Literaturbrevier

Andreas Gryphius: Absurda Comica oder Herr Peter Squenz

P i c k e l h e r i n g. Aber saget, Herr Peter Squenz, hat der Löwe auch viel zu reden?
S q u e n z. Nein, der Löwe muß nur brüllen.
P i c k e l h e r i n g. Ei, so will ich der Löwe sein, denn ich lerne nicht gerne viel auswendig.
S q u e n z. Ei nein! Monsieur Pickelhering muß eine Hauptperson agieren.
P i c k e l h e r i n g. Habe ich denn Kopfs genug zu einer Hauptperson?

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K a s s a n d r a. Welches Inhalts wird das von ihnen angemeldete Spiel sein?
E u b u l u s. Durchlauchtigste Königin, sie haben mir ein groß Register voll überreicht, aus welchem Ihrer Majestäten freistehet, auszulesen, wie sie am angenehmsten dünket.
S e r e n u s. Leset uns doch das Verzeichnis.
E u b u l u s. Ein schön Spiel von der Zerstörung Jerusalems. Die Belagerung von Troja. Die Komödia von der Susanna. Die Komödia von Sodom und Gomorra. Die Tragödia von Ritter Petern mit dem silbernen Schlüssel. Vom Ritter Pontus. Von der Melusina. Von Artus und dem Ostwin. Von Carolus quinque. Die Komödia von Julius unus. Vom Herzog und dem Teufel. Ein schön Spiel, lustig und traurig, kurz und lang, schrecklich und erfreulich, von Piramus und Thisbe, hat hinten und vorn nichts, niemals zuvor tragieret und noch nie gedrucket, durch Peter Squenz, Schulmeistern daselbst.
S e r e n u s. Es scheinet, die guten Schlucker können keine als die letzte, darum sie denn solche sonderlich herausgestrichen. Rufet nur den Prinzipal selber herein, ich muß mich mit ihm etwas unterreden!
E u b u l u s. Durchlauchtigster Fürst, es ist ein schlichter, guter Mann, er wird sich zweifelsohne entsetzen, und damit kommen wir um die Komödie und erhoffte Lust.
S e r e n u s. Fordert ihn nur herein, wir werden schon mit ihm umzugehen wissen.
[...]
S e r e n u s. Aus so vielen Komödien, die Ihr zu agieren willens, begehren Ihre Majestät die erste zu sehen, von der Zerstörung Jerusalems.
S q u e n z. O potz tausend Velten!
S e r e n u s. Was sagt Ihr dazu? Nun, was stehet Ihr so da, was kratzt Ihr lange auf dem Kopfe?
S q u e n z. Die wollten wir wohl tragieren, aber Ihr müßt uns zuvor Jerusalem lassen bauen; da wollten wir es zerstören und einnehmen.
S e r e n u s. Wie steht's denn mit der Belagerung von Troja?
S q u e n z. Das ist dieselbe Geschichte.
S e r e n u s. Und was macht die schöne Susanna?
S q u e n z. Die wollten wir wohl tragieren, aber es würde übel anstehen vor den Frauenzimmern, wenn sich die Susanna nackend baden sollte.
S e r e n u s. Was sagt Ihr denn zu Sodom und Gomorra?
S q u e n z. Die wollten wir wohl tragieren, aber es würde viel Feuerwerk dazu gehören; wir möchten vielleicht gar den Teufel anzünden.
S e r e n u s. Was soll man denn mit Ritter Petern machen?
S q u e n z. Die wollten wir wohl tragieren, aber Ihr müsset noch vierzehn Tage darauf harren.
S e r e n u s. Wie steht's mit Ritter Pontus?
S q u e n z. Die wollten wir wohl tragieren, aber Ritter Pontus ist uns daraus gestorben.
S e r e n u s. Können wir die Melusine sehn?
S q u e n z. Das hat Meister Lollinger wider mein Wissen und Willen dazugesetzet, den lasse ich's verantworten.
S e r e n u s. Sollen denn Artus und der Ostwind miteinander fechten?
S q u e n z. Die wollten wir wohl tragieren, aber der, der den Ostwind tragieret, ist jetzt zu Schlieren-Schlaff nach Wolle gezogen. Könnet Ihr Geduld haben, bis er wiederkommt, so wollen wir sehen, wie wir das Speil zuwege bringen.
S e r e n u s. Was ist denn Carolus quinque für einer gewesen?
S q u e n z. Er ist seines Namens der erste gewesen, Julius unus der zweite; aber zu dem ersten mangeln uns die Kleider, und in der andern Komödie ist zuviel Lateinisch. Es wür de den gestrengen Frauenzimmern nur verdrießlich fallen.
S e r e n u s. Könnet Ihr denn den Herzog und den Teufel einführen?
S q u e n z. Das könnten wir wohl tun, aber es würde erschrecklich sein, wenn der Teufel kommen sollte; die kleinen Kinder würden so drüber weinen, daß man sein eigen Wort nicht vernehmen könnte.
S e r e n u s. Nun, ich sehe, Ihr seid sehr wohl ausgerüstet. Es mangelt nun nichts mehr als die letzte: von Piramus und Thisbe.
S q u e n z. Die wollen wir Euch den Augenblick hermachen.

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P i r a m u s. Die Liebe macht mir wunderliche Possen,
Sie hat mich gar ins Herz geschossen.
Ach zieht mir aus den harten Pfeil,
Sonst sterb ich in geschwinder Eil'.
T h i s b e. Wohl! wohl! Tretet nur vor das Loch
Und hebt den Hinter wacker hoch.
Das ist ein Pfeil! Schau, Lieber, schau!
P i r a m u s. Ei! ei! wie schmerzt es mich! Au! au!
T h i s b e. Geduldt! Er wird bald draußen sein.
[sehr schlüpfrig, wenn auch die Rollen vertauscht sind.]

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(Kricks kommt als Mond.)
K a s s a n d r a. Behüt' uns Gott, was soll das bedeuten?
S q u e n z. Tugendsame Frau Königin, das ist der Mond.
T h e o d o r u s. Ist das der Mond und siehet so finster aus?
S q u e n z. Ja, Herr, er ist noch nicht im ersten Viertel.
T h e o d o r u s. So wollte ich wünschen, den Vollmond zu sehen. Sage mir doch, mein lieber Mond, warum hast du keine größere Kerze in die Laterne gestecket?
K r i c k s. Das Spiel ist kurz, darum muß das Licht auch kurz sein; denn wenn sich Thisbe ersticht, muß das Licht ausgehen, denn das bedeutet, daß der Mond seinen Schein verloren, das ist, verfinstert worden.
S e r e n u s. Wir sind aber berichtet, der Mond könne nicht verfinstert werden, er sei denn ganz voll.
K r i c k s. Das mag Herr Peter Squenz verantworten, denn diesem hat es also beliebet.
S q u e n z. Ja, ein Narr kann mehr fragen, als hundert weise Leute antworten.

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