit — wie die der Plfanzen — mit starkem lebenswillen eins, aus ruhigem Wachsen und reicher Nahrung und vielem Licht, notwendig sich entfaltet hätte.

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Niemand war da, der am Abend die Schnüre der Schuhe der Kinder löste; über ihre wundgestoßenen müden Füße goß niemand kühles Wasser, und salbte sie mit streichelnden guten Händen.

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Viel hatte ihnen gehört! Aber jeder Tag hatte von ihrem Besitz gestohlen, bis sie die geworden, die nun ohne Schlaf in sich dehnenden Nächten dalagen und mit hoffnungsleeren offenen Augen ins Dunkel sahen. Wen schreckte noch ihr Drohen, und wen lockte ihre Liebe? Lohnte es sich, noch etwas zu beginnen, und für wen wollten sie vollenden?

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Er fühlte sich verlassen, und litt um eine Frau, die ihm gestorben war; und von den Jahren, die er mit ihr gelebt, lösten sich die Erinnerungen vieler Tage und Stunden, und rollten ihm zu, und sanken schwer in seinen Schmerz.
Um eine Frau, die nie gelebt hatte! Um einen Traum, den er vor Monaten geträumt — in der Augustnacht, in der Georg gestorben war!
Er b egriff es nicht. Gab es Träume, so erfüllt von überlebendigem Leben, daß es in den wachen Tag hinüberquoll, und einen anfaßte wie Geschehenes? Schwand nicht alle Kraft der Träume mit dem Morgen? [...] War nicht alles zu Ende, wenn man erwachte?
Wenn man erwachte!
Und wenn man nicht mehr erwachte?
[...] Träme waren es, solange man noch aus ihnen erwachen konnte.

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Paul erinnerte sich, wie eifrig er den beiden Frauen hierher gefolgt war; und nun ließ er sie gehen, ohne zu wissen, wer sie waren, wie sie eigentlich aussahen; und er hätte doch nur wenige Schritte machen müssen, um ihre Züge zu sehen. Morgen konnte er ihnen irgendwo in der Stadt am hellen Tag begegnen, und er würde sie nicht wiedererkennen. Einen Augenblick lang hatten sie in seinem Leben etwas bedeutet.

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