Literaturbrevier

Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür

DIREKTOR: Ich bin glücklicher Inhaber von drei erstklassigen rassigen Brillen!

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DIREKTOR: Dies ist schon ganz brav, wie gesagt, aber es ist noch keine Kunst.
BECKMANN: Kunst, Kunst! Aber es ist doch Wahrheit!
DIREKTOR: Ja, Wahrheit! Mit der Wahrheit hat die Kunst doch nichts zu tun!
BECKMANN (stur vor sich hin): Nein.
DIREKTOR: Mit der Wahrheit kommen Sie nicht weit.
BECKMANN (stur vor sich hin): Nein.
DIREKTOR: Damit machen Sie sich nur unbeliebt. Wo kämen wir denn hin, wenn alle Leute plötzlich die Wahrheit sagen wollten! Wer will denn heute etwas von der Wahrheit wissen? Hm? Wet? Das sind die Tatsachen, die Sie nie vergessen dürfen.

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DER ANDERE: Die Straße geht auf und ab. Schrei nicht los, wenn sie abwärts geht und wenn es dunkel ist — die Straße geht weiter, und überall gibt es Lampen: Sonne, Sterne, Mädchen, Fenster, Laternen und offene Türen.

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DER ANDERE: Bist du so feige, daß du Angst hast vor der Finsternis zwischen zwei Laternen? Willst du nur Laternen haben? Komm, Beckmann, weiter , bis zur nächsten Laterne.

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BECKMANN: Es ist so schön, zu sterben, du, das hab ich nicht gedacht. Ich glaube, der Tod muß ganz erträglich sein. Es ist doch noch keiner wieder zurückgekommen, weil er den Tod nicht aushalten konnte. Vielleicht ist er ganz nett, der Tod, vielleicht viel netter als das Leben. Vielleicht - -

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BECKMANN: Die andern sind Mörder.
DER ANDERE: Beckmann, du lügst.
BECKMANN: Ich lüge? Sind sie nicht schlecht? Sind sie gut?
DER ANDERE: Du kennst die Menschen nicht. Sie sind gut.

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DER ANDERE: Aber ihr Herz. Sieh in ihr Herz — ihr Herz ist gut. Nur das Leben läßt es nicht zu, daß sie ihr Herz zeigen.

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DER ANDERE: Lebe! Nimm dich nicht so wichtig.

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DER EINBEINIGE (ganz sachlich und abgeklärt): Beckmann?
BECKMANN (leise): Hier bin ich.
DER EINBEINIGE: Du lebst noch, Beckmann? Du hast doch einen Mord begangen, Beckmann. Und du lebst immer noch.
BECKMANN: Ich habe keinen Mord begangen!
DER EINBEINIGE: Doch, Beckmann. Wir werden jeden Tag ermordet und jeden Tag begehen wir einen Mord.

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DER EINBEINIGE: Du vergißt mich doch nicht, Beckmann, nicht wahr? Das mußt du mir versprechen, daß du deinen Mord nicht vergißt!
BECKMANN: Ich vergesse dich nicht.
DER EINBEINIGE: Das ist schön von dir, Beckmann. Dann kann man doch in Ruhe tot sein, wenn wenigstens einer an mich denkt, wenigstens mein Mörder — hin und wieder nur — nachts manchmal, Beckmann, wenn du nicht schlafen kannst! Dann kann ich wenigstens in aller Ruhe tot sein — — — (geht ab)

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BECKMANN: Gebt doch Antwort!
Warum schweigt ihr denn? Warum?
Gibt denn keiner eine Antwort!
Gibt keiner Antwort???
Gibt denn keiner, keiner Antwort???

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