Literaturbrevier

Thomas Bernhard: Heldenplatz

Meine Frau ist ein verlorenes Geschöpf
ein todunglückliches
sie hätte nie geboren werden dürfen
es gibt so viele die nie geboren werden hätten dürfen
Mit diesen Menschen muß man behutsam umgehen
aber die lassen einen das gar nicht
sagte der Professor immer
diese Menschen machen immer alle und alles kaputt

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Die Schuhe wird der herr Lukas nehmen
der Herr Lukas hat dieselbe Schuhgröße
ein anständiger Mensch hat Größe fünfundvierzig
hat der Professor immer gesagt

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Der Professor Robert
hat ja Herzschwäche
[...]
jetzt kommt wieder die Zeit
die für ihn die schlimmste ist
das Frühjahr ist immer schlimm
Wenn ich erst den April überstehe Frau Zittel
habe ich schon gewonnen
dann geht es wieder das ganze Jahr sagt er

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HERTA Jetzt wird der Professor Robert
auch nicht mehr lang leben
FRAU ZITTEL Der Professor Robert ist ein Lebenskünstler
ein Existenzkünstler wie der Professor immer gesagt hat

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Bügeln ist eine Kunst
hat der Professor gesagt
das Bügeln wird immer unterschätzt
die Bügelkunst ist eine der höchsten Künste

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gefährlich ist es nur mit solchen wie dem Vater
die ununterbrochen alles sehen und alles hören
und dadurch immer Angst haben
Der Onkel Robert hat nicht immer Angst
der Onkel Robert genießt ja noch heute sein Leben
der Vater hat sein Leben nie genossen
der Onkel Robert ist der geborene Genießer
der Onkel Robert glaubt nicht daß es in Wien
im Grunde doch nur Nazis gibt
das hört er sich an aber er glaubt es nicht
es berührt ihn gar nicht
[...]
Im Musikverein stört es ihn auch nicht
daß in den Konzerten lauter Nazis sitzen
der Onkel Robert kann Beethoven hören
ohne an den Reichsparteitag in Nürnberg zu denken
das konnte der Vater eben nicht
Wir waren auch immer lieber mit dem Onkel Robert zusammen
als mit dem Vater
schon in der Kindheit liefen wir wann wir nur konnten
zum Onkel Robert
weil uns der Vater zu gefährlich gewesen is
Die Denkenden waren schon immer die Gefährlichen

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Wenn sie doch nur eine literarische Figur wär
aber sie ist doch eine wirkliche
hab ich zu eurem Vater immer gesagt
das ist das Unglück

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Ich weiß genau was los ist
aber ich lasse mich nicht mehr darauf ein
ich will mich nicht mehr darauf einlassen
das kann man von mir nicht mehr verlangen
ich bin ein alter Mann das ist keine Entschuldigung
aber ich kann doch Verständnis erwarten oder nicht

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Da müßte man ja ununterbrochen
Tag und Nacht protestieren
denn überall wird alles vernichtet
überall wird die Natur vernichtet
die Natur und die Architektur alles
Bald wird alles vernichtet sein
die ganze Welt wird bald nicht mehr wiederzuerkennen sein

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das Volk hat alles zerstört
mit seinem Unsinn
die Partein und die Kirche
haben alles mit ihrem Stumpfsinn zerstört
der immer ein niederträchtiger Stumpfsinn gewesen ist
und der österreichische Stumpfsinn ist ein durch und durch abstoßender
Die Industrie und die Kirche
sind an dem österreichischen Unglück schuld
die Kirche und die Industrie sind schon immer
am österrichischen Unglück schuld gewesen
die Regierungen hängen ja vollkommen
von Industrie und Kirche ab
das ist immer so gewesen
und in Österreich ist alles immer am schlimmsten gewesen
dem Stumpfsinn sind immer alle nachgelaufen
der Geist ist immer mit Füßen getreten worden

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Was diesem armen unmündigen Volk geblieben ist
ist nichts als das Theater
Österreich selbst ist nichts als eine Bühne
auf der alles verlottert und vermodert und verkommen ist
eine in sich selber verhaßte Statisterie
von sechseinhalb Millionen Alleingelassenen
sechseinhalb Millionen Debile und Tobsüchtige
die ununterbrochen aus vollem Hals nach einem Regisseur schreien
Der Regisseur wird kommen
und sie endgültig in den Abgrund hinunterstoßen

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Das Wort Sozialismus ist in meinen Ohren schon längst
ein widerwärtiges Schimpfwort
vor dem ich genauso Angst habe wie vor dem Wort Nationalsozialismus
alle diese Parteien
aber im Grunde alle Österreicher zusammen
sind heute die Totengräber ihres Landes
alles hier ist der Niedrigkeit ausgeliefert
und erstickt an jedem Tag in Gemeinheit und Heuchelei
Aber ich bin alt und habe keine Lust mehr
mich irgendwo einzumischen
es hätte ja auch keinen Sinn
wo alles nach Auflösung stinkt
und wo alles nach Zertrümmerung schreit
ist die Stimme des einzelnen zwecklos geworden

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Jede Epoche ist eine entsetzliche
hat euer Großvater immer gesagt
aber das merkt man erst wenn man alt ist

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das Nichtmehrsein ist das Ziel
[...]
das Aus ist das Ziel
das ist der einzige tröstliche Gedanke
[...]
Das war ja lebenslänglich mein größter Vorteil
daß ich nie an Gott geglaubt habe
und daß ich immer gewusst habe
daß das Aus das Ziel ist

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Was die Schriftsteller schreiben
ist ja nichts gegen die Wirklichkeit
jaja sie schreiben ja daß alles fürchterlich ist
daß alles verdorben und verkommen ist
daß alles katastrophal ist
und daß alles ausweglos ist
aber alles das sie schreiben
ist nichts gegen die Wirklichkeit
die Wirklichkeit ist so schlimm
daß sie nicht beschrieben werden kann
noch kein Schriftsteller hat die Wirklichkeit so beschrieben
wie sie wirklich ist
das ist das Fürchterliche

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Wir leben doch immer in der falschen Zeit hat er gesagt
wir wollen alle nur in dder Vergangenheit leben
die haben wir uns so schön eingerichtet die Vergangenheit
wie wir wollen
kein Mensch will die Zukunft
aber alle müssen sie in die Zukunft hineingehen
dahinein wo es nur kalt und unfreundlich ist

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Kann schon sein
daß Sie sich ein paarmal im Jahr
in dieser Stadt wohlfühlen
wenn Sie über den Kohlmarkt gehen
oder über den Graben oder die Singerstraße hinunter in der Frühlingsluft

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