Literaturbrevier

Thomas Bernhard: Alte Meister

Die Qualität meiner Kritiken für die Times, sagte er, beruht tatsächlich darauf, daß ich das Kunsthistorische Museum und das Ambassador aufsuche, das Kunsthistorische Museum jeden zweiten Vormittag, das Ambassador jeden Nachmittag. Allein diese Gewohnheit hat mich nach dem Tod meiner Frau gerettet. Mein lieber Atzbacher, ohne diese Gewohnheit wäre ich auch schon gestorben, sagte Reger gestern. Jeder Mensch braucht solch eine Gewohnheit zum Überleben, sagte er. Und ist es die verrückteste aller Gewohnheiten, er braucht sie.

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Was reden wir nicht alles mit Leuten, die uns nicht das geringste angehen, sagte er, weil wir Zuhörer brauchen. Wir brauchen Zuhörer und ein Sprachrohr, sagte er. Lebenslänglich haben wir den Wunsch nach dem idealen Sprachrohr und finden es nicht, denn das ideale Sprachrohr gibt es nicht.

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Der Staat denkt, die Kinder sind die Kinder des Staates und handelt entsprechend[...]. Der Staat gebiert in Wahrheit die Kinder, nur Staatskinder werden geboren, das ist die Wahrheit, [...]den Müttern wird nur eingeredet, daß sie die Kinder auf die Welt bringen, es ist der Staatsbauch, aus dem die Kinder kommen, das ist die Wahrheit. [...] Wir sehen, wohin wir schauen, nur Staatskinder, Staatsschüler, Staatsarbeiter, Staatsbeamte, Staatsgreise, Staatstote, das ist die Wahrheit.

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Meine Kindheit war genauso eine schöne, wie eine grausame und grauenhafte Kindheit, denke ich, in welcher ich bei den Großeltern der natürliche Mensch sein durfte, während ich in der Schule der staatliche zu sein hatte, zu Hause bei den Großeltern war ich der natürliche, in der Schule war ich der staatliche, einen halben Tag war ich der natürliche, einen halben Tag der staatliche, einen halben Tag und also am Nachmittag war ich der natürliche und dadurch der glückliche, einen halben Tag und also am Vormittag war ich der staatliche und dadurch unglücliche Mensch.

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Die Alten Meister[Künstler, Dichter o. Ä.] halten nur der oberflächlichen Betrachtung stand, betrachten wir sie eingehend, verlieren sie nach und nach und am Ende, wenn wir sie wirklich und wahrhaftig und das heißt, so gründlich wie möglich die längste Zeit studiert haben, lösen sie sich auf [...] und selbst das Gescheiteste ist am Ende nur Dummheit.

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Wenn es eine Hölle gibt, und natürlich gibt es die Hölle, sagte er, dann ist meine Kindheit die Hölle gewesen. Wahrscheinlich ist die Kindheit immer eine Hölle, die Kindheit ist die Hölle, sagte er, gleich was für eine Kindheit, sie ist die Hölle. Die Leute sagen, sie haben eine schöne Kindheit gehabt, aber es war doch die Hölle. Die Leute verfälschen alles, sie verfälschen auch die Kindheit, die sie gehabt haben.

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Wir fragen uns ja oft, wie kommen diese Leute zusammen, die sich vollkommen entgegengesetzt sind, so Reger. Eine Frau mit einer so hysterischen Tierstimme und mit einem so hennenhaften Gang und ein Mann wie Irrsigler, der so ausgeglichen und angenehm ist.

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Immer habe ich geglaubt, die Musik ist es, die mir alles bedeutet, manchmal ja auch, die Philosophie ist es, die hohe und die höchste und die allerhöchste Schriftstellerei, wie überhaupt, daß es ganz einfach die Kunst ist, aber alles das, die ganze Kunst, wie auch immer, ist nichts gegen diesen einen einzigen geliebten Menschen.

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Und Sie erkennen, nicht diese großen Geister und nicht diese Alten Meister sind es, die Sie Jahrzehnte am Leben erhalten haben, sondern daß es nur dieser eine einzige Mensch, den Sie wie keinen zweiten geliebt haben, gewesen ist.

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Wir glauben, ohne Menschen auskommen zu können, ja wie glauben sogar, ohne einen einzigen Menschen auskommen zu können [...]. Ohne Menschen haben wir nicht die geringste Überlebenschance, sagte Reger, wir können uns noch so viele große Geister und noch so viele Alte Meister als Gefährten genommen haben, sie ersetzen keinen Menschen[...].

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Wir nehmen die Menschen immer wieder in Schutz, weil wir nicht glauben können und auch gar nicht glauben wollen, daß sie so gemein sein können, bis wir immer wieder die Erfahrung machen, daß sie ebenso gemein sind, wie wir es gar nicht für möglich halten.

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