Literaturbrevier

Friedrich Hölderlin: Hyperion

[Das Kind] ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts.

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Wie haß ich dagegen alle die Barbaren, die sich einbilden, sie seien weise, weil sie kein Herz mehr haben, alle die rohen Unholde, die tausendfältig die jugendliche Schönheit töten und zerstören, mit ihrer kleinen unvernünftigen Mannszucht!

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Ja wohl! für dich! rief er, und es freut mich herzlich, daß ich dir denn doch eine genießbare Kost bin. Und schmeck ich auch, wie ein Holzapfel, dir zuweilen, so keltre mich so lange, bis ich trinkbar bin.

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Die rauhe Hülse um den Kern des Lebens und nichts weiter ist der Staat. Er ist die Mauer um den Garten menschlicher Früchte und Blumen.

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Aus heißem Metalle wird das kalte Schwert geschmiedet.

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Wer flucht dem Baume, wenn sein Apfel in den Sumpf fällt?

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Die Luft ist herrlich, sagt' er endlich, und der Abend wird sehr schön sein, laß uns zusammen auf die Akropolis gehn!
Ich nahm es an. Wir sprachen lange kein Wort. Was willst du? fragt ich endlich.
Das kannst du fragen? erwiderte der wilde Mensch mit einer Wehmut, die mir durch die Seele ging. Ich war betroffen, verwirrt.
Was soll ich von dir denken? fing ich endlich wieder an.
Das, was ich bin! erwidert' er gelassen.

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Wenn euer Garten so voll Blumen ist, warum erfreut ihr Othem mich nicht auch?

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Ich liebe dies Griechenland überall. Es trägt die Farbe meines Herzens.

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Friede der Schönheit! göttlicher Friede! wer einmal an dir das tobende Leben und den zweifelnden Geist besänftigt, wie kann dem anderes helfen?

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Unter den Blumen war ihr Herz zu Hause, als wär es eine von ihnen.
Sie nannte sie alle mit Namen, schuf ihnen aus Liebe neue, schönere, und wußte genau die fröhlichste Lebenszeit von jeder. [...]
Und das war so ganz nicht angenommen, angebildet, das war so mit ihr aufgewachsen.
Es ist doch ewig gewiß und zeigt sich überall: je unschuldiger, schöner eine Seele, desto vertrauter mit den andern glücklichen Leben, die man seelenlos nennt.

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Aber nur dir, mein Bellarmin, nur einer reinen freien Seele, wie die deine ist, erzähl ichs. So freigebig, wie die Sonne mit ihren Strahlen, will ich nicht sein; meine Perlen will ich vor die alberne Menge nicht werfen.

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Der Mensch, begann ich wieder, der nicht wenigstens im Leben Einmal volle lautre Schönheit in sich fühlte wenn in ihm die Kräfte seines Wesens, wie die Farben am Irisbogen, in einander spielten, der nicht erfuhr, wie nur in Stunden der Begeisterung alles innigst übereinstimmt, der Mensch wird nicht einmal ein philosophischer Zweifler werden, sein Geist ist nicht einmal zum Niederreißen gemacht, geschweige zum Aufbauen. Denn glaubt es mir, der Zweifler findet darum nur in allem, was gedacht wird, Widerspruch und Mangel, weil er die Harmonie der mangellosen Schönheit kennt, die nie gedacht wird. Das trockne Brot, das menschliche Vernunft wohlmeinend ihm reicht, verschmähet er nur darum, weil er insgeheim am Göttertische schwelgt.

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Es ist schön, daß es dem Menschen so schwer wird, sich vom Tode dessen, was er liebt, zu überzeugen, und es ist wohl keiner noch zu seines Freundes Grabe gegangen, ohne die leise Hoffnung, da dem Freunde wirklich zu begegnen.

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Warum erzähl ich dir und wiederhole mein Leiden und rege die ruhelose Jugend wieder auf in mir? Ists nicht genug, Einmal das Sterbliche durchwandert zu haben? [...] Darum, mein Bellarmin! weil jeder Atemzug des Lebens unserm Herzen wert bleibt.

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Ich kenne die rohe Natur. Sie höhnt der Vernunft, sie stehet aber im Bunde mit der Begeisterung. Wer nur mit ganzer Seele wirkt, irrt nie.

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Ist es nicht Sünde, zu trauern im Frühling? warum tun wir es dennoch?

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Es ist aus, Diotima! unsre Leute haben geplündert, gemordet, ohne Unterschied, auch unsre Brüder sind erschlagen, die Griechen in Misistra, die Unschuldigen, oder irren sie hülflos herum und ihre tote Jammermiene ruft Himmel und Erde zur Rache gegen die Barbaren, an deren Spitze ich war.
Nun kann ich hingehn und von meiner guten Sache predigen. O nun fliegen alle Herzen mir zu!
Aber ich habs auch klug gemacht. Ich habe meine Leute gekannt. In der Tat! es war ein außerordentlich Projekt, durch eine Räuberbande mein Elysium zu pflanzen.

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Ich weiß wohl, wer leicht sich mit der Welt entzweit, versöhnt auch leichter sich mit ihr.

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