Literaturbrevier

Fritz Hochwälder: Das Heilige Experiment

Von Anfang an und in Zeiten höchster Blüte war echtes Theater immer dem Zirkus zugewandter als dem Seminar, der Clownerie näher als der Studierstube. Manchmal also endet das Theater als Literatur. Wo es als Literatur beginnt, lebt es meist nicht lang als Theater.
(Fritz Hochwälder, Zitat im Vorwort)

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Da[in einer Kritik] wird [...] aus dem Uraufführungserfolg [des „Heiligen Experimentes“] gefolgert, daß es verwunderlich wäre, »wenn dieses innerlich durchlebte Drama nicht bald auch. . .« — wo gespielt würde? in London, in Amerika, auf den Bühnen eines befreiten Europa? Nein: »in Zürich, Basel und Bern zum szenischen Ereignis werden sollte«. Diebold[der Kritiker] hat zu eng und doch zu großzügig prophezeit. »Das heilige Experiment“ ist in Frankreich, England, Schottland, Italien, Holland, Belgien, Schweden, Norwegen, Finnland, in Südafrike, Nord- und Südamerika, an zahlreichen bedeutenden Bühnen der Bundesrepublik und Österreich und auch in Bern gespielt worden, bis heute aber weder in Zürich noch in Basel.
(Vorwort des Herausgebers)

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PROVINZIAL: »Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.«

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PROVINZIAL: Ah . . . Ihr haltet unsern Sturz für eine beschlossene Sache?
CORNELIS: Ihr seid verloren.
PROVINZIAL: Auch Ihr gehört also zu denen, die unsern Untergang für unvermeidlich halten. — Aber glaubt mir: man wirft uns nur Prügel vor die Füße, weil wir voranschreiten. Doch wir sind unaufhaltsam. Nach hundertfünfzig Jahren der Vorbereitung geht die Jesugesellschaft in Paraguay zum Angriff über. Zeigt auf die Landkarte Der junge Riese reckt sich. Er schreitet über Flüsse, er rückt durch Wildnis und Steppe vor — bis der letzte Indio in diesem Land für Christus gewonnen ist. — Gewiß, einmal wird auch unster Staat fallen. Aber das Experiment ist gelungen. Es wird wiederholt werden. In Jahrhunderten. Bis endlich in die Welt jener Frieden kommt, den die Menschheit ersehnt . . .

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VILLANO: Da — da ist Material! Monatelang war ich unterwegs — dieses ganze Material — und noch viel mehr — habe ich hierher geschleppt. In Candelaria bepackte ich einen Esel damit. In Miguel waren schon zwei Esel nötig, um diese Unmenge, diese Flut, diesen Berg von Material zu befördern. Und in Loreto mußte ich einen dritten Esel —
ARAGO: Ihr seid selbst ein riesengroßer, ein ganz ungeheurer Esel!

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VILLANO: Ich habe meine Pflicht erfüllt. Ich hatte den Auftrag, Aussagen [der Gegner von Jesuiten] protokollieren zu lassen. Im übrigen bin ich kein Aktenschmierer oder Gerichtshocker — ich bin ein alter Soldat. Wenn man diesen Jesuitenstaat abtun will, dachte ich mir, wird man ihn mit oder ohne Aussagen abtun...

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VILLANO: Es gibt Tee, Getreide, Baumwolle — und dazu hundertfünfzigtausend Indios, vom Lieben Gott wie geschaffen zum Sklavendasein! — Also wozu Verhandlung — ein kleiner Krieg, und erledigt ist die Sache!

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BUSTILLOS: Aber nur Geduld: hilf dir selbst, so hilft dir Gott.

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BUSTILLOS: Wir sind nur Kolonialpack, das man verachtet, aber wartet nur, die Welt dreht sich!

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PROVINZIAL: Wir — müssen fallen?
MIURA: Ihr.
PROVINZIAL: Ihr bestätigt uns, daß wir kein Unrecht tun — und wollt uns vernichten?
MIURA: Unrecht. Wir alle tun unrecht. Da ist kein Staat in dieser Welt, der nicht mit himmelschreindem Unrecht beladen wäre. Unrecht fällt keinen Staat. Aber euch — wird Schlimmeres zur Last gelegt!
PROVINZIAL: Schlimmeres?
MIURA: Ihr habt recht!
PROVINZIAL triumphierend: Wir haben recht!
MIURA: Und eben, w e i l  ihr recht habt, müßt ihr vernichtet werden! Vernichtet — rücksichtslos vernichtet!
PROVINZIAL: Ja — seid Ihr denn bei klarem Verstand!
MIURA: Ein Phantast wäre ich, wenn ich anders redete! —

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MIURA: Wir[Spanien] dehnen uns durch unsere Kriege aus — ihr durch euren Frieden.

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QUERINI: D i e s e  Welt ist aber ungeeignet zur Verwirklichung von Gottes Reich.

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QUERINI: Aber Gott ist kein Politiker. Und was wir hier treiben ist Politik. Und diese Politik richtet sich immer stärker gegen die katholischen Fürsten in Europa, deren Vortruppe wir waren.

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PROVINZIAL: Ich gebe mich in Eure Hand. Ich bin Euer Gefangener. Ich habe mich besonnen. Ich habe unser Unrecht eingesehen. Ich habe klar erkannt, daß des Königs Visitator rechtlich handelt. Das alles soll unsere Revolte nicht entschuldigen. Ich bitte um Bestrafung.
[...]
MIURA kopfschüttelnd: Tatsächlich — steht Ihr zu diesem Aufruf?
PROVINZIAL: Er ist von meiner eigenen Hand geschrieben und unterzeichnet. Ich stehe dazu.
MIURA: Diese Lösung ist mir sehr willkommen. Macht Euch gefaßt auf einen Sturm von Euren Leuten.
PROVINZIAL: Freut Euch. Ihr seid an Eurem Ziel.
MIURA: Merkwürdige Leute, ihr . . . Da verteidigt ihr euch ersst, daß man — Respekt bekommt, und dann . . . diese Lösung ist natürlich ganz in unserm Sinn. Mir sehr willkommen. Ich bin zufrieden. Ja. Geht, wendet sich nochmals zum PROVINZIAL Aber eigentlich — ist es schade.

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ERSTER KAZIKE[Häuptling]: Den Christus der Spanier werden wir nicht verehren.
ZWEITER KAZIKE: Denn ihr Christus ist böse: er nimmt uns alles.
DRITTER KAZIKE: Unser Christus ist gut: er gibt uns alles.

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CANDIA erfreut: Ja, das ist der Christus, den wir haben wollen.
PROVINZIAL: Dieser Christus gibt euch freilich alles ...
CANDIA: Er gibt uns zu essen.
PROVINZIAL: Zu essen.
NAGUACU: Er bekleidet uns.
PROVINZIAL: Kleidung.
CANDIA: Er schützt uns vor den Sklavenjägern.
PROVINZIAL: Ah — er gibt Sicherheit.
NAGUACU: Er baut uns Häuser. Er gibt uns Waffen. Er macht uns mächtig.
CANDIA: Wenn man ihn verehrt, wird man belohnt.
NAGUACU: Das ist der Christus, den wir wollen, ehrwürdiger Vater.
PROVINZIAL: Das ist der Christus, den wir euch gebracht haben. Oh — ihr seid von uns getäuscht worden. Christus verleiht keine Sicherheit, ernährt nicht, bekleidet nicht — er selbst ist arm und bloß . . .

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