Literaturbrevier

Albert Camus: Der Fremde

Weil ich die Augen geschlossen hatte, ist mir das Weiß des Raums noch greller erschienen. Vor mir war nicht ein Schatten, und jeder Gegenstand, jede Kante, alle Krümmungen zeichneten sich mit einer Klarheit ab, die den Augen weh tat.

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Ein Mann war aus einem tschechischen Dorf aufgebrochen, um sein Glück zu machen. Nach fünfundzwanzig Jahren war er reich und mit Frau und Kind zurückgekehrt. Seine Mutter unterhielt mit seiner Schwester in seinem Geburtsort ein Hotel. Um sie zu überraschen, hatte er seine Frau und sein Kind in einem anderen Gasthof gelassen, war zu seiner Mutter gegangen, die ihn nicht erkannt hatte, als er hereinkam. Er war auf die Idee gekommen, zum Spaß ein Zimmer zu nehmen. Er hatte sein Geld gezeigt. Nachts hatten seine Mutter und seine Schwester ihn mit einem Hammer totgeschlagen, um ihn auszurauben, und hatten seine Leiche in den Fluß geworfen. Am Morgen war die Frau gekommen, hatte, ohne es zu wissen, die Identität des Reisenden enthüllt. Die Mutter hatte sich erhängt. Die Schwester hatte sich in einem Brunnen gestürzt. Ich habe diese Geschichte wohl Tausende Male gelesen. Einerseits war sie unwahrscheinlich. Andererseits war sie normal. Jedenfalls fand ich, daß der Reisende es ein bißchen verdient hatte und daß man nie spielen soll.

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Als der Wärter mir eines Tages gesagt hat, ich wäre seit fünf Monaten da, habe ich es geglaubt, aber ich habe es nicht begriffen.

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Sie machten alle dasselbe gleichgültige Gesicht. Einer von ihnen allerdings, sehr viel jünger, in grauem Flanell mit blauem Schlips, hatte seinen Stift vor sich liegenlassen und sah mich an. In seinem etwas unregelmäßen Gesicht sah ich nur seine sehr hellen Augen, die mich aufmerksam musterten, ohne etwas Bestimmbares auszudrücken. Und ich hatte das sonderbare Gefühl, von mir selbst angesehen zu werden.

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Da hat sich Céleste, als wäre er mit seinem Latein und mit seinem guten Willen am Ende, zu mir umgedreht. Mir schien, daß seine Augen schimmerten und seine Lippen zitterten. Er sah aus, als würde er mich fragen, was er noch tun könnte. Ich habe nichts gesagt, habe keine Geste gemacht, aber zum erstenmal in meinem Leben hatte ich Lust, einen Mann zu küssen.

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Jetzt verstand ich, das war so natürlich. Wie hatte ich übersehen können, daß nichts wichtiger ist als eine Hinrichtung und daß es alles in allem das einzig wirklich Interessante für einen Menschen ist.

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Auf alle Fälle wäre ich vielleicht nicht sicher, was mich wirklich interessierte, aber ich wäre völlig sicher, was mich nicht interessierte.

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«Ich bin sicher, daß Sie sich manchmal ein anderes Leben gewünscht haben.» Ich habe geantwortet, daß ich das natürlich getan hätte, daß das aber nicht mehr bedeutete, als sich zu wünschen, reich zu sein, sehr schnell schwimmen zu können oder einen besser geformten Mund zu haben. Das läge auf der gleichen Linie. Aber er hat mich unterbrochen und wollte wissen, wie ich dieses andere Leben sähe. Da habe ich ihn angeschrien: «Ein Leben, in dem ich mich an dieses erinnern kann», und habe gleich hinzugefügt, daß es mir reichte.

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Damit sich alles erfüllte, damit ich mich weniger allein fühlte, brauchte ich nur zu wünschen, daß am Tag meiner Hinrichtung viele Zuschauer dasein würden, und daß sie mich mit Schreien des Hasses empfangen.

 


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