Literaturbrevier

Salomon Gessner: Idyllen

Denn dein Gemüth voll Tugend und voll Unschuld, ist heiter, wie der schönste Frühlings-Morgen; So flattert muntrer Scherz und frohes Lächeln, stets um die kleinen Lippen, um die rothen Wangen, und sanfte Freude redet stets aus deinen Augen. Ja, seit du Freund mich nennst, geliebte Daphne! seitdem umglänzt ein Sonnenschein von Freude, mein Leben vor mir her, und jeder Tag, gleicht einem hellen Liederreichen Morgen.
(An Daphnen.)

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Diß, Daphne! diß allein, belohne meine Lieder, diß sey mein Ruhm, daß mir an deiner Seite, aus deinem holden Aug der Beyfall lächle.
(An Daphnen.)

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Willst du, o Chloe! willst du mich nicht auch lieben [...], weil ich tugendhaft bin?
(Lycas und Milon.)

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Aber du blaue Viole, du Bild des Weisen, du stehst bescheiden niedrig im Gras, und streust Gerüche umher, indeß daß Geruchlose Blumen hoch über das Gras empor stehn, und pralerisch wirken.
(Als ich Daphnen auf dem Spaziergang erwartete.)

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Schöner Schmetterling! biege die Blume zum Bach hin, und sieh da deine schöne Gestalt; dann gleichst du der schönen Belinde, die beym Spiegel vergißt, daß sie mehr als Schmetterling seyn sollte; ihr Kleid ist nicht so schön wie deine Flügel, aber Gedankenlos ist sie wie du.
(Als ich Daphnen auf dem Spaziergang erwartete.)

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Dort geht der junge Hyacinthus vorüber, im schönen goldnen Kleid; er eilt durchs verächtliche Gras, neben der Natur hin, und pfeift; sie mag ihn anlächeln, für ihn ist das eine zu alte Schöne; er eilt zu Fräulein Henrietten, wo die schöne Welt beym Spiel-Tisch sich sammelt; da wird sein Kleid Augen von feinerm Geschmak besser entzüken, als ein glühendes Abendroth. Wie wird er lachen, wenn er mich sieht, fern von der feinen Welt bey den Würmern im Gras kriechen! Aber verzeihen sie, Hyacintus, wenn ich so tumm bin, ihrem sch&ovnen Gang und dem Glanz ihres Kleides nicht nachzusehn, denn hier an diesem Gräschen läuft ein Würmchen empor, seine Flügel sind grünliches Gold, und wechseln prächtig die hellen Farben des Regenbogens. Verzeihen sie, Hyacintus, verzeihen sie der Natur, die einem Wurm ein schöner Kleid gab, als keine Kunst ihnen liefern kan, ihnen der doch so ausnehmenden Wiz hat, Gewissen und Religion dem tummen Pöbel zu überlassen.
(Als ich Daphnen auf dem Spaziergang erwartete.)

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Unser wahres Glük ist die Tugend. [...] Ja du, göttliche Tugend, du bist unser Glük, du streust Freud' und Seligkeit in jedem Stand auf unsre Tage.
(Der Wunsch.)

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