Literaturbrevier

Johann Gottfried Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769

»Was in einem solchen Geiste für Be-
wegung, was in einer solchen Natur für eine
Gärung müsse gewesen sein, läßt sich weder
fassen noch darstellen.«

(Goethe über den jungen Herder.
Dichtung und Warhheit, Zehntes Buch.)

 

So denkt man, wenn man aus Situation und Situation tritt, und was gibt ein Schiff, daß zwischen Himmel und Meer schwebt, nicht für weite Sphären zu denken! Alles gibt hier dem Gedanken Flügel und Bewegung [...]. Auf der Erde ist man an einen todten Punkt angeheftet; und in den engen Kreis einer Situation eingeschlossen. Oft ist jener der Studierstul[sic] in einer dumpfen Kammer, der Sitz an einem einförmigen, gemietheten Tische, eine Kanzel, ein Katheder [...]. Wie klein und eingeschränkt wird da Leben, Ehre, Achtung, Wunsch, Furcht, Haß, Abneigung, Liebe, Freundschaft, Lust zu lernen, Beschäftigung, Neigung — wie enge und eingeschränkt endlich der ganze Geist.

__

Wo ist das veste Land, auf dem ich so veste stand?

__

Wenn werde ich so weit seyn, um alles, was ich gelernt, in mir zu zerstören, und nur selbst zu erfinden, was ich denke und lerne und glaube!

__

Wie unsre Schiffart geht, ists nur überall Meer. Die Schiffart der Alten war hierinn anders. Sie zeigte Küsten, und Menschengattungen: in ihren Schlachten redeten Charaktere und Menschen — jetzt ist alles Kunst.

__

Edler Jüngling! das alles schläft in dir? aber unausgeführt und verwahrloset!

__

Christliche Erziehung: Taufe: Confirmation: Abendmal: Tod, Begräbniß.

__

Wir lieben abstrakte Wahrheit.

__

O könnte ich Homer so wie Klopstock lesen!

__

Man schreibt also auch immer nur   b e i n a h e   w a h r.

__

[Herders Enthusiasmus und Motivation anhand eines Beispiels:]
O grosses Werk! Und geschrieben muß es werden! ohne System, als blos im Gange der Wahrheit! ohne übertriebnen Schmuck, als blos Data, nach Datis! Viel Beweise, Proben, Wahrscheinlichkeiten! Schlag auf Schlag! Adel, Größe und Unbewußtheit der Größe, wie Oßian, und Moses! [...]
Grosses Werk empfange meine Wünsche! meinen Eidschwur! meine Bestrebung!

__

[Herder war ein Vorbild für Goethes Faust. Hier schreibt Herder über seinen übermäßigen Konsum von Büchern:]
Womit habe ichs in meinem vergangnen Zustande verdient, daß ich nur bestimmt bin,   S c h a t t e n   z u   s e h e n, statt   w ü r k l i c h e   D i n g e   mir zu erfühlen? [...] Ich sehe, e m p f i n d e  [nur]   i n   d e r   F e r n e.

__

So selbst in der Liebe: die immer Platonisch, in der Abwesenheit mehr als in der Gegenwart, in Furcht und Hoffnung mehr, als im Genuß, in Abstraktionen, in Seelenbegriffen mehr, als in Realitäten empfindet. So bei der Lectüre wie walle ich auf, ein Buch zu lesen, es zu haben; und wie sinke ich nieder, wenn ichs lese, wenn ichs habe.

__

Der Magen ist verdorben: die Natur geschwächt: die Seele [hat] keinen wahren Hunger, also auch keinen wahren Appetit zur Speise: als auch keine starke völlige Verdauung: also auch keine gesunde Nahrung.
Wie ist ihm zu helfen? Wenig eßen, viel Bewegung und Arbeit: d. i. ohne Allegorie wenig Lesen, viel Ueberdenken mit einer gewißen Stärke und Bündigkeit, und denn Ueben,Anwenden. [...] Da komme ich in die Nothwendigkeit: [...] da muß ich Tagelang ohne Buch bleiben. Da will ichs mir also zum Gesetz machen, nie zu lesen, wenn ich nicht mit ganzer Seele, mit vollem Eifer, mit unzertheilter Aufmerksamkeit lesen kann. [...] — nicht anders, als mit voller Lust und Begierde, und so daß ich endlich so weit komme, ein Buch   a u f   e i n m a l   so lesen zu können, daß ichs   g a n z   u n d   a u f   e w i g   w e i ß.

__