Literaturbrevier

Johann Gottfried Herder: Briefe

Winckelmannische Einbildungskraft gehört dazu, um unter Trümmern System zu finden und unter Ruinen wie in Athen zu wandeln.
(Herder an Johann Georg Scheffner, am 4. Oktober 1766)

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Nichts ist in der Welt peinlicher, als zu groß für seine Sphäre zu scheinen und zu klein für dieselbe zu sein, und das war der Fall mit mir.
(Herder an Johann Georg Hamann, 1769)

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Ich stürzte mich aufs Schiff ohne Musen, Bücher und Gedanken, wie wenn ich in Bett und Schlaf sänke, und habe also die ganzen sechs Wochen meiner langen, stillen, sanften und recht poetischen Reise nichts anders können als träumen — aber glauben Sie, mein Hamann, Träume nach einer so schleunigen Veränderung, auf einmal wie in ein andres Land und Element geworfen, von Geschäften, Welt und Narrheiten verlassen, die uns [quälten], bloß sich, dem Himmel und dem Meer übergeben — o Freund, da lehren uns Träume von sechs Wochen mehr als Jahre von Bücherreflexionen und von Hamannischen Pastoralschreiben.
(Herder an Johann Georg Hamann, 1769)

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Lavater ist bei aller seiner Redlichkeit und Eifer ein Enthusiast und oft ein Verblendeter.
(Herder an Friedrich Nicolai, am 30. November 1769)

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Jedes Wort von Dir ist mir wahrhaftig Laut des Geistes, Zittern des großen Sensoriums auf einer Seite. Auch Deine unorthodoxe Kantate hat uns entzückt. Mein Weib liebt Dich dreifach als Bruder [...]
Was zitterst Du, wie ein Irrlicht zu erlöschen! In Dir ist wahrlich Funke Gottes, der nie verlöscht und verlöschen muß. Glaube!
Ach und schriebst Du mir doch manchmal ein Wort, was Du machtest, wirktest, dichtetest, sorgtest. Wie gern wollt' ich Dir näher leben.
(Herder an Jakob Michael Reinhold Lenz, am 9. März 1776)

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Er[Wieland] hat eine Reihe von fünf Mädchen, eine schwächliche, sehr gute Frau, seine Mutter, die Seniorin in Biberach gewesen und sehr an mir hangt; alles in seiner Wirtschaft hängt so sonderbar, seiden- und spinwebenmäßig zusammen als seine Gedichte und Romane. In den ersten Wochen konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, als ob ich einen träumenden Menschen vor mir hörte.
(Herder an Hamann, am 13. Januar 1777)

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Sein[Claudius'] Büchel ist bis auf wenige Bogen fertig, und er ist davon noch krank; denn wenn er ein Buch schreibt, wird er krank, und er hat an diesem seit dem Winter geschrieben. Die Mädchen sind alle dicke, hübsche Landmädchen [...]
(Herder an seine Frau, 24. Mai 1783)

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Rom, 13. Dezember 1788
Rom erschlafft die Geister, wie man selbst an den meisten hiesigen Künstlern siehet, viel mehr einen bloßen Gelehrten; es ist ein Grabmal des Altertums, in welchem man sich gar zu bald an ruhige Träume und an den lieben Müßiggang gewöhnet. Auf mich hat es nun zwar die Wirkung nicht, da ich so leicht keinen Tag vorbeistreichen lasse, ohne was gesehen oder mich um etwas bemühet zu haben; es bleibt indessen auch für mich ein Grabmal, aus dem ich mich allmählich herauswünsche. Man fühlet sich darin wie in einer Tiefe, in der man nicht viel weiter kommt, je mehr man mit Händen und Füßen strebet.
(Herder an seine Frau)

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Ich will nur dagegen kämpfen, daß ich nicht in Deine Fußtapfen trete und eine »Gleichgültigkeit gegen die Menschen« nach Hause mitbringe, die mir übler bekommen würde als Dir, weil ich keine Kunstwelt wie Du an die Stelle der erloschenen zu setzen wüßte. Fast möchte ich sagen, daß ich von der KUnst nie kühler gedacht habe als hier, da ich sie in ihrem Werden, Tun und Wirken dem ganzen Umfange nach vor mir sehe.
(Herder an Goethe, am 27. Dezember 1788)

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Und wenn man friert, mag man weder sprechen noch denken, noch empfinden, kaum sehen und hören und, am wenigsten von allem, sprechen lernen.
(Herder an Goethe, am 27. Dezember 1788)

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Aus dem Briefwechsel zwischen Herder und Gleim

Ich bin ziemlich gesund und voll Arbeit über die Ohren: meine Seele ist oft bei Ihnen gewesen und muß manchmal bei Ihnen gespukt haben. Hätte ich gewußt, daß ich Lessing noch einmal bei Ihnen sehn könnte, wie wäre ich geflogen! Jacobi hätte mich eingeladen, aber nicht bei Sie. Nun er ist hin! und mich freut's, daß Sie seine Manes durch Epigramm und Lied so geehrt haben. Lesen Sie doch den September und Oktober des »Merkurs«. Die Sache über Winckelmann, ihn und Sulzer, auch die Jüdischen Fabeln sind von mir; ich wünschte, daß Ihnen etwas, insonderheit das Wort über Lessing, gefiele, dem das andere nur Rand ist. Ich kann nicht sagen, wie mich sein Tod verödet hat; es ist, als ob dem Wanderer alle Sterne untergehen und der dunkele, wolkigte Himmel bliebe.
(Herder an Gleim, am 26. November 1781)

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Ich gehe jetzt in Gedanken mit Briefen, die Fortschritte der Humanität betreffend, oder humanistischen Briefen um, in die ich das Beste, das ich in Herz und Seele trage, zu legen gedenke. Verleihe der Himmel mir Gesundheit, Muße, Geschick und Freude!
(Herder an Gleim, am 22. Mai 1792)

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Die Zeiten verbieten das Schweigen; sie reißen den Mund auf.
(Herder an Gleim, am 12. November 1792)

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[Gleim an Herder:]
Nach dreien Jahren erst erfahr ich durch eine vornehme Frau, die zu Weimar gewesen war und die Ehre gehabt hatte, mit der Herderfamilie nach Jena zu fahren, daß ein Hesperus und eine unsichtbare Loge, daß ein Jean Paul existiere. — Ein Laut von Herder oder Herderin, so hätt' ich den göttlichen oder nicht göttlichen Mann längst schon genossen. Wer ist er? Wie heiß er? Wo wohnt er? Was hat er sonst noch geschrieben? Alles von ihm muß ich noch lesen, ich sterbe nicht eher.
[Die Antwort:]
Der unbekannte Autor, von dem Sie durch Frau von Berg gehört haben, heißt Richter, wohnt ihn Hof im Voigtlande, nicht weit von Bayreuth. Er ist ein Kandidat der Theologie, lebt einsam, nur mit wenigen, ist aber in ganz Hof geachtet. Er hat geschrieben die Mumien, ferner den Hesperus und nun ein soeben herausgekommenes Buch Quintus Fixlein. Dieses letzte haben wir nur einige Stunden im Hause gehabt, und ich habe trotz meiner schwachen Augen bis nach Mitternacht darin gelesen. In diesem Buch ist seine Manier simpler und stößt nicht so zurück; denn diese seine Manier, fürchte ich, wird Sie zurückhalten, das Gold aus dem Schacht zu holen — reines Gold zwischen den Steinen. Durch diese Manier, sagte mein Mann, versündige er sich an sich selbst und an dem Publikum unverantwortlich. — Lesen Sie nur hübsch die Vorrede zum Quintus Fixlein (denn mit diesem müssen Sie anfangen), so lesen Sie gewiß weiter. Das innigste Gemüt, Verstand und Satire ist mit einer Jugend darinnen, deren wir uns nicht mehr rühmen können. — Wieland sagte, wenn dieser Richter nur acht Tage bei ihm wäre, so müßte er anders schreiben, oder er[Wieland] wolle sich ändern. Aber nach Weimar soll und darf er nicht kommen, darüber sind wir hier eins; sonst würde ihm sein junges warmes Blut erstarren.
(Gleim an Herder, am 27. Januar 1796 bzw. Karoline Herder an Gleim, am 8. Februar 1796)

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»Dieser Richter«, sagte beim Vorlesen seines Hesperus gestern die Nichte Dorthea Gleim, »ist ein furchtbarer Mensch«. Heute sagte sie, daß er ein Desperater sei, und meinte sehr was Hohes. In Wahrheit, Herzensschwester, bei vielen Stellen fühlt' ich mein Nichts. Bei diesen sagt' ich: »Hier ist mehr als Swift!« Bei jenen: »Hier viel mehr als Yorick!&Laquo; [...]
Dieser Richter schreibt alle Romanschreiber nieder; in seinen Naturbeschreibungen übertrifft er die Kleiste, die Thomsons, alle! Seinen Quintus Fixlein hab' ich mit unendlichem Nutzen gelesen, Vergnügen wollt' ich sagen; es ging mir wie Ihnen, ich konnt' ihn nicht weglegen und las mich beinah blind!
(Gleim an Karoline Herder, am 26. März 1796)

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Weimar, 7. Oktober 1769 [Gleim war 77 Jahre alt!]
Nun, Bester, flugs auf zu den Xenien, und sehen Sie, wie die neuen Musen sich erklären und was für ein neuer Parnaß emporsteigt. — Sie werden nicht umhin können zu gestehn, daß im Saalgrunde eine neue Hippokrene emporsteige. »Das Alte ist vergangen«, sagt St. Paulus, »Das Neue herbeikommen.« Wir indessen, Lieber, Guter, Bester, wollen beim Alten bleiben und uns lieben und wert halten. Wir haben mehrere solcher Katzbalgereien erlebt und wissen, was aus ihnen wird.
(Herder an Gleim, am 7. Oktober 1796)

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Xenien; traf auf einige, die über die Menschheit mich seufzten machten. Goethe-Schiller so inhuman! Solche Katzbalgerei? Ja! Wohl recht, Katz- und Katerbalgerei, solche!
Ja wohl, Herzensbruder, haben wir mehr solcher Katzbalgereien durchlebt und wissen, was aus ihnen wird. Menschfeindschaft, Unmenschlichkeit wird aus ihnen. Wir bleiben beim Alten, und wollen sie uns werben, wir lassen uns nicht werben!
(Gleim an Herder, am 16. Oktober 1796)

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Die Xenien sind reißende Wölfe, noch ärger als die Jakobiner. Die gegen sie ausgegangenen Jäger sind gar schlechte Schützen. Wieland, hoff ich, wird sie treffen, und, so Gott will, der alte Peleus, Euer ewiger Gleim
(Gleim an Herder, am 1. Februar 1797)

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[zu den Xenien:] Lassen Sie die verdorrten Gemüter[Schiller und Goethe] in ihrem Talent übermütig und sich einzig fühlen.
(Karoline Herder an Gleim, am 10. Februar 1797)

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Meine Rechte hinüber heute, den 22. Dezember im letzten Solstitium[Sommersonnenwende], das das sinkende Jahrhundert beschließt, und beide sagen wir: Freundschaft der alten Zeit! Freundschaft!
Das vergangene Jahrhundert kann ich weder loben noch schelten. In seiner Jugend war es ein äußert fades Ding; dann raffte es sich zusammen, versprach viel und hielt wenig; am Ende sehen wir, wie es für uns Deutsche ausgeht. Fluch über die, die es so ausgehn machen; doch sie tragen die Nemesis auf dem Rücken, vor der Stirn, im Busen, und wo weiß ich mehr!
(Herder an Gleim, am 22. Dezember 1800)

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