Literaturbrevier

Johann Gottfried Herder: Briefe zur Beförderung der Humanität

Erste Sammlung

[Kursives sind Zitate von Benjamin Franklin]
1. Ist Ihnen irgend etwas in dem Schriftsteller, welchen Sie zuletzt gelesen, aufgestoßen, das merkwürdig war oder zur Mitteilung an die Gesellschaft schicklich ist? besonders in der Geschichte, Moral, Poesie, Naturkunde, Reisebeschreibungen, mechanischen Künsten oder andern Teilen der Wissenschaften?
(Mich dünkt, die Frage ist für uns geschrieben. Wie einst die Pythagoräer, so sollte jeder Rechtschaffene am Abend sich selbst fragen, was er, vielleicht unter vielem Nichtswürdigen, heut wirklich Nützliches gelesen und bemerkt habe? Jeder gebildete Mensch wird sich auf diesem Wege in kurzem nach einem andern sehnen, dem er sein Merkwürdiges mitteile, und der ihm das Seinige mitteile: denn das einsame Lesen ermattet: man will sprechen, man will sich ausreden. Kommen nun verschiedne Menschen mit verschiednen Wissenschaften, Charakteren, Denkarten, Gesichtspunkten, Liebhabereien und Fähigkeiten zusammen: so erwecken, so vervielfachen sich unzählbare Menschengedanken. Jeder trägt aus seinem Schatze vom Wuche seines Tages etwas bei, und in jedem andern wird es vielleicht auf eine neue Art lebendig. Geselligkeit ist der Grund der Humanität, und eine Gesellung menschlicher Seelen, ein wechselseitiger Darleih erworbener Gedanken und Verstandeskräfte beermehrt die Masse menschlicher Erkenntnisse und Fertigkeiten unendlich. Nicht jeder kann alles lesen; die Frucht aber von dem was der andre bemerkte, ist oft mehr wert als das Gelesene selbst.)
(3. Brief)

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2. Haben Sie etwas neuerlich eine Geschichte gehört, deren Erzählung der Gesellschaft angenehm sein könnte?
[...] Wer nicht zu hören versteht, verstehet auch nicht zu bemerken; und aus dem Erzäh;len zeigt sich, ob jemand zu hören gewußt habe. [...] In Zeiten, da man viel hörte, viel erzählte und wenig las, schrieb man am besten; so ists noch in allen Materien, die aus lebendiger Ansicht menschlicher Dinge entspringen müssen und dahin wirken. Schrift und Rede ist bei uns oft zu weit von einander getrennt; daher sind Bücher oft Leichname oder Mumien, nicht lebendig beseelte Körper. Griechen und Römer, auch unter Galliern und Britten die erlesenste Schriftsteller waren sprechende oder gar handelnde Personen; der Geist der Rede und Handlung athmet also auch in ihren Schriften. Überhaupt äußert sich in den entscheidendsten Fällen der wahre Geist der Humanität mehr sprechend und handelnd, als schreibend. Wohl dem Menschen, der in lobwürdiger und angenehmer lebendiger Geschichte lebet!
(3. Brief)

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5. Ist Ihnen irgend ein Mitbürger bekannt, der neulich eine würdige Handlung getan hat, welche Preis und Nachahmung verdienet? Oder der einen Fehler begangen, welcher uns zur Warnung und zu dessen Vermeidung dienlich sein kann?
6. Welche, unglückliche Wirkungen haben Sie neulich an der Unmäßigkeit, an der Hitze oder irgend einem Laster oder Torheit wahrgenommen? Welche glückliche Wirkungen hingegen haben Sie von der Nüchternheit, Klugheit, Mäßigkeit, oder irgend einer andern Tugend erfahren?

(So fragt ein Lehrer der Humanität: so frage jeder Vater und Hausvater die Seinen. Wie weit wären wir gelangt, wenn über alle Fehler und Tugenden der Menschen, in Beziehung auf ihren Folgen, nur so klar und unbewunden gesprochen werden könnte, als wir bei uns gedenken. Was die falsche Bescheidenheit oder gar eine demütige Heuchelei hier verschweigt, das entdeckt und übertreibt dort eine kecke Lästerzunge desto ärger. So wird endlich der Sinn der Menschheit verrückt, und das moralische Auge geblendet. Alles scheint uns natürlich, nur die Natur des Menschen nicht.
(3. Brief)

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So hoch die Arzneikunst gestiegen ist: so hat jeder geschicktere Arzt anerkannt, da&Szlig; sie zum Wohl es Menschengeschlechts noch viel höher steigen könne und steigen werde. Daher die fast schon unzählbaren Bemerkungen einzelner Ärzte; daher die Bemühungen großmütiger Menschen, erprobte Mittel aus der Dunkelheit ans Licht zu ziehen; daher endlich die Bemühungen ganzer Gesellschaften, aus andern Weltteilen, wäre es auch von Wilden, dergleichen Heil- und Hülfsmittel zu gewinnen und in Europa zu verbreiten.
(3. Brief)

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10. Kennen Sie irgend einen jungen verdienten Anfänger, der sich neulich etabliert hat, und welchen die Gesellschaft auf irgend eine Weise aufzumuntern vermögend wäre?
(3. Brief)

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Folgendes waren die Fragen, die jeder, der in der Gesellschaft aufgenommen werden wollte, die Hand auf seine Brust gelegt, beantworten mußte:
1. Haben Sie irgend eine besondre Abneigung geen Eins der hiesigen Mitglieder?
2. Erklären Sie aufrichtig, daß Sie das Menschengeschlecht, ohne Rücksicht von welcher Hantierung oder Religion jemand sei, überhaupt lieben?
3. Glauben Sie, daß Jemand an Körper, Namen oder Gut, bloß spekulativer Meinungen oder der äußerlichen Art des Gottesdienstes wegen, gekränkt werden müsse?
4. Lieben Sie die Wahrheit um der Wahrheit willen, und wollen sich bestreben, sie unparteiisch zu suchen, und wenn Sie sie gefunden, auch andern mitzuteilen?

Die Hand aufs Herz, meine Brüder! Ja, Amen.
(3. Brief)

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Der Trübsinn, der Sie bei dem Nekrolog angewandelt hat, ist nicht ganz ohne Grund; lassen Sie uns diesen aber näher beleuchteun. Sollte die Grabstätte selbst, die hier errichtet worden, daran nicht etwa mit Schuld sein?
Der Name Totenregister, ist schon ein trauriger Name. Laß Tote ihre Toten begraben[Matth. 8, 22]; wir wollen die Gestorbnen als Lebende betrachten, uns ihres Lebens freuen, und eben deshalb ihr bleibendes Verdienst dankbar für die Nachwelt aufzeichnen. Hiemit verwandelt sich auf einmal das Nekrologium in ein Athanasium, in ein Mnemeion; sie sind nicht gestorben, unsre Wohltäter und Freunde: denn ihre Seelen, ihre Verdienste ums Menschengeschlecht, ihr Andenken lebet.
(5. Brief)

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Denn das ist eben die große und gute Einrichtung der menschlichen Natur, daß in ihr, wenn ich so sagen darf, alles im Keim ist, und nur auf seine Entwickelung wartet.
(6. Brief)

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So wie es denn bekannt ist, daß er[Friedrich der Große] nur wenige Schriftsteller, diese aber immer von neuem las und in seine Gedanken prägte.
(7. Brief)

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Ein Mann, der sich nur mit Denken beschäftigt, kann gut denken und sich übel ausdrücken.
(8. Brief; hier ein Zitat aus einem Brief Friedrich des Großen an Voltaire)

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»Ich verachte die Jesuiten zu sehr, als daß ich ihre Schriften lesen sollte; ein schlechtes Herz verdunkelt bei mir die Fähigkeiten des Geistes. Überdem leben wir nur so kurze Zeit, und unser Gedächtnis ist so schwindend, daß nur das Ausgesuchteste uns unterrichten sollte.«
(8. Brief; wie oben)

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»Das lebhafteste Vergnügen, das ein vernünftiger Mensch in der Welt haben kann, ist neue Wahrheiten zu entdecken; das nächste nach diesem ist, alter Vorurteile los zu werden.«
(8. Brief; wie oben)

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»Ihr wünschet Frieden; wendet auch an die, die ihn der Welt geben können. Das sind aber Leute, die ihren Kopf voll hochmütiger Projekte haben: sie wollen eigenmächtige Schiedsrichter der Regenten sein, und das mögen Menschen, die wie ich denken, nicht leiden. Ich liebe den Frieden; aber keinen andern, als einen guten, standhaften, Ehrenvollen Frieden. Sokrates und Plato hätten wie ich gedacht, wenn sie auf dem verwünschten Punkt gestanden hätten, den ich in dieser Welt einnehme.
Glaubt ihr, daß es ein Vergnügen sei, dies alberne Leben fortzuführen?«
(9. Brief; wie oben)

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B. Die Lektüre und Schriftstellerei[waren die einsame Ergötzung Friedrichs]; das Lesen und Schreiben; beide sind von einander auch vielleicht unzertrennlich. Durchs Schreiben lernt man lesen und hören; durchs Hören lernt man schreiben, und wird dazu getrieben, begeistert.
A. Ob das aber einen Regenten nicht zu sehr zerstreuen möchte? Kaiser und Autor!
B. Autor muß ein Kaiser und jeder Regent unausbleiblich werden, indem er Gesetze, Verordnungen bekannt macht. Soll er also nur vor fremde Werke seinen Namen schreiben, so schreiebt er ihn meistens nur vor Werke, deren er sich selbst schämet.
A. Das war Josephs[Joseph II.] Fall nicht. Er schrieb selbst Gesetze.
B. Und großenteils vortreffliche.
(10. Brief)

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B. [zitiert Joseph II.] »Eben so absurd wäre es, wenn sich ein Landesfürst einbildete, das Land gehöre ihm und nicht Er dem Lande zu; Millionen Menschen seien für ihn, und nicht Er für sie gemacht, um ihnen zu dienen.«
A. Ähnliche Stellen sind in allen seinen Befehlen. Er kannte den Quell des Verderbens, und nahm sich seiner bis auf den Grund an. Jede Saite des menschlichen Elends hat er berühret.
B. Daß Joseph dies tat, bleibt sein ewiger Ruhm, wenn er gleich nicht allenthalben durchdrang. Seine Verordnungen gegen die Leibeigenschaft, über Majorate, Steuern u. f. enthalten so viel Merkwürdiges, daß eine spätere Zeit gewiß besser und sichrer verfolgen wird, was Er hie und da übereilt angab. Vielleicht trauete er gelesenen Theorien zu sehr, tat große Schritte, und lebte nicht lange genug, seine Schritte zu behaupten.
(10. Brief)

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Zweite Sammlung

»Des weltlichen Regiments Werk und Ehre ist, daß es aus wilden Tieren Menschen macht, und Menschen erhält, daß es nicht wilde Tiere werden.«
(17. Brief; hier wird Martin Luther zitiert)

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»Meinest du nicht, wenn die Vögel und Tiere reden könnten, und das weltliche Regiment unter den Menschen sehen sollten; sie würden sagen: o ihr Lieben, ihr seid nicht Menschen, sondern Götter gegen uns. Wer will dies Regiment nun erhalten? [...] Die wilden Tiere werdens nicht tun; Holz und Steine auch nicht. Welche Menschen aber könnens erhalten? Führwahr nicht allein, die mit der Faust herrschen wollen, wie jetzt viel sich lassen dünken: denn wo die Faust allein soll regieren, da wird gewiß zuletzt ein Tierwesen draus. [...] Darum sagt auch Salomo: ›Weisheit müsse regieren und nicht die Gewalt. Weisheit ist besser, denn Harnisch oder Waffen. Weisheit ist besser, denn Kraft;‹ daß kurzum nicht Faustrecht, sondern Kopfrecht regieren muß unter den Bösen sowohl, als unter den Guten.«
(17. Brief; wie oben)

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Also schreibt auch Plato, es sei zweierlei Recht, Naturrecht und Gesetzrecht; ich wills das gesunde Recht und das kranke Recht nennen. Denn was aus Kraft der Natur geschieht, das gehet frisch hindurch, auch ohn alles Gesetz, reißt auch wohl durch alle Gesetze. Aber wo die Natur nicht da ist und solls mit Gesetzen herausbringen, das ist Bettelei und Flickwerk; geschieht gleichwohl nicht mehr, denn in der kranken Natur steckt. Als wenn ich ein gemein Gesetz stellete: man soll zwo Semmel essen und ein Nösel Wein trinken zur Mahlzeit. Kommt ein Gesunder zu Tisch, der frisset wohl vier oder sechs Semmel, und trinket eine Kanne oder zwo, und tut mehr denn das Gesetz gibt. Kommt ein Kranker dazu, der iß eine halbe Semmel und trinkt drei Löffel voll, und tut doch nicht mehr an solchem Gesetz, denn seine kranke Natur vermag; oder muß sterben, wo er soll das Gesetz halten. Hier ists nun besser, ich lasse den Gesunden ohn alles Gesetz essen und trinken, was und wieviel er will; dem Kranken gebe ich Maß und Gesetze, wieviel er kann, daß er dem Gesunden nicht nachmüsse.
(17. Brief; wie oben)

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Ja Lieber! das gute Meinen macht viele Leute weinen.
(17. Brief; wie oben)

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Der tolle Pöbel aber fragt nicht viel, wie es besser werde, sondern daß es nur anders werde; wenn es denn ärger wird, so will er abermals ein Anderes haben. So kriegt er denn Hummeln für Fliegen, und zuletzt Hornisse für Hummeln.
(18. Brief; wie oben)

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Es ist ein verzweifelt, verflucht Ding um einen tollen Pöbel, welchen niemand so wohl regierne kann, als die Tyrannen.
(18. Brief; wie oben)

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Und gewiß, wenn Gott seinen göttlichen Hauch dem Menschen verlieh, so muß diese Nation davon wenig bekommen haben, daß man fast fragen möchte, ob diese Menschengestalten denkende Menschen sind oder nicht?
(21. Brief; Friedrich der Große wird zitiert)

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Werfet die Vorurteile zur Tür hinaus; sie kommen zum Fenster hinein.
(21. Brief; Friedrich der Große wird zitiert)

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Denn die Natur des Menschen ist Kunst.
(25. Brief)

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Wie es unter den Tieren zerstörende und erhaltende Gattungen gibt; so unter den Menschen. Nur unter jenen und diesen sind die zerstörenden Leidenschaften die wenigern; sie können und müssen von den erhaltenden Neigungen unsrer Natur eingeschränkt und bezwungen, zwar nicht ausgetilgt, aber unter eine Regel gebracht werden.
(25. Brief)

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Die Religion Christi, die Er selbst hatte, lehrte und übte, war die Humanität selbst. Nichts anders, als sie; sie aber auch im weitsten Inbegriff, in der reinsten Quelle, in der wirksamsten Aufwendung. Christus kannte für sich keinen edleren Namen, als daß er sich den Menschensohn d.i. einen Menschen nannte.
(25. Brief)

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Der Politik ist der Mensch ein Mittel; der Moral ist er Zweck.
(25. Brief)

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Das ist: wenn jetzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem Engländer begegnet, so begegnet nicht mehr ein bloßer Mensch einem bloßen Menschen, sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen.
(26. Brief)

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Dritte Sammlung

Menschen sind wir allesamt, und tragen sofern die Menschheit an uns, oder wir gehören zur Menschheit. Leider aber hat man in unserer Sprache dem Wort Mensch, und noch mehr dem barhmherzigen Wort Menschlichkeit so oft eine Nebenbedeutung von Niedrigkeit, Schwäche und falschem Mitleid angehängt, daß man jenes nur mit einem Blick der Verachtung [...] gewohnt ist. »Der Mensch!«(Adelung hat sogar dem verbannungswürdigen Ausdruck »das Mensch« einen langen Artikel einräumen müssen) sagen wir jammernd oder verachtend und glauben einen guten Mann aufs lindeste mit dem Ausdruck zu entschuldigen: »es habe ihn die Menschlichkeit übereilet.» Kein Vernünftiger billigt es, daß man den Charakter des Geschlechts, zu dem wir gehören, so barbarisch hinabgesetzt hat.
(27. Brief)

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Humanitär ist der Charakter unsres Geschlechts; er ist uns aber nur in Anlagen angeboren, und muß uns eigentlich angebildet werden. Wir bringen ihn nicht fertig auf die Welt mit; auf der Welt aber soll er das Ziel unsres Bestrebens, die Summe unsrer Übungen, unser Wert sein. [...]
Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß; oder wir sinken, höhere und niedere Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück. [X]
(27. Brief)

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»Vom Sextus[ von Chaironea, Platoniker, Neffe des Plutarch] lernte ich Wohlwollen; ich empfing das Muster einer väterlichen Hausverwaltung, und den Sinn, nach der Natur zu leben. Ich lernte, ernst sein ohne Steifheit, mich in Freunde schicken ohne Laune, Unwissende und vom Wahn Geleitete dulden. An ihm sah ich, was Gefälligkeit gegen Jedermann sei: denn sein Umgang war angenehmer als alle Schmeichelei.«
(29. Brief; ein Zitat von Mark Anton)

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»Stehest du des Morgens ungern auf, so ermuntre dich mit dem Gedanken: ich erwache zum Werk der Menschen! Sollte ich mit Unwillen dran gehen, Das zu tun, deshalb ich geboren, dazu ich in die Welt kommen bin? ›Die Ruhe ist aber angenehm.‹ Bist du zum Genießen geboren? oder nicht vielmehr zum Tun, zum Wirken? Siehest du nicht, wie Gewächse, Vögel, Ameisen, Spinnen, Bienen die Welt auf ihrem Platze mitzieren? und du, ein Mensch, wolltest deinen Menschenberuf nicht erfüllen?«
(29. Brief; ein Zitat von Mark Anton)

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»Siehe zu, daß du nicht verkaisert werdest: nimm die Tinktur nicht an. Denn das geshieht leicht! Erhalte dich einfach, gut, unverfälscht, ernsthaft, Prachtlos, Rechtliebend, Gottverehrend, sanftmütig, liebend die Deinigen, tapfer zu jedem wohlanständigen Werk. Kämpfe, daß du Der bleibest, zu dem dich die Philosophie machen wollte.«
(29. Brief; ein Zitat von Mark Anton)

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O mein Freund, wie schön ist die Einfalt! Wie übel haben wir getan, uns davon zu entfernen!
(36. Brief; Zitat von Diderot)

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Nicht Worte, sondern Eindrücke will ich aus dem Schauplatze mitnehmen. Das vortrefflichste Gedicht ist dasjenige, dessen Wirkung am längsten in mir dauert.
[Lässt sich auch auf Anderes anwenden]
(37. Brief)

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»Ich habe ganze Nationen, ganze Professionen und Zünfte immer gehasset; meine Liebe gehet nur auf einzelne Personen. Z.B. ich hasse die Zunft der Rechtsgelehrten, aber ich liebe den Rat N. den Richter N N. So habe ichs, (von meiner eignen Profession nichts zu sagen) mit den Ärzten, mit t den Soldaten, den Engländern, Schotten, Franzosen u. f. Vornehmlich aber hasse und verabscheue ich das Geschöpf, der Mensch genannt, obschon ich den Johann, den Peter, Thomas u. f. von Herzen liebe.«
(38. Brief; Zitat aus einem Brief von Swift an Pope)

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»Ich habe Materialien zu einer Abhandlung gesammlet, welche zeigen soll, daß man den Menschen unrecht durch ein vernünftiges Tier definiert, und daß man bloß ein Vernunftfähiges Tier setzen sollte.« gesammlet, welche zeigen soll
(38. Brief; wie oben)

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Eine andre oft aufgeworfene Frage: ob es besser sei, von den Menschen zu gut oder zu schlimm zu denken, d. i. den Menschen zu schmeicheln, oder sie mit Schärfe zu behandeln? führt, wie mich dünkt, ihre Auflösung auch mit sich. Man muß keins von Beiden, und eben hierin bestehet die Philosophie und Kunst des Lebens. Alle Übertreibungen sind eben so unwahr, als schädlich.
(38. Brief)

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Vierte Sammlung

Vernunft irrt nimmer. Klugheit und Wahrheitfindung entspringen beide aus der Natur Gütigkeit und Übung; nicht aus Lehrsätzen und Unterricht. Diese sind ein äußerlich geringer Vorteil und Erleichterung dazu, geben aber weder Wahrheit noch Verstand. Wenn man sie für unentbehrlich ausgibt, sind sie der Schulfüchserei Merkmal.
(41. Brief)

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Naturkünste machen aufrichtig; Schulkünste stolz und grausam.
(41. Brief)

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Die Reisen in barbarische Länder sind nützlicher als in die Hasenländer zu den freundlichen Mördervölkern.
(41. Brief)

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Wer um die wichtigste Wahrheit mit ihm ficht, wird nie so sehr sein Gegner sein, als wer gegen eine Lieblingsmeinung, die wie ein Polypus in sein Herz gewachsen ist, einige Befremdung äußert.
(46. Brief)

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Was uns die Berichte der Ärzte von Krankheiten der Einbildungskraft erzählen, da jener sich seine Füße als Strohhalme, dieser sein Gesäß gläsern dachte, ein dritter die Welt zu überschwemmen fürchtete, sobald er sein Wasser ließe, alle diese Geschichten oder Märchen sagen im Grunde weniger, als die Erfahrungen manches Wahns, den man bei den vernünftigsten Menschen zuweilen wahrnimmt.
(46. Brief)

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Sie merken leicht, m. H., in welchen Ständen diese Wahnbilder am sichtbarsten sein müssen; in solchen nämlich, die sich am freiesten äußern dürfen. Wer vor andern Scheu haben, wer aus Beruf und Not auf dem gebahnten Wege angenommener Meinungen oder richtiger Begriffe bleiben muß; der gibt sich Mühe, sonderbare Eigenehiten seines Kopfs und Herzens zu unterdrücken. [...] Wer sich dagegen alles erlaubt und dabei sein Personale äußerst hoch hält, der kann mit diesen Originalpoesien seines Wesens oft nicht laut genug hervortreten; er erfindet deren eine Reihe, mit der Zeit aus bloßer Willkür und glaubt sich gar dazu in die Welt gepflanzt, andere damit zu vergnügen. Die sogennanten starken Charaktere, große Geister, ex professo vornehme Leute u. f. liefern in ihrer Geschichte davon wunderabre Beispiele. Die alten Römischen Cäsars,eine Reihe Regenten, Helden, Religionsstifter, Schwärmer, Dichter, Philosophen hatten sonderbare Wahngestalten im Kopf, die sie gewöhnlich andern aufzwingen wollten, um damit oft zum Ziele kamen.
(46. Brief)

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Wahn und Wahnsinn sind überhaupt nicht so weit von einander, als man glaubt. So lange der Wahn ich in einem Winkel der Seele aufhält, und nur wenige Ideen angreift, behält er diesen Namen; verbreitet er seine Herrschaft weiter und macht sich durch lebhaftere Handlungen sichtbar; so nennt man ihn Wahnsinn.
(46. Brief)

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