Literaturbrevier

Hugo von Hofmannsthal: Der Schwierige

HANS KARL. aber so einfach sind doch gottlob die Menschen nicht.
CRESCENCE. Mein Lieber, die Menschen sind gottlob sehr einfach, wenn man sie einfach nimmt.

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AGATHE. [...]dieser Brief, wo er mir mit dürren Worten sagt: ein Mann ist wie der andere, unsere Liebe war nur eine Einbildung, vergiß mich, nimm wieder den Hechingen —
HANS KARL. Aber nichts von all diesen Worten ist in dem Brief gestanden.
AGATHE. Auf die Worte kommts nicht an.

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AGATHE. Denn wir wissen ja, wir Frauen, daß so etwas Schönes nicht für die Ewigkeit ist. Aber, daß es deswegen auf einmal plötzlich aufhören soll, in das können wir uns nicht hineinfinden!

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STANI. Das bewundere ich ja so an dir: du redest wenig, bist so zerstreut und wirkst [dennoch] so stark.

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STANI. Aber die Toinette hat mir erklärt, warum ein Interesse für dich nicht serios wird.
HANS KARL. Ah!
STANI. Ja, sie hat viel darüber nachgedacht. Sie sagt: du fixierst[sich emotional an jmdn. binden] nicht, weil du nicht genug Herz hast.
HANS KARL. Ah!
STANI. Ja, dir fehlt das Eigentliche. Das, sagt sie, ist der enorme Unterschied zwischen dir und mir. Sie sagt: du hast das Handgelenk immer geschmeidig, um loszulassen, das spürt eine Frau[...].

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HANS KARL. Ich hab ihn gern.
STANI. Er nimmt alles wörtlich, auch deine Freundschaft für ihn.
HANS KARL. Aber er darf sie wörtlich nehmen.
STANI. Pardon, Onkel Kari, bei dir darf man nichts wörtlich nehmen, wenn man das tut, gehört man in die Kategorie: Instinktlos.
HANS KARL. Aber er ist ein so guter, vortrefflicher Mensch.

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HANS KARL. Sie kennen meine Kusine seit dem letzten Winter?
NEUHOFF. Kennen — wenn man das Wort von einem solchen Wesen brauchen darf. In gewissen Augenblicken gewahrt man erst, wie doppelsinnig das Wort ist: es bezeichnet das Oberflächlichste von der Welt und zugleich das tiefste Geheimnis des Daseins zwischen Mensch und Mensch.
(Hans Karl und Stani wechseln einen Blick.)

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NEUHOFF. Es ist ein Mann, bei dem die Natur, die Wahrheit alles erreicht und die Absicht nichts. Ein wunderbarer Mensch in unserer absichtsvollen Welt[...].

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NEUHOFF. Denn ich kenne niemanden, der so sensibel ist für menschliche Qualität [wie Ihre Kusine].
HANS KARL. Das sind wir hier ja alle ein bißchen. Vielleicht ist das gar nichts so Besonderes an meiner Kusine.

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STANI. Auf die Dauer nimmt jeder die Qualität des andern derart in sich auf, daß von einer wirklichen Differenz nicht mehr die Rede sein kann.

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ALTENWYL. Wer zu mir kommt, mit dem muß ich die Konversation so führen, daß er, wenn er die Türschnallen in der Hand hat, sich gescheit vorkommt, dann wird er auf der Stiegen mich gescheit finden.

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ANTOINETTE (senkt die Augen). Aller Anfang ist schön.
HANS KARL. In jedem Anfang liegt die Ewigkeit.

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HANS KARL. Nichts ist bös. Der Augenblick ist nicht bös, nur das Festhalten-Wollen ist unerlaubt.

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HANS KARL. Alles was geschieht, das macht der Zufall. Es ist nicht zum Ausdenken, wie zufällig wir alle sind, und wie uns der Zufall zueinanderjagt und auseinanderjagt, und wie jeder mit jedem hausen könnte, wenn der Zufall es wollte.

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ANTOINETTE. Ich will nicht —
HANS KARL (spricht weiter, ohne ihren Widerstand zu respektieren). ...

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HANS KARL. Weiß Sie, Toinette, was Herz ist, weiß Sie das? Daß ein Mann Herz für eine Frau hat, das kann er nur durch eins zeigen, nur durch ein einziges auf der Welt: durch die Dauer, durch die Beständigkeit. Nur dadurch: das ist die Probe, die einzige.

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HANS KARL. Es gibt einen Zufall, der macht scheinbar alles mit uns, wie er will — aber mitten in dem Hierhin- und Dorthingeworfenwerden und der Stumpfheit und Todesangst, da spüren wir und wissen es auch, es gibt halt auch eine Notwendigkeit, die wählt uns von Augenblick zu Augenblick, die geht ganz leise, ganz dicht am Herzen vorbei und doch so schneidend scharf wie ein Schwert. Ohne die wäre da draußen kein Leben mehr gewesen, sondern nur ein tierisches Dahintaumeln. Und die gleiche Notwendigkeit gibts halt auch zwischen Männern und Frauen.

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NEUHOFF. Wundervoll ist alles an Ihnen! Und dabei, wie alles Hohe, fast erschreckend selbstverständlich.

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HANS KARL. Allerdings, es ist ein bißl lächerlich, wenn man sich einbildet, durch wohlgesetzte Wörter eine weiß Gott wie große Wirkung auszu¨ben, in einem Leben, wo doch schließlich alles auf das Letzte, Unaussprechliche ankommt.

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HANS KARL. Das Reden basiert auf einer indezenten Selbstüberschätzung.
HELENE. Wenn alle Menschen wüßten, wie unwichtig sie sind, würde keiner den Mund aufmachen.

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HANS KARL. Mit neununddreißig Jahren nicht wissen, woran man mit sich selber ist, das ist doch eine Schand.
HELENE. Ich brauchte nie nachzudenken, woran ich mit mir selber bin. Bei mir ist wirklich gar nichts los, es ist nichts da als ein anständiges, ruhiges Benehmen.

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ANTOINETTE. Man könnte? Vielleicht — wenn man einen Schatten von Recht dazu hätte.
NEUHOFF. Man nimmt das Recht dazu aus dem Moment.

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ANTOINETTE. Du siehst ein bissl verändert aus. Dein Ausdruck ist anders, ich weiß nicht, woran es liegt. Bist du nicht ganz wohl?
HECHINGEN. Liegt es nicht daran, daß diese schwarzen Augen mich lange nicht angeschaut haben?
ANTOINETTE. Aber es ist ja nicht so lang her, daß man sich gesehen hat.
HECHINGEN. Sehen unst Anschaun ist zweierlei, Toinette.

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HANS KARL. Man kann das Vergangene nicht herzitieren, wie die Polizei einen vor das Kommissariat zitiert. Das Vergangene ist vergangen. Niemand hat das Recht, es in eine Konversation, die sich auf die Gegenwart bezieht, einzuflechten.

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HANS KARL. Man kann nicht analysieren, ohne in die odiosesten[abscheulichsten] Mißverständnisse zu verfallen.

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