Literaturbrevier

Christian Dietrich Grabbe: Don Juan und Faust

D o n   O c t a v i o (drinnen).
Mit Gut und Leben steh ich Euch zu Diensten.
D o n   J u a n (für sich).
Wärs wahr, so würdest du's nicht sagen! —
— So 'n Maulheld also! — Nun, es naht die Zeit,
Wo Krieg und Frieden, Lieb und Glück, und Gott
und Glauben, nur die Worte sind, von dem
Was sie gewesen. Ganz ergebenst gibt
Man dann dem Bettler einen Fußtritt, und
Gehorsamst fordert man vom Diener ein
Glas Wasser! —

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D e r   G o u v e r n e u r.
Wie sprichst du Sohn, Die Ehre ist mein Auge,
Das kleinste Stäubchen, das hineindringt, macht
Mich blind und wild vor Schmerz!

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D o n   J u a n.
[...] dem Faust,
dem Renommisten der Melancholie,
Der nach der Hölle seufzt, weil er die Himmel
Nicht kennt

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L e p o r e l l o [zur Linette, der Magd Donna Annas].
Was ist deine Gebieterin gegen dich? Ein ärmliches Ding, ein Würmchen!
D o n   J u a n.
Spitzbube!
L e p o r e l l o.
Still — Paßt auf — das hilft — das glaubt sie!
D o n   J u a n.
Hast recht — die Mädchen machen es mit dem Glauben, wie die reichen Leute mit der Speise, — sie nehmen nur das zu sich, was ihnen angenehm schmeckt.

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D o n   J u a n.
Ehedem führte man zum Altar Kälber und Schafe, um sie zu schlachten, jetzt die Mädchen, um sie zu heiraten. — Nichts Neues unter der Sonne!

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F a u s t.
Wer hat gestrebt wie ich? Wo ist der Pfad
Der Kunst, der Wissenschaft, den ich nicht schritt?
Weit ferner, kühner [...]
drang ich darauf fort als all
die Herren, die beim ersten Meilenstein
Umkehren, voll von ihrer Reise Wundern,
Und als gelehrte, selbstzufriedne Toren,
Von größern Toren angestaunt, sich brüsten!
— Ich aber wanderte und wanderte —
Es blieb die Sonne hinter mir zurück,
Und nur ein paarmal merkt ich, daß sie trübe,
Fast wie ein rotgeweintes Mutterauge,
Mir durch die Nebel nachsah. Weg mit ihr!
Es war ein schönres Licht, nach dem ich suchte!
Und schau, da ist das Ziel: vor mir der Abgrund,
In den die Ströme der Gedanken, des
Gefühles, brausend niederschäumen, ohne Rückkehr,
In dessen Brodem sich des Zweifels Hyder,
Mit roter Zunge giftig flammend, windet
Und mästet! —

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D e r — R i t t e r.
die Nacht ist unerschöpflich,
Das Licht bedarf der Nahrung und erlischt
Deshalb gar leicht aus Mangel.

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D e r — R i t t e r.
Kleinigkeit!
Sehr große Kleinigkeit!
F a u s t.
Zweideutler!

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F a u s t.
Die Hölle ist der beste Prediger
Der Christenheit, — man fürchtet sie!

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F a u s t.
Erfüll
Das Paktum!
D e r   R i t t e r (sich erhebend).
Leicht geschehn! Du brauchst nicht weit
Zu fliegen — willst du glauben, willst du lieben,
Nun so verlieb dich in die Donna Anna,
Das schönste Weib, das je in Rom gewandelt.
Den ganzen Rummel hast du dann auf einmal:
Denn wer verliebt ist, seufzt und hofft, und glaubt
Und jauchzt!
F a u s t.
Entriß ich dich dem Schwefelpful,
Daß ich in eines Mädchens Kreis mich bannen,
Daß ich Stecknadeln lösen sollte, statt
Der Riegel, womit die Geheimnisse
Des Alls verschlossen sind?
D e r   R i t t e r.
Es kommt die Stunde,
Wo dir der Donna Anna Busennadel
Weit mehr verschließt, als dir die Welt kann geben!

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D e r   R i t t e r.
Seht den Spiegel hier!
Was sagt Ihr zu dem Weibsgesicht, das draus
Hervorstrahlt?
F a u s t.
Weibsgesicht — Ich hab 'ne Frau!
D e r   R i t t e r.
Was liegt an der auch!
F a u s t.
Ich bin satt
der Weiber!
D e r   R i t t e r.
Ha! Meinst du es so? Hast nie
Geliebt?
F a u s t.
Geküßt hab ich, gehofft, gesehnt, —
Doch wenig ist die Welt, und groß die Sehnsucht.
Wie konnt ich Mädchen lieben, eh die Gottheit
Mir klar war?
D e r   R i t t e r.
O ganz leicht! Beim schönen Werk
Vergißt man oft die Häßlichkeit des Meisters,
Beim Weibe oft die Gottheit und den Teufel,
— Denk nicht, daß du auf deiner Lebensreise,
Die heiße Zone, wo der Himmel brennt,
Der Liebe, würdest frei umschiffen können.

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D e r   G o u v e r n e u r.
Dann Don Juan entblößt Eur Schwert.
D o n   J u a n.
Ist leicht
Geschehn. Nicht schämt es sich der Nacktheit.
L e p o r e l l o (für sich).
Wenn es
Errötet, ists vom Blute.

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D o n   J u a n.
Zwar glaubt Ihr, daß das Recht auf Eurer Seite
Gewesen, — doch ich glaub, es war auf meiner.
Das Recht ist hundertfach und jeder übt
Sein eigenes.

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G a s p a r o.
Er ist schon tot.
D e r   P r i e s t e r.
Wir sind zu spät gekommen.
Allmächtiger! verzeih ihm seine Sünde!
G a s p a r o.
Die Bitt ist unnütz. Ich dien ihm lange
Und wüßte keine Sünd, die er vollbracht.
D e r   P r i e s t e r.
Wie? Eben fiel er erst im Zweikampf!
G a s p a r o.
Herr,
Er fiel im Kampf um Don Octavios Blut
Und Donna Annas Ehre.
D e r   P r i e s t e r.
Nicht dem Menschen,
Der Gottheit nur geziemt die Rach und Strafe.
G a s p a r o.
Der Gouverneur dacht anders. Weil die Gottheit
So selten straft, so meint' er wohl, es wär
Recht gut, wenn auch der Mensch ihr etwas nachhülfe. —
(Er und der Priester tragen den Leichnam fort.)

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Prächtiges Gemach im Zauberschlosse des Faust. [...]
F a u s t (zornig).
Erbärmlich ist die Kunst, die du[Teufel] hier zeigtest!
Nicht würdig Ihres Blicks ist dieses Schloß,
Ist dieser Saal! Ich schäme mich darob!
Du willst ein Teufel sein, und kannst nicht einmal
Mit Glanze, sei es auch mit falschem, blenden!

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D e r   R i t t e r.
Der
Hochmütge! Bist viel wen'ger als ein Teufel,
Bist nur ein Mensch!

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D o n   J u a n.
Wozu übermenschlich,
Wenn du ein Mensch bleibst?
F a u s t.
Wozu Mensch,
Wenn du nach Übermenschlichem nicht strebst?

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L e p o r e l l o.
Konnexion! Ja
Wenn das ist! Konnexion ist viel,
Verstand, Verbrechen, Recht sind gar nichts. Lieber
Verstand verlieren als die Konnexion.

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D o n n a   A n n a.
Was wär
Die Tugend könnte sie je zittern?

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D o n n a   A n n a.
Laß frei mich, wenn du Ehre hast.
F a u s t.
Ich habe
Die Kraft, und Kraft schafft selbst sich Ehre.
D o n n a   A n n a.
Ehre
Wird nicht geschaffen. Echte Kraft entsteht
Aus ihr nur.
F a u s t.
Nach Belieben — Ehre, Kraft —
Sie schaffen, schaffen nicht — Sentenzen kehrt
Man um wie Handschuhe — Sie tragen sich
An beiden Seiten.

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D o n   J u a n.
Schwül ists im Zimmer! Geisterhaft ists schwül! —
— Doch mit Geruch des Bratens werd ich das
Verscheuchen. — Nichts Reellres in der Welt, als der
Geruch — Er zaubert uns im Augenblick
Ins Reich der Wirklichkeit — Riechst du in Eden
Den Duft von Speisen oder Grabesdunst —
Du bist aus Eden fort

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L e p o r e l l o.
O Don, bedenkt:
Versprechen ist was anders als das Halten:
Was ich verspreche, das versprech ich,
Und was ich halt, das halt ich. Auch vernahm
Ich nicht, daß mein Gelübde akzeptiert ward!

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D o n   J u a n.
Beim Essen ist Musik ein guter Prüfstein —
Denn ist das Essen gut, so hört man die
Musik nicht
!

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