Literaturbrevier

Thomas Bernhard: Das Kalkwerk

Ab und zu, habe Konrad zu Fro gesagt, wären in den ersten Sickinger Jahren im Kopf seiner Frau noch recht oft das Wort und der Begriff Toblach aufgetaucht, immer nur das Wort Toblach, so Fro, niemals Tobiacco, dieser Kindheitsbegriff sei ihr oft stundenlang durch den Kopf und schließlich durch ihr Zimmer und in der Folge immer auch durch das ganze Kalkwerk gegeistert, aber immer weniger oft, soll Konrad zu Fro gesagt haben.

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[...]der Begriff Toblach spiele auf einmal keine Rolle mehr, seine Frau habe Toblach aufgegeben, wie ihm scheine, indem sie Toblach aufgegeben habe, sich selber aufgegeben[...].

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Die Schnörkel, die, bevor er das Kalkwerk gekauft habe, da und dort am ganzen Kalkwerk gewesen wären, Kennzeichen zweier geschmackloser Jahrhunderte, habe er, so Konrad zu Wieser, entfernen lassen, alle Schnörkel sofort, zu einem Großteil habe er diese Schnörkel mit seinen eigenen Händen aus den Wänden heraus- und von den Wänden heruntergerissen, herausgebrochen und herausgeschlagen und herausgerissen und heruntergeschlagen und heruntergebrochen und heruntergerissen und er habe all diese heraus- und heruntergerissenen Schnörkel durch keine neuen ersetzt.

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In dieser vollkommenen Abgeschiedenheit und Abgeschnittenheit sei naturgemäß Ruhe. Die Tatsache, meint Wieser, daß im Winter im Kalkwerk absolute Ruhe herrsche, habe ihn, Konrad, zuerst am Kalkwerk begeistert. Dieser Gedanke verfolgte ihn, der Gedanke, daß im Kalkwerk vollkommene Ruhe sei im Winter, habe ihm, Konrad, jahrzehntelang keine Ruhe gelassen. In diesem Gedanken sei er oft nahe daran gewesen, wahnsinnig zu werden.

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Es sei alles vorausberechnet, vieles mag als das Zufälligste erscheinen, als das Unsinnigste, aber alles sei durchaus vorausberechnet.

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Daß hier kein Mensch alt werde. Und trotzdem alle Leute den Eindruck von alten Menschen machten. Wo man hingehe[...], nur alte Leute, soll er gesagt haben, selbst die Kinder fielen, sehe man genau hin, durch das widerwärtige Gehabe alter Leute auf.

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Neinnein, sage er und lügt, die Lüge, denke er, Konrad, als das einzige Kontaktmittel zu beinahe allen Menschen.

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Kein Mensch gehe mit, wenn man nicht einen Menschen zwinge, mitzugehen[...]. Aber auch dann, wenn ein Mensch mit einem mitgeht, soll Konrad gesagt haben, gehe man allein, man gehe allein und in ein immer größeres Alleinsein hinein. Und in immer größere Finsternis hinein allein, denn der Denkende gehe immer nur allein in immer größere Finsternis.

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[...] überhaupt machten sie beide sich ein erträgliches Leben im Kalkwerk vor, andauernd, wie Konrad zu Fro gesagt haben soll, ohne Unterbrechung, während sie doch beide ununterbrochen in einem unerträglichen Leben gefangen seien, aber machten sie sich nicht Erträglichkeit vor, wäre ihre Unerträglichkeit nicht zu ertragen, soll Konrad zu Fro gesagt haben, andauerndes Vormachen von Erträglichkeit in einem andauernden Zustand von Unerträglichkeit sei das einzige Mittel, weiter zu kommen[...].

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Aber gänzlich ohne einen Menschen könne kein Mensch sein, soll Konrad gesagt haben, er schäme sich nicht, etwas immer wieder zu sagen, was alle Leute immer wieder sagen, das Lächerlichste, Einfachste, Abgedroschenste, nur sage er es bei vollem Bewußtsein, während es die andern niemals bei vollem Bewußtsein sagten, das sei der Unterschied[...].

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die Zusammenhänge, die, wie du weißt, mit dem Zusammenhang nichts zu tun haben, aber die doch auf das empfindlichste mit den Zusammenhängen des Zusammenhangs, der mit dem Zusammenhang nichts zu tun habe, zusammenhängen und so fort.

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auch wenn Sie nichts sagen, höre ich, wie Sie sagen, ich will allein sein

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Andererseits, soll Konrad sofort darauf gesagt haben, wäre alles ganz sinn- und zwecklos, man denke etwas, und das sei zwecklos, man tue etwas, und das sei zwecklos, man mache oder man unterlasse etwas und das alles sei immer zwecklos, sinnlos sei, was man denke, wie zwecklos sei, worin man handle, so lasse man als Vernünftiger alles sich selbst entwickeln, ganz gleich wohin.

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[...]aber die Ursache finde man nicht, werde niemals gefunden, immer nur eine Ersatzursache, betreibe man die sogenannte heute doch recht mißbrauchte weil mißverstandene Ursachenforschung, kommen man immer nur auf Ersatzursachen und man gebe sich auch immer mit solchen Ersatzursachen zufrieden, die ganze Welt, wie wir sie glauben oder einfach tagtäglich wiederzuerkennen glauben, erkläre man (sich) aus nichts anderem als aus Ersatzursachen durch Ersatzursachenforschung.

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Schon die längste Zeit seien nurmehr noch die einfachsten Sätze zwischen ihnen, Konrad und seiner Frau, gewesen, sagt Fro, das Notwenigste, wie Konrad einmal zu Fro gesagt haben soll, es habe längst keinen sogenannten Gedanken-, nurmehr noch einen Wörteraustausch zwischen ihnen beiden gegeben, Fro sagt jetzt: wahrscheinlich tauschten sie, indem sie gegenseitig die ganze Skala von Alltagswörtern und Notwendigkeitsfloskeln austauschten, nurmehr noch gegenseitigen Haß aus.

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Im Grunde, soll die Konrad oft zu ihrem Mann gesagt haben, sei sie ja weniger mit einem Verrückten, mehr mit einem Kriminellen verheiratet.

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Wir sagen uns von Zeit zu Zeit, wir sind am Ende, soll Konrad zu Fro gesagt haben, und sind dadurch, daß wir zu uns sagen, wir sind am Ende, das tatsächlich mehrmals am Tage, [...], beruhigt, daß wir aussprechen, was wir denken, daß wir zu uns [...] einfach nichts mehr vormachen, beruhigt uns, der Gedanke,[...].

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Rede er von der Arbeit an der Studie, sage sie darauf, meistens urplötzlich: du wärst sicher ein anerkannter Naturwissenschaftler geworden, rede er etwas Politisches, sage sie, du wärst sicher ein anerkannter Politiker geworden, versuche er ihr den Wert der Kunst des Francis Bacon zu erklären, sage sie, du wärst sicher ein großer Künstler geworden.

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Konrad habe vor etwa einem Jahr folgenden Traum gehabt:
Konrad stehe in der Nacht auf, weil er einen die Studie betreffenden Einfall habe, setze sich hin und fange tatsächlich an, die Studie niederzuschreiben, es gelinge ihm, die Hälfte der Studie niederzuschreiben, er habe, während er schon die Hälfte der Studie niedergeschrieben hat, das Gefühl, jetzt auch noch den Rest, also auch noch die andere Hälfte der Studie und also die komplette niederzuschreiben und er gibt nicht nach und schreibt und schreibt und es ist ihm möglich, die komplette Studie auf Papier zu bringen, wie er die ganze Studie fertig hat, fällt ihm vor Erschöpfung sein Kopf auf den Schreibtisch, als ob er, Konrad, ohnmächtig wäre, bleibt sein Kopf auf dem Schreibtisch liegen, das sieht Konrad, einerseits ist er ohnmächtig vor Erschöpfung und sein Kopf liegt auf der gerade niedergeschriebenen Studie, andererseits beobachte er, wie sein vor Erschöpfung auf die komplett fertige Studie gefallener Kopf bewegungslos ist, Konrad ist bewußtlos und in der Lage, seine Bewußtlosigkeit zu beobachten, alles im Zimmer zu beobachten, es ist folgender Zustand: Konrad hat die Studie tatsächlich, wie er es sich oft und oft, jahrzehntelang vorgestellt gehabt hat, niederschreiben können, in einem einzigen Zuge, ist nach dem letzten Wort völlig erschöpft und wird ohnmächtig und beobachtet sich in dieser Ohnmacht von allen Seiten seines Arbeitszimmers aus, diesen Zustand bezeichnete Konrad als Idealzustand seines Lebens; stundenlang habe Konrad sich in dieser Ohnmacht im Besitze der niedergeschriebenen Studie beobachtet, deutlich habe er, als er mit dem Text der Studie fertig gewesen war, auf das Deckblatt der Studie, in seiner altmodisch-großen Schnörkelschrift, wie Fro sagt, den Titel Das Gehör geschrieben, stundenlang habe sich Konrad in diesem Zustand von allen Seiten des Zimmers aus beobachtet, diese Szene, die er selber später als die glücklichste in seinem Leben bezeichnete, während sie zweifellos im Grunde seine allerunglücklichste darstellt, als auf einmal, urplötzlich, soll Konrad zu Fro gesagt haben, die Tür aufgegangen war und seine, Konrads, Frau ins Zimmer eingetreten ist, die verkrüppelte, jahrzehntelang an ihren Krankensessel gefesselte Konrad, die in Wirklichkeit nicht einmal imstande gewesen war, einen einzigen Schritt zu machen, ja nicht einmal sich von selbst aufrichten habe können in ihrem Krankensessel, steht auf einmal in Konrads Zimmer und tritt zu dem noch immer ohnmächtigen, die Szene aber beobachtenden Konrad, ihrem Mann, hin und schlägt mit der Faust auf die Studie und sagt: in aller Heimlichkeit also hast du die Studie niedergeschrieben, in aller Heimlichkeit, mehrere Male wiederholt die Konrad: in aller Heimlichkeit und Konrad beobachtet das und hört dasm während er vollkommen ohnmächtig ist, sein Kopf liegt, wie gesagt, auf der fertigen, niedergeschriebenen Studie, auch die Erschütterung durch den Faustschlag seiner Frau auf die Studie hat ihn nicht aus der Ohnmacht herausgerissen, plötzlich aber schlägt die Konrad ein zweites Mal mit der Faust auf die Studie, man denke, die völlig Entkräftete, durch jahrzehntelange Körperlähmung und -verkrüppelung völlig Kraftlose, schlägt mit aller Wucht auf die Stude und sagt: das wäre ja noch schöner, hinter meinem Rücken die Studie einfach tatsächlich niederschreiben, in einem Zuge auf einmal die Studie niederschreiben!, und die Konrad nimmt den Pack Papier mit der Studie und wirft ihn in den Ofen. Konrad will aufspringen und sie daran hindern, kann aber nicht, er kann sich nicht rühren. So, die Studie ist verbrannt, die ganze Studie ist wieder verbrannt, sagt die Konrad und: jetzt kannst du dir wieder den Kopf zerbrechen, wie du die Studie niederschreibst, wieder ein paar Jahrzehnte den Kopf über die Niederschrift der Studie zerbrechen, die Studie ist nicht mehr da!

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Eine solche lückenlose Erzählung eines solchen fürchterlichen Traums, soll Konrad zu Fro gesagt haben, und man vernichtet den betreffenden Menschen.

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[...]abgesehen von allen diesen Sadismen ihrerseits, Unsinnigkeiten, Frauen seien ja in nichts so schöpferisch wie im Erzeugen von Unsinnigkeiten, Absurditäten, Lächerlichkeiten [...]

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Nur Feinde, soll er gesagt haben, denn selbst Freunde seien nichts al Feinde, man mache sich einen Freund vor, indem man den Feind hinter diesem Freund verberge, vor sich vertusche, der Freund komme in das Theater, das man sich vormache, herein und setze sich zeitweilig in die Bühnenmitte, weil uns das notwendig erscheine, so lange, bis wir ihn fortjagen, weil wir ihn plötzlich wieder als Feind zu erkennen imstande seien, als Feind unter allen anderen Feinden, die unsere Bühne bevölkerten.

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[...]es gibt doch eine Art von Gewohnheitsverbrechern, soll Konrad in seinem Zimmer hin- und hergehend gedacht haben, die nicht krank, sondern tatsächlich bösartig sind[...].

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Keine Antwort sei auch eine Antwort.

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