Literaturbrevier

Thomas Bernhard: Holzfällen

Wir wissen jahrzehntelang, daß ein Mensch, der uns nahe steht, ein lächerlicher Mensch ist, aber wir sehen es erst plötzlich nach Jahrzehnten, dachte ich auf dem Ohrensessel[...].

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Wir sind mit Menschen so innig zusammen, daß wir glauben, es ist eine Bindung für das ganze Leben, und verlieren sie aufeinmal über Nacht aus den Augen und aus dem Gedächtnis, das ist die Wahrheit, sagte ich mir auf dem Ohrensessel.

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Ich bin, obwohl ich auf keinen Fall in die Gentzgasse hatte gehen wollen, in die Gentzgasse gegangen, sagte ich mir auf dem Ohrensessel, alles war gegen einen solchen Besuch in der Gentzgasse, alles gegen ein solches lächerliches künstlerisches Abendessen und ich bin hingegangen, noch auf dem Weg in die Gentzgasse habe ich mir die ganze Zeit gesagt, ich bin gegen diesen Besuch in der Gentzgasse, ich bin gegen die Auersbergerischen[Nachname], ich bin gegen alle diese Leute, die an diesem Abendessen teilnehmen, ich hasse sie alle und bin doch immer weiter in die Gentzgasse hineingegangen und habe schließlich an der auersbergerischen Wohnungstür geläutet.

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[...] ich bin nicht in Wahrheit und in Wirklichkeit hier bei ihnen in der Gentzgasse, sondern ich spiele ihnen nur vor, daß ich in der Gentzgasse und also bei ihnen in ihrer Wohnung bin, sagte ich mir. Ich habe ihnen immer alles vorgespielt, sagte ich mir. Ich habe allen alles immer nur vorgespielt, ich habe mein ganzes Leben nur gespielt und vorgespielt, sagte ich mir auf dem Ohrensessel, ich lebe kein tatsächliches, kein wirkliches, ich lebe und existiere nur ein vorgespieltes, ich habe immer nur ein vorgespieltes Leben gehabt, niemals ein tatsächliches, wirkliches, sagte ich mir, und ich trieb diese Vorstellung so weit, daß ich schließlich an diese Vorstellung glaubte.

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[...] sie hatten einen künstlichen Gang, und sie hatten eine künstliche Stimme, alles an ihnen war künstlich, während ich den Friedhof als das Natürlichste von der Welt empfunden habe.

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Eben ein solcher nichtkünstlerischer Mensch ist imstande, dachte ich, völlig ungeniert einen derartigen grauslichen Bericht zu geben, ohne tatsächlich unanständig zu wirken, denn der Lebensgefährte war nicht unanständig, als er sagte, was er sagte, während jeder andere, der das gleiche berichtet und geschildert hätte, unanständig gewesen wäre.

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Die meisten Menschen interessieren einen wirklich nicht, habe ich die ganze Zeit gedacht, fast alle, denen wir begegnen, interessieren uns nicht, sie haben uns nichts zu bieten als ihre Massenarmseligkeit und ihre Massendummheit und langweilen uns dadurch immer und überall und wir haben naturgemäß für sie nicht das geringste übrig. Ganz von selbst haben sie sich uns gegenüber unsinnig und uninteressant gemacht, dachte ich, zu Tausenden, zu Zehntausenden, zu Millionen, wenn wir in die Geschichte zurückblicken.

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Von der Gymnasiallehrerin Anne Schreker ist immer gesagt und behauptet worden, sie sei die österreichische Gertrude Stein oder die österreichische Marianne Moore, während sie doch immer nur die österreichische Schreker gewesen ist, [...].

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So haben wir es ja fast ausschließlich mit Menschen zu tun, die ihr Philosophisches unterdrücken, es solange unterdrücken, bis es aufeinmal abgestorben und tot ist.

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[...] und [ich] dachte während des Laufens, daß diese Stadt, durch die ich laufe, so entsetzlich ich sie immer empfinde, immer empfunden habe, für mich doch die beste Stadt ist, dieses verhaßte, mir immer verhaßt gewesene Wien, mir aufeinmal jetzt wieder doch das beste, mein bestes Wien ist und daß diese Menschen, die ich immer gehaßt habe und die ich hasse und die ich immer hassen werde, doch die besten Menschen sind, daß ich sie hasse, aber daß sie rührend sind, daß ich Wien hasse und daß es doch rührend ist, daß ich diese Menschen verfluche und doch lieben muß und daß ich dieses Wien hasse und doch lieben muß und ich dachte, während ich schon durch die Innere Stadt lief, daß diese Stadt doch meine Stadt ist und immer meine Stadt sein wird und daß diese Menschen meine Menschen sind und immer meine Menschen sein werden und ich lief und lief und dachte, [...]

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