Literaturbrevier

Thomas Bernhard: Ein Kind

Wie ich Mutter und Großvater wieder zutiefst betrogen habe!

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Die Eisenbahnbrücke über die Traun, zu der ich aufblickte wie zu meiner allergrößten Ungeheuerlichkeit, einer viel größeren Ungerheuerlichkeit naturgemäß als Gott, mit dem ich zeitlebens nichts anzufangen wusste, war mir das Höchste. Und gerade deshalb habe ich immer darüber spekuliert, wie dieses Höchste zum Einsturz zu bringen sei.

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Mein Großvater hatte mir alle Möglichkeiten, die Brücke zum Einsturz zu bringen, aufgezeigt. Mit Sprengstoff könne man alles vernichten, wenn man nur wolle. In der Theorie vernichte ich jeden Tag alles, verstehst du, sagte er. In der Theorie sei alles möglich, alle Tage und in jedem gewünschten Augenblick alles zu zerstören, zum Einsturz zu bringen, auszulöschen.

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Die Großväter sind die Lehrer, die eigentlichen Philosophen jedes Menschen, sie reißen immer den Vorhang auf, den die andern fortwährend zuziehen.

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Wenn ein einfacher Mensch spricht, ist das eine Wohltat. Er redet, er schwätzt nicht. Je gebildeter die Leute werden, desto unerträglicher wird ihr Geschwätz.

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Leider hören wir immer nur die Schwätzer schwätzen, die andern schweigen, weil sie genau wissen, daß es nicht viel zu sagen gibt.

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Keine Unterhaltung[...] seinerseits, in welcher nicht unausweichlich die Feststellung folgte, daß es der kostbarste Besitz des Menschen sei, sich aus freien Stücken der Welt zu entziehen durch Selbstmord, sich umzubringen, wann immer es ihm beliebe.

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Da es nun aber einmal Pflicht sei, die Schule zu besuchen, müsse man seine Kinder hinschicken, auch wenn man wisse, man schicke sie ins Verderben. Die Lehrer sind die Zugrunderichter, sagte mein Großvater. Sie lehren nur, wie der Mensch niedrig und gemein wird, ein verabscheuungswürdiges Scheusal.

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Wenn wir es den Eltern schwer machen, wird etwas aus uns, sagte er. Gerade diese sogenannten schwierigen Kinder werden etwas.

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Was habe ich geran, um hier in diesem aller Beschreibung spottenden Drecknest existieren zu müssen.

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Und wenn wir das ganze Leben ununterbrochen Fragen beantwortet bekämen und hätten schließlich alle Fragen gelöst, wir wären am Ende doch nicht viel weiter gekommen, so mein Großvater.

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