Literaturbrevier

Andreas Gryphius: Horribilicribrifax Teutsch

Er greiffet nach demselben / und findet das gantze Concept unserer Liebe und Deversation[Zerknirschung]: ausser daß es per [in]curiam temporis[durch den Verschleiß der Zeit] durch die uebermuethige non chalance[Nachlässigkeit], unsers vorweilen Freundes hin und wieder Schaden gelitten / und was zuvor haette gesaget werden sollen / in so einen veraechtlichen Ort verworffen: in welchem es freylich laengst / seinem Belieben und Willen nach / in tausend mahl tausend / ich darff nicht schreiben was / vergangen wenn es nicht Tempum Genium und Fortunum[Zeit, Geist und Glück, und die heilige Atropis[Atropos=die Parze, die den Lebensfaden abschneidet], trotz aller Neid erhalten: Und dieses heist:
Qvam saepe summa medio in culo latent. [Wie oft ist das Wichtigste mitten im Hintern versteckt.]

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A n t o n i a. Auff Fuersten darffst du nicht hoffen. Das Kueh- und Schaaff-Fleisch gilt itzt schier mehr / als Jungfern Fleisch.

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S e l e n. Unsere alte wasche Magd[Wäscherin] / die schwartze Dorabelle, welche lange bey einem Koeniglichen Rath in Diensten gewesen / hat mich mit Eyd und Thraenen versichert / daß eine Bauer-Greta viel besser sich auff dem Strosack befinde / als des gelehrtesten Mannes Frau auff Schwanen Federn.

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F l a c c i l l a. Ach mein Kind! wenn ich dich entweder nie gebohren hette / oder wenn du in meiner Schooß gestorben werest: wie vielem Hertzleid weren wir beyde zeitlich entkommen? was nuetzet aus hohem Geschlecht entsprossen seyn / wenn man nicht nur den Stand nicht fuehren / sondern auch das Leben nicht erhalten kann?
S o p h i a. Frau Mutter! es gehe so hart zu als es wolle; man bleibet dennoch nicht von GOtt verlassen.
[...]
F l a c c i l l a. Diese Worte fuellen den Magen nicht / und tuegen[taugen] weder zu sieden noch zu braten. Wenn du jenem Edelman werest etwas besser an die Hand gegangen / oder noch gehen woltest / es stuende bequemer um mich und dich.
S o p h i a. Ha! Frau Mutter / lieber das Leben verlohren / als die Ehre: lieber Hunger gestorben / als die Keuschheit hindan gesetzt.
F l a c c i l l a. Man muß aus der Noth eine Tugend machen. Solche grosse Worte stehen reichen Damen / nicht verlassenen Kindern / an.

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S o p h i a. Lasset uns hinein! denn die Not leidet keinen Auffschub.

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S e m p r o n i u s. Ach Coelestina! ach Coelestina! tu mihi spes voti, tu mihi summus Amor[Du Hoffnung meiner Wünsche, du meine höchste Liebe], wenn ich deine rosenliebliche Wangen betrachte / werde ich verjuenget / als ein ander Phoenix. Aber quid haec suspiria solus montibus & sylvis? Virgilius Ecloga 2. [Was sollen diese Seufzer den Bergen und Wäldern?] Warum greiff ich nicht zu Mitteln / und versuche / was zu erhalten. Hasce amoris mei interpretes Epistolas, Cicero ad Atticum[Diese Briefe, diese Dolmetscher meiner Liebe. Cicero, Brief an Atticus.], habe ich heute frueh (Aurora Musis amica[Die Morgenröte ist der Musen Freunde.] mit hoechstem Judicio & ingenio[Urteilskraft und Geistesschärfe] zusammen gesetzet / und warte nur auff Gelegenheit / ihr selbige durch ein bequemes subject, welches sie kenne / zu ueberantworten. Hir in der Naehe wohnet eine bequeme Frau die alte Cyrille, die sich gar gerne zu solchen Legationen[Botengängen] gebrauchen laest / & nisi me fallit animus[und wenn ich mich nicht irre], so ist dieses ihr Hauß. Sed eccum, illa ipsa prodit[Doch sieh, da kommt sie selbst!], last uns hoeren in hoc angulo[in diesem Winkel], was vor excursus[Weitschweifigkeiten] sie vorbringen werde.

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P a g e. Der Koenig hatte die Ehre meinen Capitain[Horribilicribrifax] neben sich auff die Jagt zu fuehren. Das Wild wurd angetroffen / die Jaeger eileten so hir als dar zusammen der Perß aber traff auff einen sehr grossen Hirschen. Mein Herr verfolgete denselben nebenst dem Koenige: Doch umsonst / weil er zu hurtig auff die Fuesse / und die Pferde allbereits zu muede.
C a m i l l a. O weide Messer! O Jaegerrecht!
P a g e. Als der Perß etliche Pfeile vergebens abgehen lassen / ergrimmte mein Capitain, daß er das Jaegerhorn von seinem Halse rieß / und mit demselben nach dem Hirschen warff.
C a m i l l a. Damit wird er ihm zweiffels ohn das Gewichte[Geweih] in Stuecken zerschmissen haben.
P a g e. Gefehlt, Jungfrau Camilla! Denn das Horn flog just dem Hirsch zum Hindern hinein / und weil das Wild in vollen Fartzen war / gab es so ein wunderlich Getoene / daß alle Hunde herzu gelauffen kamen / und den Hirschen anhielten / also ward das Wild gefaellet.

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C o e l e s t. Die thoerichte Naerrin[Cyrille] dorffte sich unterstehen mir derogleichen Brieffe einzulieffern!
C a m i l l a. Last uns doch sehen / wie und von wem er geschrieben!
C o e l e s t. Da ist er: leset ihn / Camilla. [...]
C a m i l l a. Jch verwundere mich / daß die Außschrifft[Außenaufschrift, Adresse] so schoen gestellet: Dem himmlischen auff der Erden scheinenden Nordstern meiner Sinnen / dem grossen Beeren meines Verstandes / der eintzigen subtilitaet und hoechstem Enti[Gegenstand] meiner Metaphysica, der wuerdigsten Natur in der gantzen Physica, dem hoechsten Gut aller Ethicorum, der Beredsamsten Phoebussin[weibliches Gegenstück zu Phoebus Apollo] dieser Welt / der zehenden Musae, andern Veneri[einer zweiten Venus], vierdten Chariti und letzten Parcae, meines Verhaengnisses / dem hochedlen wolgebornen Fraeulin Coelestine, meiner glorwuerdigsten Gebietern / ad proprias[zu eigenen Händen, persönlich].
C o e l e s t. Es blicket wohl an dem Gesang / was es fuer ein Vogel seyn muß.

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B o n o s u s. Solte es aber wohl moeglich seyn / daß es geschehen?
P a l l a d. Des Capitains Diener / welcher des meinen Landsmann und getreuer Camerade, hat anitz in meinem Hause den gantzen Zustand entdecket.
B o n o s u s. Unbesonnene! thoerichte! leichtfertige undanckbare Selenissa!

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C l e a n d e r. Recht! Finde ich die Herren und wertheste Freunde hir beysammen! Ich habe Herren Palladium den gantzen Morgen gesucht.
P a l l a d. Mein Herr / die Ehre / die er seinem geringsten Diener erweiset / ist zu hoch! und ich bin schuldig ihm auch sonder sein Begehren stets auffzuwarten.
C l e a n d. Mein Herr Palladi, die Worte sind unvonnoethen. Jch komme anietz auff Befehl ihrer Durchlauchtigkeit / unsers gnaedigsten Fuersten ihn auff den Hoff zufodern / da er den Eid / als von ihrer Fuerstl. Durchl. selbst erkohrner Mareschall ablegen soll; zu welcher von ihm wohl verdienten Erhoehung ich ihm was er selbst begehren mag / von Hertzen verwuentsche[=wünsche].
B o n o s u s. Was hoere ich / Herr Cleander?
P a l l a d. Jch halte mein Herr treibet den Spott mit seinem Diener!
C l e a n d. Was solte ich vor Ursach zu spotten haben in so wichtiger Sache. Jch bitte mein Herr wolle bald sich mit auff den Hoff begeben / und nach abgelegter Pflicht mir / nebens andern werthen Freunden / welche sich ueber dieser seiner neuen Ehre hoechlich ergetzen / seine Gegenwart an meiner Taffel goennen! Mein Herr Bonosus wird / wie ich auffs hoechste ihn bitte / kein Bedencken tragen uns Gesellschafft zuleisten.

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S e m p r o n i u s. Amor vinumqve nihil moderabile svuadent[Liebe und Wein verdienen keine Mäßigung].
C y r i l l. Schwaden in Milch gekocht ist gut.
S e m pr o n. Nihil ad Rhombum. [Das gehört nicht zur Sache.
C y r i l l a. Michel worum drum?
S e m p r. Εγω σ&kai;οροδα σοι λεγω, συ δε χρμμυ αποκρινεις. [Ich sage Knoblauch, und Ihr antwortet Zwiebel.]

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C o e l e s t. Wofern meine Schoenheit / meine Jugend / mein Stand / Vermoegen und Tugenden / welche andere / ihrer Einbildung nach / bey mir reichlich antreffen / nicht seiner Gunst wuerdig; wird ihm doch vielleicht meine unvergleichliche Standhafftigkeit zu Gemuethe dringen.
C a m i l l a. Jch fuerchte gegentheils / er werde unsers Elendes spotten / und uns aus seinem eignen Munde hoeren lassen / was wir schon ohne diß vernuenfftig muthmassen koennen.

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H o r r i b. Hast du es glaubwuerdig vernommen?
H a r p a x. Mit diesen meinen zweyen Ohren hab ich es gehoeret.
H o r r i b. Und du hast es gehoeret?
H a r p a x. Jch hab es gehoeret.
H o r r i b. Du hast es gehoeret?
H a r p a x. Jch / ich / ich / ich hab es gehoeret.
H o r r i b. Mit deinen Ohren?
H a r p a x. So wol mit den Ohren / als offnem Munde / ja Gehirne und allen fuenff Sinnen!
H o r r i b. Daß Sempronius sich unterstehet seine Gedancken da einzuqvartieren / wo allein der unueberwindliche Horribilicribrifax Winterlaeger halten soll? [...] Die Wangen sind Aetne und Mon Gibella, die Feurfuncken stieben mir aus dem Munde wie aus dem Heckelberge / der Hals starret wie der Thurm zu Babel / es blitzet mir im Hertzen nicht anders / als wenn tausen Hexen Wetter darinnen gemacht haetten. Jedweder Finger vertheilet sich in noch dreissig andere. Die Fuesse schiessen in so viel Wurtzeln aus. Somma ich erzuerne mich zu tode. [...]
H a r p a x. Signor Capitano, Signore e Patron mio gloriosissimo[Herr Hauptmann, mein ruhmreicher Gebieter und Gönner], darff ich euch unter Augen treten?
H o r r i b. Wozu dienet diese Frage?
H a r p a x. Jch fuerchte / ihr moechtet mich auch anzuenden / ich bin etwas duerre von Hunger.
H or r i b. Sey sonder Sorge! meine Augenstralen haben Verstand.

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S e m p r. Sed qvid sibi vult Pyrgopolynices iste vi ita gladiatorio anio ad nos affectat viam? [Aber was will denn dieser Pytagopolynices(Städteeroberer bei Plautus' miles golriosus), der hier mit martialischem Sinn auf uns losstürmt? (Terenz, Phormio)]
H o r r i b. Wer bist du?
S e m p r o n. Wer bist du?
H o r r i b. [Auf italienisch:] Das ist eine impertinente Frage, die einen Stich ins Herz verdient.
S e m p r o n. Du magst wohl ein Bernhaeuter in der Haut seyn! hastu redliche Leute nicht lernen gruessen? Saluta libenter[Grüße gern!], sagt Cato. [In: De re rustica]
H o r r i b. Jch werde rasend.
S e m p r. Helleboro opus est homini! [Der Mann braucht Nieswurz! Plautus, Pseudolus. Nieswurz(helleborus) wurde gegen Geisteskrankheiten angewandt.] er ist toll.
H o r r i b. [Auf italienisch:] Ich muß ihn zerhacken, ich muß ihn niederschmettern, diesen Spitzbuben!
H a r p a x. Mein Herr Sempronius thut sehr uebel / daß er sich an einem so fuertrefflichen Mann vergreifft! Er ist der Welt beruehmte Capitain Horribilicribrifax von Donnerkeil!
S e m p r. Jst er Horribilicribrifax von Donnerkeil / so bin ich Sempronius vom Wetterleuchten / fama super aethera notus. [Berühmt bis zum Himmel. Vergil, Aeneis]

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S e m p r o n. Πολλα μεταξυ πελει κυλικος και χειλεος ακρου. [Es gibt viele Dinge zwischen dem Becher und dem Rand der Lippe.]

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H o r r i b. Jhr habt die unvergleichliche Coelestinam lieb.
S e m p r. Das thu ich zu trotz / euch und allen den es leid ist / qvid id ad te? [Was geht das dich an?]
H o r r i b. Jch sage / daß ich ihrer Liebe wuerdiger bin.
S e m p r. Mentiris, Das heist auff deutsch / es ist erlogen.
H o r r i b. Oh qval' oltragio![O welche Beleidigung!] Sol ich dis Wort hoeren? was hindert mich / daß ich euch nicht in einem Streich in hundert tausend Stuecken zertheile.
S e m p r. Qvid me retinet[Was hindert mich], daß ich nicht mit diesem meinem alten guten Spannischen Degen / mit welchem ich auff so vielen Universitaeten den Bachanten Loecher geschlagen / den Haeschern Schenckel und Koepff abgehauen / die tollesten Teuffel blutruenstig gemacht / die Steine auff der Gassen zuspalten / dem Rectori Magnifico die Fenster ausgestochen / den Pedellen die Fuesse gelaehmet / eine solche That veruebe / daß die Sonne am Himmel drueber erschwartze / und die Planeten zuruecke lauffen / nec dum omnis habet effoeto in corpore Sangvis. Virgil. [Noch ist nicht alles Blut im Leibe vertrocknet.]
H o r r i b. Ob ich euch wol mit diesem Degen koennte auff andre Meinung bringen / [Auf italienisch: wo ich eines Tages im Amphitheater zu Verona eigenhändig Tausende von Gladiatoren getötet habe] wil ich euch doch darthun aus eurer eignen Wissenschafft / daß ich besser sey als ihr / damit ihr sehen sollet / daß ich eben wohl studiret bin / und in Artem Aratoriam[Ackerbau; er meint jedoch Artem Oratoriam: Redekundst] Verstand habe. Jhr seyd ein Gelehrter / und macht profession von dem Buch / als ich von dem Degen. Jst das nicht wahr?
S e m p r. Rem acu! [Stimmt genau! Plautus, Rudens]
H o r r i b. Nu wisset ihr ja wohl / daß man das Buch unter dem lincken Arm traegt: und den blossen Degen in der rechten Hand fuehret / Ergo gehen die Gelehrten unten und wir oben an.
S e m p r o n. Καλως. [Schön.] Ergo gefehlet. Als wenn man nicht die Feder oben auff den Hut steckte / welches ich weitlaeufftiger mit vielen Syllogismis, Enthymematibus, Soritibus, Inductionibus, Elenchis, Mesosyllogismis, Argumentationibus crypticis, Distinctionibus, Divisionibus, Exceptionibus, außfuehren koennte / nisi res esset liqvidissima per se[Wenn die Sache nicht an sich schon so klar wäre], und klaerer als die Sonne in ipso meridie[um die Mittagsstunde].
H a r p a x. Last uns fliehen / mein Herr / er zaubert / er redet der boesen Geister Sprache.

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C a m i l l a. Werthe Jungfrau / es sind mehr vortreffliche Maenner vorhanden als Palladius! man findet ja seines gleichen noch! muessen es denn lauter Mareschalle seyn?
C o e l e s t. Was sagest du von dem Mareschall? ich liebe nicht seinen Stand / sein Gut / sein Geschlecht / sondern nur ihn allein! ach / daß er der aermeste auff der gantzen Welt waere / und ich die groesseste Princessin / so koent ich ja vielleicht Mittel finden ihn zu meiner Liebe zu bewegen.

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S e m p r o n i u s. Nox erat & coelo fulgebat luna sereno, inter minor sidera. Horatius. [Nacht war's, und am klaren Himmel erglänzte der Mond inmitten der kleineren Sterne. Horaz, Epode XV.] Speluncam Dido, Dux & Trojaus eandem devenient. Virgilius Lib. 2. Aeneidos. [Dido und der Trojaner Führer werden in die gleiche Höhle geraten. Vergil, Aeneis IV(nicht II).] Κωμασδω ποτι ταν Αμαρυλλιδα. Theocritus. [Ich begebe mich zu Amarillis. Theokrit, Idylle.] Das heist / Herr Sempronius wird zu Jungfrau Coelestina gehen. [..] Aber es heist: kein verzagtes Herz kriegt eine schoene Dam.

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C y r i l l a. Ja Zeter ueber dich!
S e m p r. Du Furia!
C y r i l l a. Du Hurenjaeger!
S e m p r. Du Erinnys.
C y r i l l a. Ja darinn ists.
S e m p r. Jch wil dir die Haare aussreissen.
C y r i l l a. Jch wil dir den Bart außrauffen.
S e m p r. Jch wil dir die Nase abbeissen.
C y r i l l a. Jch wil dir die Augen außkratzen / und in die Loecher scheissen.
S e m p r. Jch wil dir den Ars an deine Zunge wischen.
C y r i l l a. Jch wil dein Maul unter ein Scheißhaus nageln.

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S o p h i a. Himmel / ende nun meine armselige Tage! bin ich noch laenger auff dieser Welt zu leben begierig / wenn ich Namen und Ehre verlohren?
C l e a n d. Namen und Ehre sind eine Hand voll Wind / und werden nicht geruehmet / als nur Scheines halber.
S o p h i a. O GOTT! ist es nicht genung / daß ich bey allen in Argwohn gerathen bin; durch diese gewaltsame Hinwegfuerhung? Muß noch meine Unschuld von dem in Zweiffel gezogen werden / welcher von allen fuer den kraefftigsten Beschuetzer elender und verlassener Waisen gehalten wird? Gute Nacht Himmel! sey zum letzten mahl gegruesset Erde! Was verziehe[warte, zögere] ich weiter?

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Turpe est, difficiles habere nugas. [Schimpflich ist es, Narrenpossen ernst zu nehmen.]

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