Literaturbrevier

Umberto Eco: Der Name der Rose

Die Wahrheit verbirgt sich im Rätsel, bevor sie sich uns von Angesicht zu Angesicht offenbart, und nur für kurze Augenblicke (oh, wie so schwer zu fassende!) tritt sie hervor im Irrtum der Welt [...].

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(Eigentlich von Alanus ab Insulis):

Omnis mundi creatura
quasi liber et pictura
nobis est, et speculum.

Auf deutsch:
Jedes Geschöpf der Welt ist für uns gleichsam ein Buch und Gemälde und Spiegel.

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Die Pläne des Allerhöchsten sind unerforschlich.

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Es gibt nur eins, was die Menschen mehr erregt als die Lust, und das ist der Schmerz. Unter der Folter lebst du wie im Reich der Kräuter und Säfte, die Visionen erzeugen. Alles, was du jemals gehört, alles, was du jemals gelesen hast, kommt dir aufs lebhafteste in den Sinn, als wärst du entrückt, aber nicht zum Himmel, sondern zur Hölle.

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Man kann durch zu große Geschwätzigkeit sündigen und durch zu große Zurückhaltung.

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Christus hat nie gelacht!

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Die Wissenschaft besteht nicht nur darin, zu wissen, was man tun muß oder kann, sondern auch, was man tun könnte, aber lieber nicht tun sollte.

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Bitte mich um Erbarmen, wenn du willst, aber nicht um Schweigen! Zuviel wird schon geschwiegen.

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[...] Arnaldus Amalric, auf die Frage, was mit den Bürgern von Béziers geschehen sollte, als man die Stadt der Häresie verdächtigte. Arnaldus sagte: Tötet sie alle, der Herr wird die Seinen erkennen.

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»Hast du jemals einen Ort gefunden, in dem sich Gott rundum wohlfühlen könnte?«

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Der Schlaf am Tage ist wie die Sünde des Fleisches: Je mehr man davon gekostet hat, desto mehr will man davon haben, und dennoch fühlt man sich immer unwohl, befriedigt und unbefriedigt zugleich.

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[...] daß ›Aussätzige‹ nichts anderes heißt als: Ausgeschlossene, Entrechtete, Niedergehaltene, Entwurzelte und Getretene, das ganze ins Elend gestürzte oder im Elend gehaltene Volk auf dem Lande und in den Städten.

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Nichts macht einen Ängstlichen mutiger als die Angst eines anderen.

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Omne animal triste post coitum.

Auf deutsch:
Jedes Lebewesen ist nach dem Koitus traurig.

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Manchmal sehen die einfachen Leute klarer als die Gebildeten.

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Auf dem Monte Rebello [...] gab es Leute, die während der ganzen Kindheit zu zehnt oder mehr in ein und demselben Raum geschlafen hatten, Brüder und Schwestern, Väter und Töchter. Was meinst du wohl, was die neue Lage für sie bedeutete? Sie taten aus freien Stücken, was sie zuvor aus Not getan... Und dann in der Nacht, wenn der Überfall feindlicher Truppen drohte und du dich eng an deinen Genossen drücktest auf dem blanken Boden, um die Kälte nicht so zu spüren... Häresie?

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Ach, ihr wohlbehüteten Mönche, [...] ihr meint immer, Häresie sei eine Denkweise, die uns der Böse eingibt. In Wahrheit ist sie eine Lebensweise und [...] eine neue Erfahrung.
[...] Es war für mich eher ein herrlicher ein Karneval, und im Karneval ist die Welt verkehrt. Danach wird man älter, aber man wird nicht weise, sondern [...] naschhaft.

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Ubertin blickte beschämt zu Boden. »Vielleicht habe ich gesündigt«, murmelte er. »Zweifellos habe ich gesündigt. Was kann schon ein Sünder anderes tun?«

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»[...] du Schwein, du Auswurf der Großen Hure von Babylon [...]!«

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Man redet auch, wenn man schweigt. v»[...] und er wollte sterben, ja, er flehte sie an, sie sollten ein Ende machen mit ihm, aber er starb zu spät, zu spät, erst auf dem Scheiterhaufen, und da war er nur noch eine blutige Fleischmasse. [...]«

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»Abigor, pecca pro nobis[sündige für uns]... Ammon, miserere nobis[erbarme dich unser]... Asmodeus, libera nos a bono[befreie uns vom Guten]... Belial eleyson... Beelzebub, in corruptionem meam intende[achte auf mein Verderben]... Böliman, damnarus dominum[wir verdammen den Herrn]... Jazariel, anum meum aperies[öffne meinen Anus]... Chlungeri, asperge me spermate tuo et inquinabor[bespritze mich mit deinem Samen und mache mich unrein]... Blutschink...«

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Und alle Gäste bedankten sich bei dem Abt für das schöne Fest und zeigten ihm ihre Zuneigung und ihren Übermut, indem sie ihn stießen und traten und ihm die Kleider vom Leibe rissen und ihn zu Boden warfen und auf ihm herumtrampelten und ihm mit Ruten schlugen [...].

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»Und wenn uns der Abt begegnet, tun wir so, als wären wir zwei Gespenster.«

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Das Lachen ist die Schwäche, die Hinfälligkeit und Verderbtheit unseres Fleisches. Es ist die Kurzweil des Bauern, die Ausschweifung des Betrunkenen, auch die Kirche in ihrer Weisheit hat den Moment des Festes gestattet, den Karneval, jene zeitlich begrenzte Verunreinigung zur Abfuhr der schlechten Säfte und zur Ablenkung von anderen Begierden, anderem Trachten...

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Der Antichrist entspringt eher aus der Frömmigkeit selbst, aus der fanatischen Liebe zu Gott oder zur Wahrheit, so wie der Häretiker aus dem Heiligen und der Besessene aus dem Seher entspringen.

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Non in commotione, non in commotione Dominus.

Auf deutsch:
Nicht in der Aufregung, nicht in der Aufregung ist der Herr.

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