Literaturbrevier

Thomas Bernhard: Amras

Ein Buch über alle Wahrnehmungen, die ich im Turm gemacht habe, müßte natürlich ein Buch über Alles sein, über das ganze Mögliche. Aus diesem Grund ist es unmöglich, ein Buch über alle Wahrnehmungen, die ich im Turm gemacht habe, zu verfassen.

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Ich sah mich in den verrohten Innsbrucker Gassen, immerfort vor den Fleischhauerhäusern, vor den Schriftstellerhäusern, vor den Schauspielerhäusern, vor den Gerichtsanwaltsmenschenhäusern umkehren ... immerfort kehrte ich um ... Ich sah mich der Handlungsarmut der Stadt, der Handlungsarmut der Welt, der Handlungsarmut meines Gehirns entfliehen ... und immer und immer wird, hinter dem Landgesicht, dem Hausgehilfinnen-, dem dünnen jungen Gesicht ... den Hintergrund dessen, worauf ich spazierte ... den Vordergrund ... ich spazierte und täuschte mir einen Spaziergang vor ... ich war nicht mehr fähig zu einem Spaziergang, ich hatte mir meinen Spaziergang nach Wilten vorgetäuscht, den ganzen Nachmittag vorgetäuscht, mein ganzes Elend, unser ganzes Elend nur vorgetäuscht ...

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In Walters Gesicht waren immer nur Traurigkeiten gewesen, das IMMER von seiner zu hohen Intelligenz hervorgerufen, die ja alles nur flüssig zu machen brauchte ... Wir beherrschten beide die Kunst der Andeutung wie keine andere ... wir haßten, verachteten alles Ausgesprochene, Zuendegeredete ...

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EIN SCHAUSPIELER
Ein Schauspieler tritt in einem Märchenspiel auf, in dem er die Rolle des bösen Zauberers spielt ... er wird in einen Schafspelz gesteckt und in ein Paar viel zu kurze Schuhe, die ihm die Füße zusammenpressen ... das sieht niemand ... er spielt vor Kindern so gern, denn sie sind das dankbarste Publikum ... Die Kinder, dreihundert, erschrecken natürlich bei seinem Auftritt, denn sie sind ganz für das junge Paar eingenommen, das der Zauberer in zwei Tiere (Kriechsäugetiere) verwandelt, verzaubert ... Am liebsten würden sie nur das junge Paar, sonst nichts, sehen, aber dann wäre das Spiel kein gutes Spiel, und um ein gutes Spiel, um ein gutes Märchenspiel, handelt es sich ... zu einem richtigen guten Märchenspiel (Spiel) gehört eine böse (bösartige), undurchschaubare Gestalt, die das Gute, Durchschaubare zu zerstören oder wenigstens lächerlich zu machen hat (trachtet). Da nun der Vorhang zum zweitenmal aufgeht (und das Spiel seinen Lauf nimmt), sind die Kinder nicht mehr zu halten, sie stürzen aus ihren Sesseln und auf die Bühne, und es ist, als wären es nicht nur dreihundert, sondern dreitausend, als wäre es eine Million ... und obwohl der Schauspieler als Zauberer unter der Maske des Zauberers weint und sie anfleht, sie möchten doch mit ihren Schlägen und Fußtritten aufhören, lassen sie sich nicht beeinflussen und schlagen (mit harten, spitzen Gegenständen, Scheren und Messern) so lange auf ihn ein und trampeln so lange auf ihm herum, bis er sich nicht mehr rührt, bis er tot ist ... als die anderen Schauspieler, die hinter der Bühne standen, auf ihren Auftritt wartend, ohne von der Tragödie in diesem Märchenspiel etwas bemerkt zu haben, plötzlich herbeigeeilt kommen und feststellen, daß ihr Mitspieler, ihr bester, der Zauberer, der Schauspieler als Zauberer ist, brechen die Kinder, die ihn getötet haben, in ein ungeheures Gelächter aus, das so groß ist, daß alle darin den Verstand verlieren ...

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Am Abend kommt der Holzfäller herunter; zuerst glaubte ich, ein Tier ..., dann aber ganz deutlich, ein Tier, das ein Mensch ist, dieser Mensch, der der Holzfäller ist und der sich vor mir versteckt, als ob er ein Tier wäre ...

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Im Grund existiert nur, was uns gequält hat und was uns quält, existiert nur, was uns immerfort quält (für uns); was uns verführt hat, wer uns verführt hat ... alles andere, jeder andere hat, für uns, nie existiert... kein mensch, der mich kein einziges Mal gequält hätte und verführt hätte [...] Unsere Mutter verursachte uns unsere größte Qual, ihre größten Qualen, nichts als unausgesetzte Qualen bis in die kleinen und kleinsten Einzelheiten hinein ... genau vorausberechnete (von ihr vorausberechnete) Qualen ...

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Das Bewußtsein, daß du nichts bist als Fragmente, daß kurze und längere und längste Zeiten nichts als Fragmente sind ... daß die Dauer von Städten und Ländern nichts als Fragmente sind ... und die Erde Fragment ... daß die ganze Entwicklung Fragment ist ... die Vollkommenheit nicht ist...

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›Das Unglück, in das wir hineingestürzt worden sind‹ (Vater).

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Endlich, denkst du, endlich — gleich darauf(nach zwei Stunden völliger Einsamkeit): einen Knienden darfst du nicht ansprechen ... und gehst weiter ...

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Der Bach ist zu, der Frühling ist zu, der Sommer ist zu, der Winter ist zu, Menschen, Tiere, Empfindungen, alles ... das gesprochene Wort, das die Welt einfach abschließt.

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Was tust du, wenn du, der du erniedrigt bist, stirbst...

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Ich sehe keinem an, wie er ist... nur woraus er ist...

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Bald hatten wir, mit der Zeit, Angst vor dem Aufschlagen unserer Bücher, unserer Schriften und Briefe, vor dem Hineingehen in die finsteren, ungelüfteten Kirchen der Philosophien, vor den ungeheueren Dynalogien von Kathedralen ... Angst vor den Falltüren in philosophischen Gängen, wissenschaftlichen Mühlen und Sägewerken ... Schon als Kinder hatte uns das Öffnen von Türen und Fenstern Gleichgewichtsstörungen, Kopfschmerzen und Ohnmacht verursacht ... später war uns das oft beim Umblättern einer Bücherseite geschehen...

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