Literaturbrevier

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein

Jede Geschichte ist eine Erfindung, jedes Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle

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»Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält«, sage ich, »oder eine ganze Reihe von Geschichten« , sage ich, bin aber zu betrunken, um meinen eignen Gedanken wirklich folgen zu können, und das ärgert mich, so daß ich verstumme.

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Erst als sie im Trocknen saß, schnöderweise nur noch mit ihrer schwarzen Handtasche beschäftigt, traf mich, was man Gefühl nennt.

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Ich habe dreimal angerufen. Wo bist Du gewesen? Noch ist die Frage so arglos, ja, man fühlt sich geschmeichelt durch die Neugierde des andern; man will ja nicht wissen, bloß zeigen; wie man sich sehnt —

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Wenn Lila wüßte, daß ich sehe, sie würde zweifeln an meiner Liebe, und es wäre die Hölle, ein Mann und ein Weib, aber kein Paar; erst das Geheimnis, das ein Mann und ein Weib voreinander hüten, macht sie zum Paar.

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Ich stelle mir die Hölle vor:
Ich wäre Enderlin, aber unsterblich, so, daß ich sein Leben, meinetwegen auch nur einen Teil seines Lebens, ein Jahr, meinetwegen sogar ein glückliches Jahr, noch einmal durchzuleben hätte mit dem vollen Wissen, was kommt, und ohne die Erwartung, die allein imstande ist, das Leben erträglich zu machen, ohne das Offene, das Ungewisse aus Hoffnung und Angst.

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und als ich dann weiterfahre, bin ich entschlossen, nie davon zu erzählen. Später tue ich's doch.

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Ich wundere mich, daß die Streichhölzer, die ich aus einer Jade-Dose nehme, nach wie vor aus Holz sind; auch die Tannenscheite und die Buchenbengel, die ich in den Palazzo-Kamin schichte, sind aus gewöhnlichem Holz, spottbillig; es ist überhaupt das Billige, was mich immer wieder ans Geld erinnert

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Indem man redet und redet, ohne einen Widerspruch zu hören, beginnt man selbst zu widersprechen.

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Wie alle, die heute noch am Zug sind, gehört der Vater zur Vergangenheit, und die Gegenwart ist nicht der Vater mit der Tochter, sondern die Tochter.

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