Literaturbrevier

Hermann Hesse: Narziß und Goldmund

Und euch beiden jungen Gelehrten wünsche ich, es möge euch nie an Vorgesetzten mangeln, welche dümmer sind als ihr; nichts ist besser gegen den Hochmut.

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Ich sage ja nicht: du bist klüger oder dümmer, besser oder schlechter. Ich sage nur: du bist anders.

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Erinnere dich, wir sprachen vorher davon, daß ein kluges Kind durchaus nicht dümmer zu sein brauche als ein Gelehrter. Wenn aber das Kind über Wissenschaft mitreden will, wird der Gelehrte es eben nicht ernst nehmen.

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Wußte er auch noch nicht das geringste über seine künftigen Ziele, so spürte er doch mit starker und oft beängstigender Deutlichkeit, daß sein Schicksal sich vorbereite, daß eine gewisse Schonzeit der Unschuld und Ruhe nun vorüber und alles in ihm gespannt und bereit sei. Oft war die Ahnung beseligend, hielt ihn halbe Nächte wach wie eine süße Verliebtheit; oft auch war sie dunkel und tief beklemmend.

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[...] dein Streben nach einem mönchischen Leben ein Irrtum war, eine Erfindung deines Vaters [...].

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Es gibt Menschen, die viel lernen können, aber du gehörst nicht zu ihnen. Du wirst nie ein Lerner sein. Wozu denn auch? Du hast das nicht nötig. Du hast andere Gaben.

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Auch wenn du morgen unser ganzes hübsches Kloster niederbrennen würdest oder irgendeine tolle Irrlehre in der Welt verkündigen, ich würde keinen Augenblick bereuen, dir auf den Weg dazu geholfen zu haben.

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Goldmund wußte: Narziß wuürde wieder erscheinen, er würde sein Arbeitspult, seinen Stuhl im Refektorium wieder einnehmen, würde wieder sprechen — aber von dem Gewesenen würde nichts wiederkommen, Narziß würde nicht wieder ihm gehören.

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Er war kein Schüler mehr, der die Welt durchs Fenster sieht.

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Schön wäre es, Menschen anzutreffen, irgendwelche. Aber er wußte freilich: vielleicht konnte er lang im Walde weitergehen, heut und morgen und noch manchen Tag, ohne jemand zu begegnen. Auch das mußte hingenommen werden, wenn es ihm so bestimmt war.

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Ach, wie Lises Auge, das halbgeschlossene, im Übermaß der Wonne wie gebrochen war und nur noch Weißes im Schlitz der zuckenden Lider gezeigt hatte — mit zehntausend gelehrten oder dichterischen Worten war das nicht auszusprechen!

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»Hast du mich wirklich lieb, Goldmund?«
»O ja.«
»Aber was soll daraus werden?«
»Ich weiß es nicht, Lydia. Es kümmert mich auch nicht. Es macht mich glücklich, dich zu lieben — was daraus werden wird, daran denke ich nicht. [...] «

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Du mußt nicht traurig sein, nicht meinetwegen, ich möchte dich ja nur fröhlich machen und glücklich sehen. Verzeih, ich habe dich traurig gemacht!

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»Nun habe ich einen Menschen umgebracht«, dachte Goldmund und dachte es immer wieder, während er über dem Sterbenden kniete und auf seinem Gesicht die Blässe sich verbreiten sah. »Liebe Mutter Gottes, nun habe ich getötet«, hörte er sich selber sprechen.

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Im dunklen Brunnenspiegel sah er sein eigenes Bild und dachte, daß dieser Goldmund, der ihn aus dem Wasser anblickte, längst nicht mehr der Goldmund des Klosters oder der Goldmund Lydias sei, und auch schon der Goldmund der Wälder war er nicht mehr. Er dachte, daß er und jeder Mensch dahinrinne und sich immerzu verwandle und endlich auflöse, während sein vom Künstler geschaffenes Bild immer unwandelbar das gleiche bleibe.

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Er aber [...] mußte jetzt von seinem Werk Abschied nehmen, schon morgen gehörte es nicht mehr ihm, wartete nicht mehr auf seine Hände, wuchs und erblühte nicht mehr unter ihnen, war ihm nicht mehr Zuflucht, Trost und Sinn des Lebens.

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»Ach, du, daß er[der Graf, der Gatte] dich nicht zu sehen bekommt! Du würdest keine Stunde mehr leben. Es ist mir so bange um dich.«
In seiner Erinnerung stiegen halbverlorene Klänge auf — hatte er nicht dies Lied schon vor Zeiten einmal gehört? So hatte einst Lydia zu ihm gesprochen, so liebend und angstvoll, so zärtlich-traurig. So war sie nachts in seine Kammer gekommen, voll Liebe und voll Angst, voll Sorgen, voll von schrecklichen Bildern der Furcht. Er hörte es gerne, das zärtlich-ängstliche Lied. Was wäre Liebe ohne Heimlichkeit! Was wäre Liebe ohne Gefahr!

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Das Denken hat mit Vorstellungen nicht das mindeste zu tun. Es vollzieht sich nicht in Bildern, sondern in Begriffen und Formeln. Genau dort, wo die Bilder aufhören, fängt die Philosophie an.

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Ich gab zwar vor, die Kunst hochzuachten, aus Gewohnheit, [...].

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»Und ich weiß nicht, ob du verstehen kannst, wie mir ums Herz ist, wenn ich daran denke, daß nun bald dieses Werk hier fertig sein wird. Es wird dann fortgebracht und aufgestellt, und man sagt mir einige Lobsprüche, und dann kehre ich in eine nackte leere Werkstatt zurück, betrübt über alles das, was in meinem Werk mir nicht gelungen ist und was ihr andern gar nicht sehen könnt, und bin im Innern so leer und beraubt, wie die Werkstatt es ist.«
»Das mag so sein«, sagte Narziß, »und keiner von uns kann den andern darin ganz verstehen. Gemeinsam aber ist allen Menschen, die des guten Willens sind, dieses: daß unsere Werke uns am Ende beschämen, daß wir immer wieder von vorn beginnen müssen, daß das Opfer immer neu gebracht werden muß.«

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Manchmal schloß der Abt Goldmunds Kammer auf, wo die Maria stand, hob vorsichtig das Tuch von der Figur und verweilte bei ihr. Er wußte nichts von ihrer Herkunft, Goldmund hatte ihm die Geschichte Lydias nie erzählt. Aber er fühlte alles, er sah, daß diese Mädchengestalt lange in seines Freunden Herzen gelebt habe. Vielleicht hatte er sie verführt, vielleicht sie betrogen und verlassen. In seiner Seele aber hatte er sie mitgenommen und bewahrt, treuer als der beste Gatte, und schließlich hatte er, vielleicht nach vielen Jahren, in denen er sie nie mehr gesehen, diese schöne rührende Mädchenfigur gemacht und in ihr Gesicht, ihre Haltung, ihre Hände alle Zärtlichkeit, Bewunderung und Sehnsucht eines Liebenden beschlossen.

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Narziß sagte ihm: »Ich bin so froh, daß du wiedergekommen bist. Du hast mir so sehr gefehlt, ich habe jeden Tag an dich gedacht, und oft hatte ich Angst, du würdest nie mehr wiederkommen wollen.«
Goldmund schüttelte den Kopf: »Nun, der Verlust wäre nicht groß gewesen.«
Narziß, das Herz vor Weh und Liebe brennend, bückte sich langsam zu ihm herab, und nun tat er, was er in den vielen Jahren ihrer Freundschaft niemals getan hatte, er berührte Goldmunds Haar und Stirn mit seinen Lippen. Verwundert zuerst, dann ergriffen, merkte Goldmund, was geschehen sei.

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»Goldmund«, flüsterte ihm der Freund ins Ohr, »verzeih, daß ich es dir nicht früher habe sagen können. Ich hätte es dir sagen sollen, als ich dich damals in deinem Gefängnis aufsuchte, in der Bischofsresidenz, oder als ich deine ersten Figuren zu sehen bekam, oder irgendeinmal. Laß es mich dir heute sagen, wie sehr ich dich liebe, wieviel du mir immer gewesen bist, wie reich du mein Leben gemacht hast. Es wird dir nicht sehr viel bedeuten. Du bist an Liebe gewöhnt, sie ist für dich nichts Seltenes, du bist von so vielen Frauen geliebt und verwöhnt worden. [...]«


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