Thomas Bernhard: Der Untergeher
[Zum Mönchsberg, auch „Selbstmordberg“ genannt:]
[...] aber ich habe mich nicht hinuntergestürzt. [...] Ich habe umgedreht.
Natürlich haben sich bis jetzt mehr umgedreht, als daß abgesprungen
sind, dachte ich.
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Drei Tage sei Glenn in den Zauber der Stadt vernarrt gewesen, dann
habe er plötzlich gesehen, daß dieser Zauber, wie gesagt wird, ein
fauler sei, daß diese Schönheit im Grunde abstoßend ist und die
Menschen in dieser abstoßenden Schönheit gemein seien.
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Überall spielen und sitzen diese Musiklehrer und ruinieren Tausende und
Hunderttausende von Musikschülern, als wäre es ihre Lebensaufgabe,
die außerordentlichen Talente junger Musikmenschen im Keim zu ersticken.
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Kaum saß er am Klavier, war er auch schon in sich zusammengesunken
gewesen, dachte ich, er sah dann aus wie ein Tier, bei näherer Betrachtung
wie ein Krüppel, bei noch näherer Betrachtung aber dann wie der
scharfsinnige, schöne Mensch, der er gewesen war.
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Er liebte die klare Definition und haßte das Ungefähre.
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Tatsächlich sagte er mehrere Male, daß seine Schwester für ihn
geboren worden sei, um bei ihm zu bleiben, sozusagen um ihn zu schützen.
Niemand hat mich so enttäscht, wie meine Schwester! hat er einmal
ausgerufen, dachte ich. Er hat sich an die Schwester tödlich gewöhnt,
dachte ich.
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Obwohl dieser Tod wie kein zweiter vorauszusehen gewesen war, eine
Selbstverständlichkeit, so er.
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Aber Wertheimer ging sehr oft in dieses Gasthaus essen, wenigstens einmal
am Tag will ich Menschen sehen, sagte er, und ist es auch nur diese verkommene,
verwahrloste, dreckige Wirtin.
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[...] ich habe in der Schweiz immer das Gefühl gehabt, ich bin in einem
Bordell, sagte er. Alles verhurt, ob in den Städten oder auf dem Land, sagte er.
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[...] weil er sich erst gegen vier Uhr früh hingelegt hat, nicht um zu
schlafen, so Glenn, sondern um die Erschöpfung ausklingen zu lassen.
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Aber die Schweiz ist dann doch für alle der tödliche Kerker, nach und
nach ersticken sie in der Schweiz an der Schweiz, wie auch meine Schwester an der
Schweiz ersticken wird, er sehe es voraus, Zizers wird sie umbringen, der Schweizer
wird sie umbringen, die Schweiz wird sie umbringen, so er, dachte ich.
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Die einfachen Leute aber verstehen die Komplizierten nicht und stoßen sie
in sich selbst zurück, rücksichtsloser als alle andern, dachte ich. Der
größte Irrtum ist es, zu glauben, die sogenannten einfachen Leute
erretteten einen.
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[...] er war ja schon selbstmordreif.
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Daß es meine Rettung gewesen ist, aus Wien sozusagen auf endgültig
wegzugehen und gerade nach Madrid, das mir zum idealen Existenzmittelpunkt
geworden ist, nicht erst mit der Zeit, sondern vom ersten Augenblick an, dachte ich.
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Ihn faszinierten die Menschen in ihrem Unglück, nicht die Menschen selbst
hatten ihn angezogen, ihr Unglück und er traf es überall an, wo Menschen
waren, dachte ich, er war menschensüchtig, weil er unglückssüchtig
war.
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Auf einen einzigen Satz sind sie zusammengeschrumpft unsere große
Philosophen, unsere größten Dichter, sagte er, dachte ich, das ist die
Wahrheit, wir erinnern uns oft nur an einen sogenannten philosophischen Farbton,
sonst nichts, sagte er, dachte ich. Wir studieren ein ungeheuerliches Werk,
beispielsweise das Werk Kants und es schrumpft mit der Zeit auf den kleinen
Ostpreußenkopf Kants[...].
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Der sogenannte Geistesmensch verzehrt sich in einem, wie er meint,
epochemachenden werk und hat sich am Ende doch nur lächerlich gemacht, er
mag Schopenhauer heißen oder Nietzsche, das ist gleichgültig[...].
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Die großen Denker haben wir in unsere Bücherkasten gesperrt, aus
welchen sie uns, für immer zur Lächerlichkeit verurteilt, anstarren, sagte
er, dachte ich. Tag und Nacht höre ich das Gejammer der großen Denker,
die wir in unsere Bücherkasten gesperrt haben, diese lächerlichen
Geistesgrößen als Schrumpfköpfe hinter Glas, sagte er, dachte ich.
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Ein Mißverständnis setzt uns in die Welt der
Mißverständnisse, die wir als nur aus lauter Mißverständnissen
zusammengesetzt zu ertragen haben und mit einem einzigen großen
Mißverständnis wieder verlassen, denn der Tod ist das größte
Mißverständnis, so er, dachte ich.
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Glenn wird, wo immer, als Krüppel und Schwächlig abgebildet[...], aber
er war tatsächlich ein athletischer Typus, [...], das hatten wir gleich wieder
gesehen, als er daran gegangen war, eine ihn, wie er selbst sich ausdrückte,
im Klavierspiel hinderlcihe Esche vor seinem Fenster umzuschneiden, eigenhändig.
Er sägte die Esche[...] allein um, [...] zerkleinerte die Esche auch gleich und
schichtete die Scheiter an der Hausmauer auf[...]. Kaum hatte Glenn die ihn angeblich
behindernde Esche umgeschnitten, hatte er den Einfall, ganz einfach die Vorhänge
seines Zimmers zuzumachen, die Rolladen herunterzulassen. Ich hätte mir das
Umschneiden der Esche ersparen können, sagte er, dachte ich. Wir schneiden oft
eine solche Esche um, sehr viele solcher Geisteseschen, sagte er, und wir hätten uns
das durch einen lächerlichen Kunstgriff ersparen können, sagte er, dachte ich.
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Wer nicht lachen kann, ist nicht ernst zu nehmen[...].
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Wir studieren ein Jahrzehnt lang auf einem Instrument, das wir uns ausgesucht haben
und hören dann, nach diesem mühseligen, mehr oder weniger deprimierenden
Jahrzehnt, ein paar Takte eines Genies und sind erledigt, dachte ich.
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Aber immer wieder sagte er auch, daß es ein Irrtum sei, zu glauben, als Floridsdorfer
wäre er glücklicher, als Kagraner, als Alsergrundmensch, dachte ich, daß es
ein Irrtum sei, anzunehmen, diese Leute hätten den Ersterbezirkmenschen wenigstens
einen besseren Charkater voraus.
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Wir müssen kein Genie sein, um einmalig zu sein und das auch erkennen zu
können, dachte ich.
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Daß er immer alles gefordert, aber nichts gegeben hat, dachte ich. Daß er
immer wieder auf die Floridsdorfer Brücke gegangen ist, um sich hinunterzustürzen,
ohne sich tatsächlich hinunterzustürzen, daß er Musik studiert hat, um ein
Klaviervirtuose zu werden, ohne ein Klaviervirtuose geworden zu sein, daß er
schließlich, wie er selbst immer wieder gesagt hat, in die Geisteswissenschaften
geflüchtet ist, ohne zu wissen, was diese Geisteswissenschaften sind, dachte ich.
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Immer ist es zutreffend, wenn wir sagen, dieser oder jener Mensch sei ein unglücklicher
Mensch, sagte ich zu Wertheimer, dachte ich, während es niemals zutrifft, wenn wir sagen,
dieser oder jener sei ein glücklicher.
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Wertheimer [...] hat sich [...] durch einen raffinierten Kustgriff [...] genau der Welt entzogen,
die ihn wie seine Millionen anderen Leidensgenossen tatsächlich immer nur glücklich
machen wollte, was er aber mit der größten Rücksichtslosigkeit gegen sich und
gegen alles andere zu verhindern wußte, weil er sich wie diese anderen auch, sich auf die
tödliche Weise, an sein Unglück wie an nichts sonst gewöhnt hatte.
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Die nicht so außerordentlich wie Wertheimer waren, hatten sich von Glenn nicht in dieser
tödlichen Weise irriteren lassen, dachte ich, hatten andererseits auch nicht das Genie Glenn
Gould erkannt. Wertheimer hatte den genialen Glenn Gould erkannt und war tödlich getroffen,
dachte ich.
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Theoretisch war er ein Existenzbeherrscher, praktisch hat er seine Existenz nicht nur nicht
beherrscht, ondern ist von ihr vernichtet worden, dachte ich.
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Wir können keinen Menschen an uns binden, sagte ich, wenn dieser Mensch es nicht will,
müssen wir ihn in Ruhe lassen, sagte ich.
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Plötzlich wird ein sogenannter einfacher Mensch, der ja niemals ein einfacher Mensch ist,
aus seiner Umgebung herausgerissen, tatsächlich über Nacht und in die Strafanstalt
gesteckt, dachte ich, aus der er, wenn überhaupt, nurmehr noch als vollkommen zerstörter
Mensch herauskommt, als ein Justizwrack, wie ich mir sagen mußte, an welchem schließlich
die ganze Gesellschaft schuld ist.
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[...] ein typischer Sackgassenmensch ist Wertheimer gewesen, sagte ich mir, von der einen
Sackgasse heraus ist er mit Sicherheit immer wieder in eine andere Sackgasse hineingegangen[...].
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