Literaturbrevier

Franz Grillparzer: Sappho

Des Leibes Schönheit ist ein schönes Gut
Und Lebenslust ein köstlicher Gewinn,
Der kühne Mut, der Weltgebieter Stärke,
Entschlossenheit und Lust an dem was ist,
Und Phantasie, hold dienend wie sie soll,
Sie schmücken dieses Lebens rauhe Pfade
Und leben ist ja doch des Lebens höchstes Ziel!

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Gar ängstlich steht sich's auf der Menschheit Höhn
Und ewig ist die arme Kunst gezwungen,
(Mit ausgebreiteten Armen gegen Phaon.)
Zu betteln von des Lebens Überfluss.

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Golden thronende Aphrodite,
Listenersinnende Tochter des Zeus,
Nicht mit Angst und Sorgen belaste,
Hocherhabne dies pochende Herz!

Sondern komm, wenn jemals dir lieblich
Meiner Leier Saiten getönt,
Deren Klängen du öfters lauschtest,
Verlassend des Vaters goldenes Haus.

Du bespanntest den schimmernden Wagen,
Und deiner Sperlinge fröhliches Paar,
Munter schwingend die schwärzlichen Flügel,
Trug dich vom Himmel zur Erde herab.

Und du kamst; mit lieblichem Lächeln,
Göttliche! auf der unsterblichen Stirn,
Fragtest du, was die Klagende quäle?
Warum erschalle der Flehenden Ruf?

Was das schwärmende Herz begehre?
Wen sich sehne die klopfende Brust
Sanft zu bestricken im Netz der Liebe?
Wer ist's Sappho, der dich verletzt?

Flieht er dich jetzt, bald wird er dir folgen,
Verschmäht er Geschenke, er gibt sie noch selbst,
Liebt er dich nicht, gar bald wird er lieben
Folgsam gehorchend jeglichem Wink.

Komm auch jetzt und löse den Kummer,
Der mir lastend den Busen beengt,
Hilf mir erringen nach was ich ringe,
Sei mir Gefährtin im lieblichen Streit.
(Sie lehnt matt das Haupt zurück.)

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Mit Tränen seh ich Freunde und Verwandte
Den Busen drücken an verwandte Brust;
Mir schlägt kein Busen hier in diesem Lande,
Und meine Freunde wohnen weit von hier.
Ich sehe Kinder um den Vater hüpfen,
Die fromme Stirn, die heil'gen Locken küssen,
Mein Vater lebt getrennt durch ferne Meere,
Wo ihn nicht Gruß und Kuß des Kinds erreicht!
Sie tun wohl hier so, als ob sie mich liebten,
Und auch an sanften Worten fehlt es nicht,
Doch ist es Liebe nicht, 's ist nur Erbarmen,
Das auch der Sklavin milde Worte gönnt;
Der Mund, der erst von Schmeicheln überflossen,
Er füllt sich bald mit Hohn und bitterm Spott!

Sie dürfen lieben, hassen, was sie wollen,
Und was das Herz empfindet, spricht die Lippe aus,
Sie zieret Gold und Purpur und Geschmeide,
Nach ihnen wendet staunend sich der Blick;
Der Sklavin Platz ist an dem niedern Herde,
Da trifft kein Blick sie, ach und keine Frage,
Kein Auge, kein Gedanke und kein Wunsch! -

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EUCHARIS:
Ich fand sie dort im klaren Wasser stehn.
Die Kleider lagen ringsumher am Ufer
Und hoch geschürzt - sie dachte keines Lauschers -
Wusch, mit den kleinen Händen Wasser schöpfend,
Sie sorgsam reibend Arme und Gesicht,
Die von dem Schein der Sonne durch die Blätter,
Von ihrem Eifer und der rauhen Weise,
Mit der die Kleine eilig rasch verfuhr,
In hellem Purpur feurig glühten.
Wie sie da stand, für eine ihrer Nymphen,
Der jüngsten eine, hätte sie Diana -

SAPPHO:
Erzählung wollt' ich hören, und nicht Lob!

EUCHARIS:
Als nun des Bades langes Werk vollbracht,
Getrocknet Angesicht und Brust und Wange,
Ging fröhlich singend sie ins Haus zurück,
Also vertieft und so in sich verloren,
Daß sie der Blätter, die ich aus dem Dickicht
Nach ihr warf, sie zu schrecken, nicht gewahrte.

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Der Undank ist die Schlange! Nicht? Die Schlange!
So schön, so glatt, so bunt, so giftig! - Oh! -

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MELITTA
Du bist so sonderbar! Du kehrst dich ab
Und deine Augen wagen nicht, die Worte,
Die du mir gibst, freiblickend zu bekräft'gen!
Was hast du denn, daß du so bang und ängstlich?
Sag mir, wo Sappho weilt, daß ich ihr nahe,
Und weißt du's nicht, so laß mich gehn!
RHAMNES
Halt da!
Du darfst nicht fort!
MELITTA
Warum?
RHAMNES
Du mußt mit mir!
MELITTA
Wohin?
RHAMNES
Nach - Komm nur mit zur nahen Bucht,
Du sollst schon sehn!
MELITTA
Ihr Götter, was soll das?
RHAMNES
Komm Mädchen, Mitternacht ist bald vorüber.
Die Stunde drängt! Mach fort!
MELITTA
Was hast du vor?
Fort soll ich, fort! - An weitentlegne Küsten!
RHAMNES
Sei ruhig Kind! An weitentlegne Küsten?
Was fällt dir ein? Ist Chios denn so weit?
MELITTA
Nach Chios? Nimmermehr!
RHAMNES
Du mußt wohl Kind!
So will es die Gebietrin!
MELITTA
Sappho, sagst du?
Fort hin zu ihr!
RHAMNES
Nicht doch!
MELITTA
Zu ihren Füßen!
Sie hör' und richte mich!
RHAMNES
Nicht von der Stelle!
MELITTA
Wie Rhamnes du?
RHAMNES
Ei was, ich kann nicht anders!
Befohlen ward mir's so und ich gehorche.
MELITTA
Laß dich erbitten!
RHAMNES
Ei was nützt es dir
Wenn auch in meinen Augen Tränen blinken.
Es muß doch einmal sein! Drum Kind, mach fort!
MELITTA
Hier lieg ich auf den Knien! Laß dich erflehn!
- So ist denn niemand, der mich hört und rettet?
RHAMNES
Umsonst! du rufst das Haus mir wach. Komm mit!
MELITTA
Nein nimmermehr! Erbarmt sich niemand meiner?

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Daß ich die Augen bohren kann in seine,
Ihn fragen kann: Was hab ich dir getan,
(In Tränen ausbrechend.)
Daß du mich tötest?

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Sie ist nicht kalt, und wenn auch schweigt ihr Mund
Ich fühl ihr Herz zu meinem Herzen sprechen!

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