Literaturbrevier

Hermann Hesse: Morgenlandfahrt

Die ganze Weltgeschichte scheint mir oft nichts andres zu sein als ein Bilderbuch, das die heftigste und blindeste Sehnsucht der Menschen spiegelt: die Sehnsucht nach Vergessen. Tilgt da nicht jede Generation mit den Mitteln des Verbotes, des Totschweigens, des Spottes immer gerade das aus, was der vorigen Generation das Wichtigste schien?

__

[...]das Wort des Dichters Novalis: »Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause.«

__

Dieser Zweifel stellt nicht nur die Frage: Ist deine Geschichte denn erzählbar? Er stellt auch noch die Frage: War sie denn erlebbar? Wir erinnern uns an Beispiele, daß sogar die Kämpfer des Weltkrieges, denen es doch wahrlich an Tatsachenberichten, an beglaubigter Geschichte nicht fehlt, zuweilen diese Zweifel haben kennenlernen müssen.

__

auch da unternahmen wir etwas anscheinend Unmögliches, auch da gingen wir scheinbar im Dunkel und richtungslos und hatten nicht die mindeste Aussicht, und doch strahlte in unsern Herzen, stärker als jede Wirklichkeit oder Wahrscheinlichkeit, der Glaube an den Sinn und die Notwendigkeit unsres Tuns.

__

Die Wirklichkeit, welche ich samt meinen Kameraden einst erlebt habe, ist nicht mehr vorhanden, und obwohl die Erinnerungen daran das Wertvollste und Lebendigste sind, was ich besitze, scheinen sie doch so fern, sind so sehr von einem anderen Stoff, als wären sie auf anderen Sternen in anderen Jahrtausenden geschehen, oder als wären sie Fieberträe gewesen.

__

Gerade das ist es ja, das Leben, wenn es schön und glücklich ist: ein Spiel! Natürlich kann man auch alles mög;liche andere aus ihm machen, eine Pflicht oder einen Krieg oder ein Gefängnis, aber es wird dadurch nicht hübscher.

__

Sobald das Leid groß genug ist, geht es vorwärts.

__

Wie verschob, veränderte sich und verzerrte sich alles und alles in diesen Spiegeln, wie spöttisch und unerreichbar verbarg sich das Gesicht der Wahrheit hinter allen diesen Berichten, Gegenberichten, Legenden! Was war noch Wahrheit, was war noch glaublich?

__