Literaturbrevier

Christian Fürchtegott Gellert: Briefe

Bonau, 22. März 1758
[...] Der Major [Christian Ewald von] Kleist hat auf meinen vermeinten Tod ein Sinngedichte verfertiget, das für mich unendlich rühmlich ist, und über das hinaus nichts Großes mehr gedacht werden kann. Aber ach! Ich Unwürdiger! Ich verdiene nicht die Hälfte davon, das sagt mir mein Herz laut.

Als jüngst des Todes Pfeil, o Gellert, dich getroffen,
Klagt ich und weint und sah den Himmel plötzlich offen,
Auch den belebten Raum der weiten Welt sah ich:
Die Erde weinete, der Himmel freute sich.

(Gellert an seinen ehem. Schüler Moritz Graf von Brühl)

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Leipzig, 3. September 1763
[...] Am vorigen Dienstag [...] kam der Leibpage der sächsischen Prinzessin Christine früh gegen neun Uhr zu mir, sagte mir sehr höflich, daß seine Prinzessin um elf Uhr in Leipzig eintreffen würde und daß sie sehr wünsche, mich zu sprechen, und daß sie ihm auf allen Poststationen nachgerufen hätte: »Vergesse Er ja nicht, wenn Er nach Leipzig kommt, daß Er gleich zum Professor Gellert geht.« — [...]
»Da kommt also der Professor Gellert!« rief die Prinzessin [...]. »Nun, ich habe sehr gewünscht, Ihn kennen zu lernen, und Ihm für Seine schönen Schriften zu danken und Ihm Glück zu Seiner Kur zu wünschen.« — Ich küßte ihr die Hand und bewillkommte sie im Namen meines ganzen Vaterlandes.
»Ist er immer noch krank? Gewiß vom vielen Sitzen und Schreiben?«
Nein, Ihro Hoheit, sonst müßten viele Menschen schon krank und tot sein, wenn das Schreiben siech machte.
»Ja, das Schreiben vielleicht nicht, aber wohl das Gutschreiben.«
Das ist eben die Frage, gnädige Prinzessin, ob ich gut geschrieben habe. Daran muß ein Autor immer noch zweifeln.
»Das will ich verantworten; zweifle Er nicht. Die Welt sagt es, und ich sage es auch. — Hat Er jetzt nichts geschrieben?«
Nein, Ihro Hoheit. Ich schreibe nichts mehr, und kann nichts mehr schreiben, und habe vielleicht schon zu viel geschrieben.
»Sage Er mir doch, was von Seinen Schriften zu viel ist.«
Vielleicht das meiste.
»Das kan ich Ihm widersprechen; denn ich habe sie alle gelesen, und alle Leute, und alle Höfe, wo ich gewesen bin, lesen Ihn. Wie oft habe ich Seine Schriften verschenken müssen!«
So bin ich Ihnen denn vielleicht meine vornehmen Leser schuldig, gütigste Prinzessin.
»Nein, ich habe mir ein Ansehen mit Ihm gemacht, und ich bin Ihm Ruhm schuldig.«
Wenigstens beklage ich's, daß Ihnen meine Schriften so viel Aufwand verursachten.
»Werde Er nur recht gesund, schreibe Er, schicke Er mir Seine Schriften zuerst, und sei Er ruhig. Das ist alles, was ich von Ihm verlange. Welches von Seinen Werken hat Er am liebsten?«
Das nützlichste, Ihro Hoheit.
»Also das jüngste, das letzte; die Lieder also? Ich denke es auch. Man hat viel von Seinen Schriften übersetzt; aber sie verlieren. Geßners Idyllen, die sind gut übersetzt.«
Es ist lange genug, gnädigste Prinzessin, daß wir die Franzosen übersetzt haben. Die Reihe muß also an uns auch kommen.
»Er ärgert sich wohl an meinem Deutsch. Ich habe in achtzehn Monaten kein Deutsch gesprochen.«
Nein, ich bewundere Sie. Sie reden es besser, als ich und andre.
»Das kann nicht sein; ich habe es aus Seinen Schriften gelernt.« [...]

(Gellert an Christiane Caroline Lucius)

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