Literaturbrevier

Thomas Bernhard: Der Atem

Wir hatten beschlossen, alles zu tun, um aus dem Krankenhaus wieder hinauszukommen. Auf einen neuen Anfang, auf einen neuen Lebensanfang sollten wir uns gefaßt machen. Mein Großvater hatte von einer Zukunft gesprochen (für uns beide), wichtiger und schöner als die Vergangenheit. Es komme nur auf den Willen an, beide hätten wir den Willen, diese Zukunft zu besitzen, in höchstem Maße. Der Körper gehorche den Geist und nicht umgekehrt.

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Die Patienten wurden, wie ich schon sehr bald hatte feststellen können, nicht nur täglich, sondern stündlich und ohne daß diese Prozedur für das Personal erschreckend gewesen wäre, ausgewechselt, weil sie in dieser Jahreszeit in kurzen und in immer kürzeren Abständen starben und nicht schnell genug starben, wie ich dachte, um ihre Betten für ihre Nachfolger freizumachen. Schon drei, vier Stunden, nachdem einer gestorben und aus seinem Bett entfernt und in die Prosektur gebracht worden war, hatte sein Nachfolger in diesem Bett seinen letzten Todeskampf aufgenommen. Daß Sterben letzten Endes etwas so Alltägliches ist, hatte ich vorher nicht wissen können.

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Er hatte an einem der ersten Nachmittage seines Krankenhausaufenthaltes einem, wie er sagte, ausgezeichneten Orgelspieler zugehört und während dieser Orgelmusik sich Gedanken über meine Zukunft gemacht. Dieser Krankenhausaufenthalt sei ihm urplötzlich, gar nicht im medizinischen, sondern in einem existentiellen Sinne, als eine unumgängliche Notwendigkeit erschienen, er sei hier im Krankenhaus, in dem, so er, zu lebenswichtigen und existenzentscheidenden Gedanken geradezu herausfordernden Leidensbezirk zu einem grundlegenden Überdenken seiner und auch meiner Situation gekommen. Von Zeit zu Zeit seien solche Krankheiten, tatsächliche oder nicht, wie er sich ausdrückte, notwendig, um sich jene Gedanken machen zu können, zu welchen der Mensch ohne eine solche zeitweise Krankheit nicht komme.

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Unter hundert sogenannten Ärzten findet sich selten ein wirklicher Arzt.

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Die Visite, der Höhepunkt an jedem Tag, war gleichzeitig immer die größte Enttäuschung gewesen.

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Von seiner schwarzen Personalientafel hatte ich schon bald, nachdem ich wieder bei Bewußtsein gewesen war, das Wort GENERAL ablesen können, das unter seinen, wie ich mich erinnere, ungarischen Namen in Großbuchstaben geschrieben war. Lange Zeit hatte ich meine Aufmerksamkeit nur auf dieses eine Wort GENERAL gerichtet und mich gefragt, ob, was ich die ganze Zeit als GENERAL von der Tafel heruntergelesen hatte, auch wirklich das Wort GENERAL gewesen war. Ich hatte mich nicht verlesen, der Mann war tatsächlich ein ungarischer General gewesen, ein Flüchtling wie Hunderttausende und Millionen andere auch, den es, wer weißwoher, bei Kriegsende nach Salzburg verschlagen hatte. Es war mir unvorstellbar gewesen, mit einem wirklichen General, der bei näherer Betrachtung auch noch genauso ausschaute wie ein General, in einem Zimmer zu sein. Der General hatte nicht ein einziges Mal Besuch bekommen, was darauf schließen ließ, daßer überhaupt keinen Menschen mehr hatte.

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Das Auffallendste an diesem Menschen, der es, wer weiß unter welchen Umständen, zum General gebracht hatte, war seine Lautlosigkeit, nicht Schweigsamkeit, sondern absolute Lautlosigkeit gewesen, niemand hatte jemals etwas von ihm gehört, und er auch niemals von irgendeinem Menschen angesprochen worden.

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Er hatte seinen Körper, nachdem er in sein Bett gelegt worden war, auf die linke, mir zugewandte Seite gedreht und war dann in dieser Stellung geblieben. Ich beobachtete, wenn ich ihn anschaute, einen kleinen knabenhaften Kopf, in welchem sich nurmehr der Mund bewegte, der Geldbriefträger hatte auf nichts mehr reagiert, und wenn er gewaschen wurde, hatte er die ganze, bei ihm nur oberflächlich vorgenommene Prozedur in der allerkürzesten Zeit über sich ergehen lassen. Er hatte auch, wie ich mich erinnere, keine Nahrung mehr zu sich genommen. Wenn er Besuch bekommen hatte, war dieser Besuch angehalten gewesen, sich auf das Kürzeste zu fassen, die Besucher hatten auf ihn eingeredet, aber keinerlei Antwort mehr erhalten. Es war für mich keine Frage, der Mann mußte jeden Augenblick sterben, manchmal war es mir, als wäre er bereits tot, daß ich also seinen letzten Atemzug übersehen hatte, aber dann hatte ich, durch den Blick auf seinen Mund, durch welchen er atmete, die Gewißheit, daß er noch lebte.

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Wenn ich ihn beobachtete, hatte ich den Eindruck, er wolle nicht mehr auf der Welt sein und sie nicht mehr sehen, denn er machte seine Augen nicht mehr auf, und seine Körperstellung, die ununterbrochen angespannte äußerste Zusammenkrümmung seines Körpers, deutete auch darauf hin, daß er ununterbrochen den Versuch machte, sich am Ende seines Lebens vollkommen zu verkrümmen und auf diese Weise nicht mehr in die Welt zurückkehren zu müssen.

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Ich war zwar nicht mehr ohnmächtig geworden bei seinem Anblick, denn ich hatte mich an diesen Anblick längst gewöhnt, aber ich bin nach wie vor in dieser brutalen Prozedur völlig zerstört gewesen. Noch Stunden nach jeder Punktion war ich, unfähig zu der geringsten Bewegung, mit geschlossenen Augen in meinem Bett gelegen, kein Gedanke ist auch nur in Frage gekommen, und die Bilder in meinem Kopf sind in sich zerstört gewesen. Eine in sich vollkommen zertrümmerte Welt hatte ich von diesen Augenblicken anschauen [...] müssen.

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