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Thomas Bernhard: Wittgensteins Neffe
Schon in dem Kind Paul war diese sogenannte Geisteskrankheit,
die niemals genau klassifiziert worden ist, angelegt gewesen. Schon
das Neugeborene war als ein geisteskrankes geboren worden,
mit jener sogenannten Geisteskrankheit, die den Paul dann
lebenslänglich beherrscht hat.
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Diese medizinische Hilflosigkeit der Ärzte und ihrer
Wissenschaft hat dieser sogenannten Geisteskrankheit des Paul immer
wieder die aufregendsten Bezeichnungen gegeben, aber
naturgemäß niemals die richtige, weil sie dazu nicht
befähigt war in ihrer Kopflosigkeit und alle ihre
Bezeichnungen, diese sogenannte Geisteskrankheit meines Freundes
betreffend, hatten sich immer wieder als falsch und als geradezu
absurd herausgestellt und eine hat die andere immer wieder auf
die beschämendste, gleichzeitig deprimierendste Weise aufgehoben.
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Der psychiatrische Arzt ist der inkompetenteste und immer dem
Lustmörder näher als seiner Wissenschaft.
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Ich beobachtete von der Bank aus die Eichhörnchen, die
überall in dem riesigen, von hier aus endlos scheinenden Park
umherhuschten auf die Bäume hinauf und von den Bäumen
herunter und die vor allem anderen nur eine einzige Leidenschaft zu haben
schienen: sie schnappten die überall auf dem Boden liegenden, von den
lungenkranken Patienten weggeworfenen Papiertaschentücher und
rasten mit ihnen auf die Bäume. Überall liefen sie mit den
Papiertaschentüchern im Maul, aus jeder in jede Richtung, bis man in
der Dämmerung nurmehr noch die hin- und herhuschenden weißen
Punkte der Papiertaschentücher sehen konnte, die sie im Maul hatten.
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Wie der Paul war auch ich damals [...] aufgewacht als ein fast völlig
zerstörtes Produkt dieser Selbst- und Weltüberschätzung[...].
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Er war der Opernfanatiker, der sich auch noch nach seiner totalen Verarmung
und letzten Endes sogar Verbitterung [...] den tagtäglichen Opernbesuch
geleistet hat wenigstens auf dem Stehplatz, der Todkranke stand sechs Stunden
Tristan durch und hatte am Ende noch die Kraft, so laut in Bravorufe oder in
Pfiffe auszubrechen, wie keiner vor und keiner nach ihm im Haus am Ring.
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Auf der Stadtparkbank ist mir das alles auf einmal wieder ganz deutlich zu
Bewußtsein gekommen und ich schämte mich meiner Pathetik nicht,
nicht der großen Worte, die ich mit aller Gewalt in mich hereinließ, die ich
sonst niemals in mich hereingelassen hatte, jetzt taten sie mir in ungeheuerer Weise
auf einmal gut und ich schwächte sie nicht im geringsten ab. Wie einen
erfrischenden Regen ließ ich alle diese Wörter auf mich niedergehen.
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Und ich denke heute, die Menschen, die in unserem Leben wirklich etwas
bedeutet haben, können wir an den Fingern einer Hand abzählen und
sehr oft sträubt sich sogar diese eine Hand gegen die Perversität, in
welcher wir glauben, eine ganze Hand zum Abzählen dieser Menschen
heranziehen zu müssen, wo wir doch, wenn wir ehrlich snd, wahrscheinlich
ohne einen einigen Finger auskommen.
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Im Bränerhof ersticken die Gedanken sofort im Raucherqualm und im
Küchendunst und im Gewäsch der Wiener Dreiviertel- und Halb- und
Viertelgebildeten, die dort gegen Mittag ihren gesellschaftlichen Dampf ablassen.
Im Bränerhof reden mir die Leute zu laut oder zu leise, lüften mir die
Kellner zu oft oder zu wenig und im Grunde ist das Bräunherhof gerade
weil es gegen alles ist, das ich mir jeden Tag für mich in Anspruch zu
nehmen getraue, das Wiener Kaffeehaus[...].
Das typische Wiener Kaffeehaus, das in der ganzen Welt berühmt ist,
habe ich immer gehaßt, weil alles in ihm gegen mich ist. Andererseits
fühlte ich mich jahrzehntelang gerade im Bräunerhof, das immer ganz
gegen mich gewesen ist wie zuhause, [...], wie in anderen Kaffeehäusern
von Wien, die ich in meinen Wiener Jahren frequentiert habe. Ich habe das Wiener
Kaffeehaus immer gehaßt und bin immer wieder in das von mir gehaßte
Wiener Kaffeehaus hineingegangen, habe es täglich aufgesucht, denn ich
habe, obwohl ich das Wiener Kaffeehaus immer gehaßt habe, in Wien immer
and der Kaffeehausaufsuchkrankheit gelitten, mehr unter dieser
Kaffeehausaufsuchkrankheit gelitten als an allen andern.
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