Literaturbrevier

Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege

Erster Teil

Der sehr kleine gedrungene Körper, sehnig und muskulös, hatte doch die Neigung zum Speckansatz, er war der geeignete Platz dazu, möchte man sagen, das Fett hätte gut darauf gepaßt, und zwar in einer nicht angenehmen Weise, besonders an Hals und Nacken.

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Die Leute müssen alles selbst erleben, sonst verstehen sie garnichts.

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Melzer schaute in sich versunken den wurmhaften gleitenden Verschiebungen des kleinen Körpers[eines Haselnatters, eines Schlängleins] zu; unter anderen Umständen hätte er vielleicht nach rückwärts sich gewandt und gesagt, „schau, Herr Major, da ist ein Haselwurm.“ Aber dieser hier erschiem ihm wie eine Bewegung seines eigenen Innern, wie geheimste Gedanken, die zu enthüllen unvorstellbar war.
Jetzt bot ihn [Major] Laska von rückwärts Cognac und Schokolade an. Er löste sich gern aus dieser minuten- oder nur sekundenlangen Einsamkeit, die ihn mehr beschwerte als anzog.

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Dieser Gang war es, der für Melzer unvergeßlich geblieben ist, nicht als ein Nennbares, das man als unvergeßlich bezeichnet, sondern viel tiefer in ihm siedelte sich dieses Erinnerungsbild als ein dauerndes an, ihn jederzeit bewohnen und ganz ohne sich vorzudrängen — aber es sickerte späterhin unzählbar oft hervor in einer stillen, kaum erkennbaren Weise.

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Melzer fühlte sich vom Frühstück her angenehm gekräftigt und erwärmt, er ging leicht und doch jeden gehorsamen Muskel im Genuß der Bewegung spürend. Es gibt innere Lagen, wo wir wie losgebunden sind vom Pfahle des eigenen Ich und auch den Körper regieren wie sonst nie.

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Aber der Mensch kommt [...] nicht zu sich selbst, sondern immer wieder zu den Anderen.

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»Aber einem Herrn, der sich zufällig in meiner Gesellschaft befindet, deswegen für seinen Gruß einfach nicht zu danken, damit es, bewahre, nicht am Ende so aussehen könnte, als würde sie auch mich begrüßen: das ist der Gipfel trottelhaftester Unverschämtheit.

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Er[der französische Satz] machte nur hörbar, [...] daß eben diese Sprache von Editha gleichsam aus einem ihr näheren Quell geredet wurde als das Wienerische, dessen sie sich vielleicht nur jetzt gerade aus einer Laune beflissen hatte, sogar unter Verwendung vulgärer Wörter; aber nicht ohne gegen dessen innere Grammatik zu verstoßen, wie eben ein — Ausländer tut; und das muß kein geographischer sein.

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Plötzlich aber fiel ihm ein, daß beide Eltern Edithas nicht aus Wien stammten, sondern aus der französischen Schweiz, aus Lausanne oder Gend, oder da wo herum. So viel wußte er noch über diese Familie. Das war nun erst der wahre Schlüssel: zu allem, wie Melzer vermeinte! Jedoch, er war weniger zum Öffnen, als zum Abschließen geeignet.

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In dieser Beziehung waren er[Vater Stangeler] und seine dritte Tochter[Etelka] wirklich ganz gleich geraten: beide rechte ‚Straßenengerln‘, wie man zu Wien sagt: außer Haus entzückend, daheim vielfach unerträglich.

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„Bis neun Uhr dauert die Sittlichkeit, aber um viertel auf zehn beginnt die Stunde des Verdachtes“ sagt der Wiener Weltweise Johann Nestroy.

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Jene zwei Menschen[Etelka und Grauermann] nämlich machten sich zumindestens ihre Lügen selber, während man heute nicht einmal dazu mehr imstand ist, sondern sich mit diesem Artikel fertig beliefern läßt; naturgemäß ist dann die Ware lange nicht so frisch und elastisch, wie wenn man sie fortlaufend im Eigenbaue erzeugt.

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In der Liebe wird alles zur Verzierung.

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Eine solche große Stadt in ihrem vielen Lärm und Lichte ist zu beneiden um die duftigen, gepflegten, geheimen Hohräume, welche sie enthält.

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Und die stille Kühle in den Stiegenhäusern. Man kann sagen, man betrat sie nicht einfach von der Straße: man schied vielmehr von der Straße ab.

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Und diese Menschen, die manches vermochten, hätten doch eines unmöglich fertiggebracht: nämlich ganz gewöhnliche Menschen zu sein.

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Seine nächste Umgebung — links saß Asta, rechts Etelka — war vertraut und erforderte weiter keine Sorgfalt und Aufmerksamkeit.

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Hatte sie bisher noch wie eine verschossene Pallas Athene ihn anstirnen können: nun hatte er sie in der Not gesehen, im Ringen um ihre Geltung, bei aufgesprungenem Türchen des Charakters, der durch Augenblicke tief hineinschauen ließ in seine Brüchigkeiten.

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[...] mitsamt ihrem immer etwas breit wirkenden Gesicht (dessen großer Augenabstand für Begabtheit sprach) [...]

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[...] ohne die Besorgnis, etwa gedrückt, verletzt, erniedrigt und gebrochen zu werden, ohne daß sie im entferntesten die Faust einer solchen immer gleichen Tendenz am Genicke spürte.

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Es hat jede Affär' ihren Hintergrund, ihr Milieu: die Kulissen stimmen unsagbar gut zu dem, was gespielt wird.

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Zweiter Teil

Denn wer setzte dem Wachstum [der Schlange] Grenzen, wenn einmal eine Größe erreicht war die jenseits jeder Gefährdung von Seiten der Artgenossen immer weiter gedieh, reichlich genährt durch den überall vorhandenen Frosch, Feld- und Bilchmaus? Wer setzte dem Wachstume Grenzen bei der ins Unbestimmbare gehenden Ausdehnung reptilischen Lebensalters? Dieser Tropidonotus hatte wohl möglich hundert und mehr Häutungen hinter sich.

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Zwischen zwei Lebensaltern stehend, wie er hier und jetzt mit gespreizten Beinen über dem Bachbette stand, immer noch Knabe, längst schon Filou.

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René war ein trauriger Filou. Es fehlte ihm die Leichtigkeit, es fehlte ihm das Vergnügen an seinen eigenen Affären und Arrangements. Es fehlte ihm auch in allen Sachen das Vergnügen am Lügen.

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Und Ingrid, die oben auf der Villa bei Asta wohnte, war für weite Ausflüge nicht zu haben. Ihr eignete eine Art knochenloser oder schlingpflanzenhafter Weichheit, entweder wurde sie nach einer Viertelstunde müde, oder sie bekam ein Steinchen in den Schuh und dann Fußschmerzen.

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„Aber vielleicht sind wir alle gebildete Nekrophilen.“
„Nekros heißt der Tote und philein heißt lieben oder freundlich gesinnt sein“, bemerkte Herr von Lindner.
„Ja, und das sind wir!“ entgegnete die rote Wiesen-Ameise[Buschmann] lebhaft.
[...]
„Tote oder Liebende?“ fragte Marchette, ohne sich umzuwenden.
„Das Tote Liebende“, erwiderte Buschi ganz unverzüglich.
„Mit dem Toten sind wir auf du und du. Das Lebendige befremdet uns.“

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[...] da ist mir wieder einmal klar geworden, was eh' ein jeder weiß — Selbstverständlichkeiten aber müssen sich immer wieder bis zu einer neuen Auferstehung zersetzen, sonst werden sie eines Tages sogar unverständlich [...]

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Und daß Ingrid ihn liebe. Da sei gar kein Zweifel. Aber in ihr gäbe es etwas durchaus Unselbständiges, eine Hemmung oder Trägheit, man müsse sie gleichsam darüber heben. „Sie verwaltet sich nicht selbst. Man muß sie in ihr eigenes Glück scheuchen wie eine Gans.“

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[...] und wenn sie etwa einmal von einer übellaunigen Person sagte, sie schaue drein ‚wie eine verbrennte Wanzen‘, so muß eingeräumt werden, daß es eine schlechtere Laune kaum geben könne als die jenes Tierchens, dem bei eiligem Marsch an der Wand jemand das Streichholz unterhält.

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Jedoch war dies alles leicht säuerlich durchsetzt von jener Ironie, welche sich bei alleinlebenden Individuen günstig entwickeln kann, weil diese mit sich selbst besser bekannt werden, worauf eine Intelligenz [...] anders gar nicht zu replizieren vermag.

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René sog den Duft vorsichtig ein, als er die weiße Kapsel der einen Flasche [...] entfernt und mittels des beigegebenen kleinen Pfropfenziehers den Korken gehoben hatte. Es war der Duft eines neuen Lebens-Abschnittes; und mehr als das: er wußte es. Er zögerte, wie vor einem Entschlusse: sich dem jetzt anzuvertrauen; und zutiefst fühlte er, daß dieses nie mehr würde rückgängig zu machen sein.

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Editha setzte sich so, daß sie Melzern ganz zugewandt war und ihre großen, graublauen, weitgeöffneten Augen wollten seinen Blick beim Sprechen immerfort halten. Durch wenige Sekunden erschien er sich selbst hier wie ein abseitiger und vernagelter Narr und suchte, an den Stämmen emporschauend, wie nach Hilfe für seine tote, unbewegte Schwäche: jetzt nicht mehr zu bescheiden, um wahrzunehmen, was gegen ihn andrang, viel zu bescheiden aber, um es als wertlos und ihn nichts angehend, als ihm nicht passend, ohne weiteres zu übergehen und beiseite zu setzen.

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Asta ihrerseits war in einer so tiefen Bestürzung wie es nur einer ehrlichen Haut geschehen kann, bei der die Liebe eben Liebe oder Trennungs-Schmerz eben Trennungs-Schmerz ist.

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[...] eine dickliche Sauce mit wenigen kleinen Brocken des längst zertrümmerten Charakters, die man ungerechterweise solchen Damen leicht übelnimmt, einfach deshalb, weil diese noch relativ festeren Stellen jetzt schon als etwas ganz und gar Sinnloses und ohne Zusammenhang sich präsentieren.

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Und so nahm Grauermann das Frühstück allein, dabei mit neueröffneter Distanz in den Stand und in die Lage der Sachen bei sich selbst einsehend (es war durch Augenblicke so, als würde er vor einem erschlossenen Hohlraume zurücktreten, um alles darin Befindliche einzeln und genauer auszunehmen).

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„Ob im gewöhnlichen oder ungewöhnlichen Sinne: sie ist Braut. Jeder unteresteht oder unterliegt den Gesetzen derjenigen Kategorie, in welche ihn das äußere Leben gestellt hat, ganz unangesehen ob sein Kopf jetzt Wahres oder Falsches über diesen Punkt enthält. Es kann einer Sektionsrat im Finanzministerium sein und dabei gar kein Beamter im gewöhnlichen Sinne, ja, er kann wieder Willen in diese Carrière hineingezwungen worden sein, oder er kann wesentlich zu einem ganz anderen Menschentypus gehören, etwa zu dem des Künstlers — schau dir den Ministerialrat P. an, der übrigens bei Küffers oft die Viola gespielt hat — die Welt wird ihn als Beamten nehmen, ihn immer wieder förmlich in seine Kategorie zurückdrängen und ihn zugleich darin halten, aufrecht erhalten, stützen. Und die Welt weiß in diesem Falle wirklich was sie tut. Genau das gleiche hast du, wenn einer als Rekrut einrücken und Soldat werden muß oder als Reserve-Leutnant herumlaufen. Er mag der überzeugteste Anti-Militarist sein, so steht er doch jetzt unter den Gesetzen seines nunmehrigen Standes. Und damit meine ich jetzt aber nicht die geschriebenen Gesetze und deren äußeren Zwang, die Dienst-Pragmatik des k.k. Finanzministeriums oder das Dienst-Reglement beim Militär. Sondern durchaus das innere Funktionieren. Man kann nicht das, was man vorstellt, um mit Schopenhauer zu reden, dauern negieren von dem her, was man ist oder nur sein will.“

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„Jener ganze, mit bedingungsloser Sicherheit wirkende Zwang aber ließe vielleicht darauf schließen, daß jeder doch, mag er bewußt darüber denken wie er will, jederzeit genau an dem Punkte äußeren Lebens steht, auf den er seinem tatsächlichen, nicht seinem gedanklichen Sein nach gehört. Und genau so wie mit den Hofräten, Rekruten oder Leutnants, verhält es sich mit den Bräuten, Schwiegermüttern, Gatten. Es gibt keine Schwiegermütter oder Ehepaare, die es — im gewöhnlichen Sinne nicht sind. Höchstens können die über einen Menschen verhängten Kategorien in würdiger Weise durch dessen persönliche Qualitäteten gemildert, gedämpft, gewissermaßen abgefedert werden. Aber ablhenen kann niemand eine Charge, die ihm das Leben verleiht, sei es die eines Leutnants oder einer Braut, eines Brotherren oder eines Dieners oder gar eines Ehemannes.“

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Um elf war er zum ersten Mal erwacht und mit jener äußersten Sparsamkeit der Bewegungen, die jeder anwendet, der seine Lage verändern und dabei doch im Reiche des Schlafs und Traumes bleiben will, vom Fauteuil auf den danebenstehenden Diwan geglitten.

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„Diese Gegend lieb' ich über alles“, sagte er[René], wie im Selbstgespräch.
„Kein Wunder“, bemerkte Grauermann galant. „weil Fräulein Paula hier wohnt.“
„Ja, natürlich“, antwortete René, und vielleicht etwas plump ein Nicht-Gedachtes allzu offensichtlich nachholend. „Aber es war schon früher so, bevor ich Paula gekannt habe.“
„Das war ein Vorgefühl“, sagte Grauermann.

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„[Ingrid war] wie ein geknickter Stengel. [...] Es schaut so schwach aus, aber es ist eigentlich eine Kraft.“

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Er fühlte sie wieder, diese Qual, aber sie war nicht mehr klein und rasch, sie war groß und langsam, fast stehend geworden.

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So war Editha zwischen Melzer und Stangeler die Skodagasse hinunter gegangen, langsam, wozu das Wetter jetzt einlud, die Luft war frisch und still, der Mond lag in Flächen an den Häusern und in Bahnen zwischen diesen in die Gassen fallend.
[...]
Da kam noch ein kurzes Stück der Strudlhofgasse, da war die Stiege: Abbruch, Absinken, junges hellgrünes Laub, der Schatten zerschlagen und gemischt vom Monde und dem Schein der Doppel-Kandelaber oben und unten. Bisher war kaum ein Wort gesprochen worden. Aber an der Brüstung blieb Melzer jetzt stehen. Die seltsam gekreuzten Gefühle öffneten seinen Mund.
„René, erinnern Sie sich noch . . .?“ sagte er, da ihm nichts Besseres einfiel.
„Natürlich“, antwortete Stangeler knapp, „ganz genau.“
Ihre Blickte trafen sich auf Editha, dem Punkte augenblicklicher gemeinsamer Beziehung.
„Das ist also diese ‚Strudlhofstiege‘. Sehr schön eigentlich“, sagte sie, und weiter nichts. Dann hatte man hinabzusteigen begonnen . . .
Aber Melzer stieg jetzt herauf aus dem grünen, aquarienhaften Unterwasser-Licht und wandte sich zurück in sein Wohnzimmer[...].

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„Eine liebe Frau“, dachte er, meinte aber damit jetzt nicht etwa Roserl P. oder überhaupt an irgendwen bestimmten. (Nun, das sind eben Trivialitäten, Muster ‚wie wir alle‘.)

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Und so weit kam es doch noch, daß Melzer sich ein Frauenzimmer vorstellte, das mindestens zwei erkennbare Qualitäten aufwies: Gutartigkeit und lange hohe Beine. Wie das nun zusammengekomemn war, darüber läßt sich kaum was sagen, denn von vornherein zusammegehörig ist's keinesfalls. Wer kenn nicht goldne Herzen, die auf kurzen Pilzbeinchen wandeln, und auch sonst von eher stumpiger Gestalt!

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Hier wurde mehr als wortbar, nämlich schaubar deutlich, daß jeder Weg und jeder Pfad (und auch im unsrigen Garten) mehr ist als eine Verbindung zweier Punkte, deren einen man verläßt, um den anderen zu erreichen, sondern eigenen Wesens, und auch mehr als seine Richtung, die ihn nur absteckt, ein Vorwand, der versinken kann noch bei währendem Gehen.
[Busfahrten]

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[...] und sie[die Stiegen] sind immer da, und sie ermüden nie uns zu sagen, daß jeder Weg seine eigene Würde hat und auf jeden Fall immer mehr ist als das Ziel.

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Mehr erreicht man ja nie durch solche Beichten oder Confidenzen, die allesamt auf einer Selbst-Täuschung beruhen, auf der Flucht vor der eigenen Mitte, die in das Bestreben mündet, einen anderen über die Sachen recht genau in's Bild setzen zu wollen, statt sich selbst. [...] Natürlich ist ihm da augenblicklich leichter, wie einem Kranken, der sich anders legt.

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Ja, wahrscheinlich ist die Vorstellungskfraft das eigentliche Gegengewicht unserer Vernünftigkeiten, nicht das Leidenschaftliche in uns.

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Aber was das Frühere betrifft, das Nicht-Begegnen durch Jahre, obwohl man unweit voneinander wohnt und offenbar dieselben Wege hat: da gibt es unsichtbare Mauern. Von wem dieser Ausdruck nun ist, kann ich nicht mehr sagen, ich hab's vergessen. Aber er ist zutreffend. Diese ‚unsichtbaren Mauern‘, sie trennen mit größerer Sicherheit als Länder und Meere, oft bei einer physischen Nähe von ein paar Schritten oder Metern. [... Ja, sie] sind verlässlich.

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Und sie[Frau Roserl, E.P.s Gattin] hat eine unschätzbare Tugend: sie achtet jede Eigentümlichkeit am anderen Menschen.

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Dritter Teil

Aber die Einfalt, die einfach zusammengefaltete Art zu sein, ist eine Knospe, welche unter dem Einfall des ersten energischen Sonnenstrahls sich entfalten kann [...].

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Aber diese untadelige pelzige Wange in prangenden Farben, sie lockt den Wurm, sie ist wie gemacht für seinen Stich.

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Niemand kommt sofort und geradewegs auf den Hund. Erst kommt man auf den Eulenfeld, und dort muß sich's entscheiden. Denn er ist der Rittmeister. „Oh Mensch, tu Buß'! Denn hier ist der Kühfuß“, so lautete eine Inschrift im mittelalterlichen Wien; sie ist mindestens ebenso unverständlich.

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Wer ist schon eine Person? Die meisten Menschen heutigen Tags sind Krankheiten oder sind Gerüche und immer nur Funktionäre irgendwelcher Art.

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Dabei gab es einen ahndungsvollen Durchburch aus dem dunkelsten Keller des Zorns, wieder herauf, an's Tageslicht.

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Hier flogen nun allerdings keine Ohrfeigen. Die Eulenfeld'sche Oberfläche war für so etwas zu sehr auf Ritterlichkeit poliert und auf dem Präsentierbrette seines Inneren — sozusagen der inneren Oberfläche — waren ebensolche glänzende Gegenstände und ungeprüfte Erbstücke aufgestellt, wie schöne Schalen und Teller auf einem Bord. Derartiges hat man. Selbst die größten Skeptiker besitzen solche patinierten Einrichtungsstücke der Seele.

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„Welch ein Unsinn!“ rief der Rittmeister, die Hände an den Schläfen, als vermöchte sein Kopf dieses Maß von Dummheit nicht mehr zu fassen und er müsse ihn zusammenhalten, damit er nicht auseinander fiele —

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[Alois, Paulas Mann] sagte, die Thea Rokitzer gehöre zu jenen Früchten, die, wenn einem der Typ überhaupt gefalle, zum Hineinbeißen seien, solange man sie ansehe, jedoch zum Verzweifeln, wenn man hineingebissen habe: dann schmeckten sie so, wie Speisen im Traum — nach Luft.

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Man frage nicht: liebte sie[Grete Siebenschein] ihn[René] denn überhaupt, oder liebte sie ihn noch? Man sage nicht: sie kann ihn nicht geliebt haben! Wie einer ist, groß, grad, klein, rein, krumm, vertrackt, so ist seine Liebe. Es ist: seine Liebe. Das Besonderste, was es geben kann.

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Nein, Scheichsbeutel war nicht neugierig. Er mußte wohl einmal, und vielleicht ganz frühe schon, dahingelangt sein, fundamental zu leugnen, daß es überhaupt irgendwo irgendetwas Neues geben könne.

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„Jeder Abend hat mit Champagner geendet. Mir war's recht so; aber Etelka hat unheimlich schnell jedes Maß verloren. Insbesonders während einiger Tage, die ich im Juli noch in Wien verbringen mußte, aus beruflichen Gründen. In Budapest hat man mir dann von verschiedenen Seiten angedeutet, daß es hier eigentlich schon an allen Ecken und Enden brenne. Ich kann sagen, es war peinlich[...].“
„Höre, Pista“, sagte sie[Cornelia] gedämpft und sehr ruhig, „es kann vieles geschehen sein, ein ganzer Berg, und es ist so gut wie nichts — [...].“

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Und wozu hatte Etelka Bücher gelesen, und früher schon, mit Pista? Wozu ihren Schopenhauer, den Ibsen, dessen große Ausgabe immer im Klaviersalon des ‚Quartier Latin‘ gelegen hatte, und was sonst alles noch, wenn sie jetzt derartiges begeistert sich bieten ließ?

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Wie alle gescheiten Menschen — gescheit in der Art von Karl von W.s Vater, oder der des alten Stangeler oder meinetwegen auch Laschens — dachte er[Fraunholzer] in einer allen gemeinsamen Sprache des Verstandes, welche sich selbst spricht und nie eigentlich was man meint.

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Aber durch seine Anziehungskraft ist er[Honnegger] zuletzt im Stande, auch aus einem schwachen Schützen einen treffenden Schuß gleichsam zu ziehen, ja am Ende sich jedes Dings zu bemächtigen, das in der Luft liegt und fliegt.

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„Unser Pista ist ein grauer Mann, nun kommt's heraus, was er ist, schon während der ganzen letzten Jahre, oder eigentlich, was er nicht ist, und nie war.“

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„Alles Gewesene ist traurig.“

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Er[Melzer] dachte an den toten Major Laska. Er empfand Schmerz. Er sah vor sich hin, tief in das gefühllose Spinatgrün erhabener Waldesnatur. Es war mit diesem Toten so, als stürbe er nur langsam in melzer, schub- und etappenweise, als wäre immer noch ein Stück nicht empfundenen Schmerzes, nicht gertrauerter Trauer einzuholen. Am Lavarone-Plateau. Servus Melzer, Gott schütz dich, geh' zu meiner Frau.

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Dieses Werk[die Strudlhofstiege] spricht von geheimstem Leben, nicht von irgendeiner offiziellen, bewußtseinsoffiziellen Biographie.

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„Peter Strudel oder Strudl. Früher war man in der Schreibung von Eigennamen nicht polizeilich-meldeamtsmäßig genau. Ich kenn' einen österreichischen Baron aus dem fünfzehnten Jahrhundert, Gamuret Fronauer hieß er, der unterschreibt seinen eigenen Namen fast jedesmal anders. [...]“

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„Das Leben hat den Bruch mit allem Gewesenen ständig zur Voraussetzung. Diese Bruchstelle läuft splitternd durch die Zeit, und nur dann gibt es Gegenwart. Jeder wirkliche Entschluß, jede Entscheidung vernichtet die Vergangenheit, nichts Großes wäre sonst jemals geschehen...“

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„Ein Glück, daß es solche ordentliche Soldaten auf der Welt gibt, die einem etwas von dieser Art verläßlich erledigen, und daß man sie auch zur rechten Zeit trifft. Man begegnet Ihnen immer zur rechten Zeit, Melzerich, oder eigentlich, Sie begegnen einem zur rechten Zeit. Es gibt Menschen, die mit ihren Begegnungen, ich meine mit ihrem jeweiligen Erscheinen, stets das genaue Gegenteil treffen. Sie begegnen uns nicht nur, sondern sie treten uns entgegen.“

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„Am End' ist alles wieder einfach,“ ließ sich Paula jetzt hören, „aber wenn man das von Anfang an glaubt, dann bleibt man ein Tepp.“

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Sie[Thea] erschien ihm[René] sehr schön, er stellte das außenstehend fest, ohne sich angezogen zu fühlen: das Antlitz war blühend, das Auge wie frisches Wasser, in welches die Sonne scheint.

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Aber die Flut des Schweigens und Verschweigens hatte den Major eingeholt und überspült, eine klare Flut, unter deren Oberfläche René jetzt Melzern treiben sah. Ganz mitleidslos sah er ihn da unten. Mit den weißen Porzellanhosen. Und viel deutlicher als sonst, leuchtend wie in Kristall, während die Flut weiterging bis an einen Horizont, hinter welchem man dann ‚niemals mehr irgendjemand jemals etwas sagen würde‘.

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War man doppelt, dann war man auch nicht wirklich, so schien's ihm jetzt.

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[Melzer] sah vor sich nieder auf den Teppich der niederen Grashalme zwischen dem Kies. Einzelne bunte, weiße und gelbe Gewächse standen dazwischen. [...]
Wieder war's Melzern, als schwimme dies auf Wasser. Seerosen hätten ihn augenblicks nicht verwundert; in seiner innersten, nicht kontrollierten Vorstellung war der einstmalige Tennisplatz jetzt mindestens einige Meter tief.

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Vierter Teil

Melzer war hier nicht gesessen als ein Gast, während dessen Anwesenheit man seine Beschäftigung unterbricht, sondern als einer, mit dem man gewissermaßen weiterlebt, weil er so sehr dazugehört, daß erst sein Wieder-Fernsein auffallen kann.

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Bei allem muß Lust sein, man braucht sie zum Leben wie die Luft. Bei allem. Sei das jetzt ein gutgezielter Bogenschuss oder eine ergreifende Leichenrede oder der Aufmarsch einer Schwadron zum Attackieren. Nur wer Lust empfindet, beherrscht da die Lage, und umgekehrt. Noch empfindet er Lust, noch beherrscht er die Lage: das Leben hat ihm noch einmal den Spielraum gelassen.

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Er[Melzer] hatte eine Empfindung, als schlüge es warm, fast heiß, an seiner inneren Körperwand empor.

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