Literaturbrevier

Friedrich Hölderlin: Der Tod des Empedokles

PANTHEA.
Was diesem Manne widerfährt,
Das, glaube mir, das widerfährt nur ihm,
Und hätt er gegen alle Götter sich
Versündiget und ihren Zorn auf sich
Geladen, und ich wollte sündigen,
Wie er, um gleiches Los mit ihm zu leiden,
So wärs, wie wenn ein Fremder in den Streit
Der Liebenden sich mischt, — was willst du? sprächen
Die Götter nur, du Törin kannst uns nicht
Beleidigen, wie er.
DELIA.
Du bist vielleicht
Ihm gleicher als du denkst, wie fändst du sonst
An ihm ein Wohlgefallen?

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ERSTER AGRIGENTINER
Was ist es denn, Hermokrates, warum
Der Mann[Empedokles] die wunderlichen Worte spricht?
ZWEITER AGRIGENTINER
Er heißt uns gehn, als scheut' er sich vor uns.
HERMOKRATES
Was dünket euch? der Sinn ist ihm verfinstert,
Weil er zum Gott sich selbst vor euch gemacht.
Doch weil ihr nimmer meiner Rede glaubt,
So fragt nur ihn darum. Er soll es sagen.
DRITTER AGRIGENTINER
Wir glauben dir es wohl.
PAUSANIAS
Ihr glaubt es wohl?
Ihr Unverschämten? — Euer Jupiter
Gefällt euch heute nicht; er siehet trüb;
Der Abgott ist euch unbequem geworden
Und darum glaubt ihrs wohl? Da stehet er
Und trauert und verschweigt den Geist, wonach
In heldenarmer Zeit die Jünglinge
Sich sehnen werden, wenn er nimmer ist,
Und ihr, ihr kriecht und zischet um ihn her,
Ihr dürft es? und ihr seid so sinnengrob,
Daß euch das Auge dieses Manns nicht warnt?

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EMPEDOKLES
So! — und möchtet ihr an mich
Die Hände legen? was? gelüstet es
Bei meinem Leben schon die hungernden
Harpyen? und könnt ihrs nicht erwarten, bis
Der Geist entflohn ist, mir die Leiche zu schänden?
Heran! Zerfleischt und teilet die Beut und es segne
Der Priester euch den Genuß und seine Vertrauten,
Die Rachegötter lad er zum Mahl!

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PANTHEA
Delia!
Da ging er[Empedokles] sonst! und dieser Garten war
Um seiner willen mir so wert. Ach oft,
Wenn mir das Leben nicht genügt', und ich,
Die Ungesellige, betrübt mit andern
Um unsre Hügel irrte, sah ich her
Nach dieser Bäume Gipfeln, dachte, dort
Ist Einer doch! — Und meine Seele richtet'
An ihm sich auf. Ich lebte gern mit ihm
In meinem Sinn, und wußte seine Stunden.
Vertraulicher gesellte da zu ihm
Sich mein Gedank, und teilte mit dem Lieben
Das kindliche Geschäft [des Alleinseins] — ach!

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PANTHEA
Ich weiß, es muß,
Was göttlich ist, hinab.

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PAUSANIAS
Ich faß es nicht,
Und du? was hülf es dir . . . [dich zu ermorden?]
EMPEDOKLES
Bin ich durch Sterbliche doch nicht bezwungen,
Und geh in meiner Kraft, furchtlos hinab
Den selbsterkoren Pfad; mein Glück ist dies,
Mein Vorrecht ists.
PAUSANIAS
O laß und sprich nicht so
Das Schröckliche mir aus! Noch atmest du,
Und hörest Freundeswort, und rege quillt
Das teure Lebensblut vom Herzen dir.

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EMPEDOKLES
Es ängstiget der Immerfreudige
Dir niemals in Gefängnissen sich ab,
Und zaudert hoffnungslos auf seiner Stelle,
Frägst du, wohin? Die Wonnen einer Welt
Muß er durchwandern, und er endet nicht. —

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