Literaturbrevier

Theodor Fontane: Briefe

Sehr geehrter Herr.
Ihr Stück hab' ich nun gelesen, und ich säume nicht länger, Ihnen darüber zu schreiben. Ich bedaure, daß es Ihnen wenig zu Dank und Freude sein wird. Lassen Sie mich noch erst ein Wort vorausschicken. Sie wissen, daß ich an Ihr Talent und den Ernst und die Energie Ihrer Arbeit glaube; wissen auch, daß mir nichts verhaßter ist, als der Altmansstandpunkt, der alles am besten zu wissen glaubt. Die Jahre bedeuten gar nichts. Wer dumm ist und nichts gelernt hat, faselt mit siebzig noch gerade so wie mit siebzehn.
(Fontane an Karl Bleibtreu, 24. Oktober 1881)

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Und noch eins. Sie sprechen an einer Stelle [von mir] von einem »prinzipiellen Gegner«. Haben Sie's aufs Politische bezogen, so ist das halb richtig, aber doch auch nur halb, haben Sie's auf Kunstrichtung bezogen, so trifft das Gegenteil zu. Die realistische Schule hat nicht einzig und allein Recht, aber sie hat so gut Recht wie die ihr entgegengesetzte.
(Fontane an Gerhart Hauptmann, 12. September 1889)

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Solches Tendenzstück ist Ihr Stück nicht, auch dann noch nicht, wenn Sie's selbst dafür ausgeben. Das kommt sehr oft im literarischen Leben vor, daß die eingeborne Kunst des Künstlers mächtiger ist, als der Wille des Künstlers, die Natur siegt über Plan und Dogma. Als Gottfr. Keller kathol. Legenden ridikülisieren wollte, schrieb er, im Gegensatz zu sich selbst, eine Reihe schönster katholischer Legenden. Ihr Stück mag in Ihren Augen vor allem ein soziales Drama sein, in meinen Augen ist es ein Drama, ein Stück Leben, und das bedeutet mehr.
(Fontane an Gerhart Hauptmann über dessen Stück »Vor Sonnenaufgang«, 12. September 1889)

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