Literaturbrevier

Johann Wilhelm Ludwig Gleim: Briefe

Er[Gleim] ist eine Schlüsselfigur des [18.] Jahrhunderts. Sein Briefwechsel läßt kaum einen wichtigen schreibenden Zeitgenossen unberührt. Gleim ist der Prototyp des Kontaktliteraten, er betreibt Literaturpolitik durch Kommunikation — positive, versteht sich, »sein brennender Durst, Freunden ein Freund zu sein« (Klopstock in der »Ode an Gleim«) sicherte ihm schließlich einen besseren Platz in der Literatur als seine Gedichte.
(Fassmann, Herausgeber seiner Briefe)

 

Ich sehe daraus[aus dem letzten Brief], daß ich mit Ihnen zugleich den ersten Frühling empfunden habe. Denn es war ebenfalls der 6. April, als ich die erste Lerche hörte. Aber meine Empfindungen sind nicht so stark gewesen, als die Ihrige. Ich sehe es aus dem Unterschiede des Ausdrucks, womit wir beide uns einander die Ankunft des Frühlings melden. Ich sage: Der Frühling ist da. Sie hingegen: Der Himmel hat sich aufgeklärt, alle seine Wolken glänzen — eine sanfte Wärme befruchtet die ganze Natur — ich schöpfe die Wollust mit dem Atem — ich taumle vor Vergnügen. Ich untersuche die Ursaschen dieses Unterschiedes. Wie kommt es, daß ich itzt weniger entzückt sein kann über die Jugend der Natur? Über den hellern Himmel; daß ich die Wollust nicht mehr mit so starken Zügen schöpfe, als, wann ich mit Ramler, Langemack und Hempel im Labyrinth ging? Ist es der Mangel an Gesellschaft? Ist es, weil ich fremde Gedanken mit in die freie Luft bringe, und dadurch den Empfindungen hinderlich bin? [...]
Der Unterschied des Ausdrucks beweist keinen Vorzug. Sie melden die Ankunft des Frühlings wie ein Horaz und ich wie ein Anakreon. Und sagen nicht die Kunstrichter und Weltweisen, daß der stärkste Affekt am kürzesten spreche? [...]
Noch eins, liebster Freund, ich meldete dem Herrn v. Kleist kurz vorher die Ankunft des Frühlings, es war ein Brief von zwei Bogen, vielleicht habe ich mich da erschöpft, die Empfindungen haben nachgelassen, ja in der Tag, das ist der Punkt. Nun bin ich zufrieden, liebster Freund; Ihr Brief hatte mich recht unruhig gemacht, Sie sehn doch daraus, daß ich mich itzt noch im Empfinden übe.
(Gleim an Ramler, 11. April 1748)

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Halberstadt, 4. März 1749
Geliebtester Freund, die Nachricht von Ihrer Krankheit hat mein ganzes empfindliches Herz rege gemacht, ich bin mit Sinn und Gedanken bei Ihnen und wünsche persönlich bei Ihnen zu sein, damit, wenn Sie ja sterben wollten, Sie es wenigstens in meinen Armen tun könnten. [...]
Man sagt, daß die Seele mit der Miene, mit welcher sie aus dieser Welt geht, in die andre treten werde. Was würde Horaz sagen, [da Ramler Horaz übersetzt,] wenn er Sie in der Gestalt eines Ritters von der traurigen Figur ankommen sähe.

(Gleim an Ramler)

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Hingegen, wie muß sich eine Seele gleichsam selbst zerrütten, wenn sie mit Widerwillen ihr Haus verläßt, und von der Gewalt des Todes hinfortgerissenw rid. Wir, liebster Freund, wir wollen dem Tode keine Mühe machen. Wenn er kommt, uns zu holen, so wollen wir ihm entgegenlachen. Er wird uns ohnedem bei unseren Freunden, oder bei unseren Mädchen, sollten diese auch nur die Musen sein, antreffen.

(Gleim an Ramler, 4. März 1749)

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Berlin, 13. März 1749
Mein liebster Freund, Sie haben mir durch Ihren Brief große Lust zu sterben gemacht. Ich will jetzt Sauerkraut und Schweinefleisch und dergleichen Gerichte durcheinander essen, vielleicht bekomme ich das hitzige Fieber noch einmal, aber dann sein Sie so gut und kommen herüber, da will ich dann meinen Kopf auf Ihren Schoß und an Ihren Busen legen. Ein Mädchen habe ich nicht, hätte ich eines, so würde es mich wohl besucht und nicht unzeitig blöde einen abgematteten Mannskörper gescheut haben. Ich muß Ihnen aber doch sagen, daß ich weiß, wie mir zumute sein wird, wenn ich aus dem Sterben Ernst machen werde. In der Nacht, da ich eben meinen Durst gestillt hatte und mein Glas aus der Hand setzte, brach mir plötzlich ein unnatürlicher Schweiß aus; große Tropfen rannen von meiner Stirn, so geschwinde und in solcher Menge, daß meine Phantasei glaubte, dies wäre der Todesschweiß, und mein Ende sei ganz nahe. Was sollte ich tun? Sollte ich Lärm machen und meine Hausgenossen wecken? Ich beschloß kurz, ich wollte niemand rufen, auch nicht zu meinem Doktor schicken, sondern ohne viel Aufruhr sterben. Alsdann gedachte ich in abgebrochenen kurzen Sätzen: Ich bin jung, ich soll aus einer Welt gehen, die für mich recht schön ist. Doch ich will sterben — — Ich bleibe ja übrig — — und soll ich ganz, ganz verfaulen, wohl! so habe ich stoischen Mut dazu — — Wenn mich doch jemand sterben sähe — — Doch es ist genug, daß ich mir selbst bewußt bin, ich sterbe fröhlich. Aber was wird mein Gleim sagen? — — Ach er wird weinen — — Er wird sagen: Schade! Ramler ist gestorben! — Er wird meine wenigen Lieder noch wollen bekannt machen — — Täte er's nur nicht — — Er dürfe nur sagen: wenn er am Leben geblieben wäre usw. Aber Eitelkeit! Was ist mir künftig daran gelegen, wenn mich einige Skribenten loben — — — Ich fühle, daß mir der Puls entgeht — — Aber ich habe noch allzuviel Kräfte — —

(Ramler an Gleim)

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        Schmidt sollte unser Choral sein. Denn er kann doch gar zu gut singen. Er wollte wohl lieber Probst im Kloster sein. Aber dazu schickt er sich nicht gut; denn kann er wohl so gut küssen als singen? Ihr Gleim
        Mein lieber Herr Schlegel. Ich bin auf Gleimen beinahe unwillig, daß er mich durch seine Beschuldigung, daß ich nicht gut küssen könnte, verhindert, Ihnen weitläufig zu schreiben, wie lieb ich Sie habe. Er hat mich recht in Hitze gebracht. Mir so an die Seele zu greifen! Mir, an dessen Lippen und Talente zum Küssen die Götter mehr Kunst verschwendet, als an der ganzen Schöpfung der Pandora: mir, gegen dessen Ruhm im Küssen gerechnet Gleim, Klopstock und alle Welt nichts als ein ignobile vulgus[unbedeutender Haufe] ist; mir, an dessen Grabe Enkel und Enkelinnen einst klagen werden: »Ach! Daß der Jüngling starb!« Weil ich mit allen ihren Müttern Mitleid gehabt und sie alle küßt;e. Habe ich nun Gleimen genug widerlegt? Mein lieber Herr Schlegel, lassen Sie mich ja nicht einmal Ihr Mädchen küssen, denn sie wird nachher haben wollen, daß Sie mir es nachtun sollen. Schmidt
        Mein liebster Schlegel. Das wußte ich wohl, daß Schmidt mich widerlegen würde. Aber wer weiß nicht, daß die kleinsten Helden sind, die sich ihres Muts und ihrer Siege am meisten rühmen? Gleim
(Klopstock, Gleim und Schmidt an Johann Adolph Schlegel, 12. Juni 1750)

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Braunschweig, 27. März 1751
[Gleim] Mein liebster Ramler, hier bin ich in Braunschweig, auf Zachariäs Zimmer, mit Klopstock, Ebert, Gärtner, Kirchmann, Alberti, Fleischer (ein Orpheus unsrer Zeit) und Giseke, der sich ärgert, daß ich ihn nicht zuerst genannt habe.
[Zachariä:] Ihr lieber Gleim hat eben eine Ode von Ihnen hergesagt, und er vergißt drüber, seinen Brief fortzuschreiben. Soll ich Ihnen sagen, mein lieber Ramler, daß ich Ihre Ode fühle und bewundre, aber das versteht sich — ich will Ihnen lieber sagen, daß ich Sie unendlich liebe, nun soll Gleim fortschreiben. [Gleim:] Nein, Klopstock, schrieb du fort — — [Klopstock:] Ich dächte, Gleim könnte nur fortschreiben. Denn ich kann mich nicht gleich auf den glücklichsten Ausdruck besinnen, wie ich es Ihnen sagen soll, wie sehr ich Sie liebe . . . Nun, Gleim, wieder her an den Tisch! [etc.]

(Gleim, Zachariä, Klopstock, Ebert, Gärtner und Giseke an Ramler)

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Halberstadt, 28. April 1756
Mein teurester liebster Ramler, Sie sollen mir sagen, wer diese Fabeln gemacht hat. Sie sind von Berlin an Herrn Kammersekretär Beyer, der Sie einmal zu Berlin besucht hat, mit gestriger Post geschickt; drei Exemplare nur, eines für Herrn Lichtwehr, eines für mich, mit dem Verbot, sie vor Ablauf der Messe nicht aus den Händen zu geben, damit sie niemand nachdrucke. Ohne Zweifel haben Sie sie schon selbst.
(Gleim an Ramler)

[Und die Antwort darauf:]

Berlin, 1. Mai 1756
Mein liebster, Gleim, ich will Ihnen wohl sagen, wer die naiven und nachlässig-schönen Fabeln gemacht hat: Sie haben sie gemacht. Und ich lasse es mir nicht ausreden, obgleich die eine an Sie selbst gerichtet ist. Wie haben Sie Ihre Sachen doch diesmal so unerforschlich heimlich halten können! Aber ich kenne Ihre jetzige Versart allzuschön, als daß ich Sie nicht gleich beim ersten Gedicht hätte erraten sollen.
(Ramler an Gleim)

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Großes Glück und Unglück bringt die Herzen immer näher zusammen.
(Ramler an Gleim)

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Wir haben schon Lieder zum Vergnügen, oder vielmehr zum Gähnen.
(Uz an Gleim, 1754[!])

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Wieland ist dermalen die stärkste Vormauer wider den eindringenden schlechten Geschmack. Er mag in Prose oder in Versen schreiben, so bleibt er der Natur getreu und immer meistermäßig. Die Übersetzung Lukians ist seinem Geiste ganz angemessen, und ich wünsche, so lange zu leben, daß ich sie lesen kann.
(Uz an Gleim, 15. Januar 1787)

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