Literaturbrevier

Hugo von Hofmannsthal: Andreas

Dann sind sie auf einmal allein, ein ganz einsames Gemach, er mit der Gräfin allein, klafterdicke Mauern, totenstill. Ihm graust, daß es ein Weib ist und nicht mehr eine Gräfin, auch nicht der junge Kavalier, nichts Galantes, Ehrbares mehr, auch nichts Schönes, sondern ein wildes Tun, ein Morden im Dunkeln.

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Der Mond fiel stark durchs Fenster, alles zerschied sich in schwarz [...]. Er horchte auf die Geräusche im Haus, die Reitstiefel hatte er ausgezogen — er wußte nicht, auf was er wartete. Und wußte es doch und stand auf einmal draußen im Gang vor einer Zimmertür. Er hielt den Atem an: zwei Menschen, die beisammen im Bett lagen, sprachen miteinander gedämpft und zutraulich. Seine Sinne waren geschärft, er konnte hören. [...] Er wollte [...] nicht horchen, und hörte doch. [...] Es ist bei jedem Wort, als könnts auch ungeredet bleiben, eine Rede, eine Gegenrede, und das wahre Leben vorbei.

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Verzweifelnd stürzte er in den Wald, da kam sie ihm entgegen, zwischen zwei schönen Ahornbäumen, fröhlich und freundlich, als wäre nichts geschehen. Ihre Augen leuchteten seltsam, ihre nackten Fü&Szlig;e glänzten auf dem Moos und der Saum ihres Rockes war naß. »Was bist denn du für eine«, rief er ihr staunend entgegen. — »So eine halt«, sagt sie und hält ihm den Mund hin, »nein, so eine«, ruft sie, wie er sie umfassen will, und schlägt mit dem Rechen nach ihm. [...]

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Er wußte, daß er geträumt hatte, aber die Wahrheit in dem Traum durchfuhr ihn mit Glück bis in die letzte Ader. Romanas innerstes Wesen hatte sich mit ihm angekündigt mit einem Leben, das über der Wirklichkeit war. In ihm oder außer ihm, er konnte sie nicht verlieren.

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»Sie bewohnen die Zimmer meiner Tochter Nina. Sie kennen sie noch nicht, uns so können Sie den Beweis der Hochschätzung und des Vertrauens noch nicht ermessen, den wir Ihnen geben, indem wir dieses Appartement zu Ihrer Verfügung stellen. Die Wohnung eines solchen Wesens ist wie das Kleid eines Heiligen, an dem Kräfte haften.«

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»Wenn Sie Händel bekommen, Mißverständnisse, Zank und Streit, so setzen Sie Ihren Willen durch. Lassen Sie sich nicht durch Tränen herumkriegen, weder durch die Tränen von Weibern noch von Männern. Das ist eine läppische Schwachheit, die ich nicht leiden kann. Aber ich spreche nicht von Ninas Tränen. Ninas Tränen sind echt wie Gold. Wenn sie weint, da ist sie wie ein kleines Kind. Man hat nicht das Herz, ihr zu versagen, was sie sich wünscht, denn sie hat ein zehnmal besseres Herz als ich[...].«

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Es war eines von jenen peinlichen Porträts, von denen man sagen kann, daß sie das Inventarium eines Gesichtes enthalten, aber die Seele des Malers verraten.

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