Literaturbrevier

Hugo von Hofmannsthal: Der Turm

JULIAN. Ihr habt die Person in Augenschein genommen?
ARZT. Mit Schrecken und Staunen.
JULIAN. Wie beurteilt Ihr den Fall?
ARZT. Als ein grausiges Verbrechen.
JULIAN. Ich frage nach dem ärztlichen Befund.

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ARZT. Es geht um mehr. Der ungeheure Frevel ist an der ganzen Menschheit begangen worden.
JULIAN. Darf ich um sachlichen Rat bitten?
ARZT. Hier wird mit Drogen und Pulvern nichts erzielt werden. Was die Medikamente nicht heilen, sagt Hippokrates, heilt das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer.
JULIAN. Wie kommt der Herr zu solchen Divagationen[Abschweifungen im Reden]? Es ist von einer einzelnen privaten Person die Rede, die unter meiner Obhut steht.
ARZT. Mit nichten. Hier wird, woferne Gott nicht Einhalt tut, die Majestät gemordet. An der Stelle, wo dieses Leben aus den WUrzeln gerissen wird, entsteht ein Wirbel, der uns alle mit sich reißt.
JULIAN (sieht ihn an). Ihr nehmt Euch viel heraus. — Ihr seid eine berühmte Persönlichkeit. Die Fakultät feindet Euch an, aber das hat Euch nur noch mehr in Evidenz gebracht. Ihr habt ein großes Gefühl von Euch selbst.
ARZT. Eure Excellenz ermangeln der Möglichkeit, sich die Vorstellung zu bilden, wie gering ich von mir slebst denke. Mein Rum ihst vielfach Mißverständnis.

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JULIAN. Gerad heraus! wen vermutet Ihr in dem Gefangenen? Antwortet ohne Scheu. Ich frage als Privatperson.
ARZT. Ihr möget als was immer fragen. Ich habe nur einerlei Rede: Hier ist das höchste Geblüt in der erbärmlichsten Erniedrigung gehalten.
JULIAN. Da gibt der Herr Träumereien nach.

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JULIAN. — Ich sehe, Ihr seid hergekommen in einer sonderbaren vorgefaßten Meinung.
ARZT. Ich schließe nichts aus der Nachricht, alles aus dem Eindruck.

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ARZT (vor Julian stehen bleibend, der in Gedanken verloren dasteht). Ich finde Eure Excellenz verwandelt.
JULIAN. Ihr seid ein scharfer Physiognomiker.

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ARZT. Diese Hände, die sich Weib und Kind zu berühren versagen.
JULIAN (nickt). Furchtbar einsam waren meine Jahre.
ARZT. Furchtbar, aber gewollt. [...]
JULIAN. Ihr kommt einem nahe! zu nahe!

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ARZT. Eure Rettung geht durch seine, oder Ihr versinket in dem Wirbel; es hängt alles an einer Kette.
JULIAN. Ich bin ein Instrument, weiter nichts.
ARZT. So spricht der Leib: aber der Geist kennt seine Schuld.

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PFÖRTNER. Die Hellebarde ist aus der Hand des Wächters genommen und in die Hand des Räubers gegeben. Was soll da aus uns werden?
JUNGER BRUDER (lächelt). Das schützende Kleid ist hinweggenommen, so sind wir nackend, wie es sich geziemt zur Züchtigung.

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KÖNIG. Die Wälder, in denen ich jage, sind voller Bettler: sie fressen die Rinde von den Bäumen und stopfen sich die Bäuche mit Klumpen Erde.

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KÖNIG. Der Hunger ist in der Prophezeiung; die Seuche ist in der Prophezeiung; die Finsternis, erleuchtet von brennenden Dörfern — der Soldat, der die Fahn abreißt und seinem Oberen die Pferdehalfter ums Maul schlägt, der Bauer, der vom Pflug läuft und seine Sense umangelt zur blutigen Pike, die Kometen, die Erde, die sich spaltet, die Haufen herrenloser Hunde, die Raben, kreisend Tag und Nacht überm blachen Feld — es ist alles in der Prophezeiung. (Leise für sich.) Ich habe das Pergamen mit eigenen Händen verbrannt bei verriegelten Türen, aber die Zeilen, wie ich sie habe sich abkräuseln sehen in Zunder, so brennen sie auf in meiner Brust unter der Herzgrube, ob ich lieg oder geh oder stehe.

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GROSSALMOSENIER (nickt). Es steht geschrieben: der verdorbene Mensch liebt nicht den, der ihn strafet. Das Wort eitel, merke, hat zweierlei Sinn. Einmal heißt es: prahlen vor sich selber, Zuschauer sein sich selber, geistige Buhlerei treiben mit sich selber. Zum zweiten heißt es: nichtig, für nichts, im Mutterleib verloren. — Eitel war dein Gedachtes, dein Getanes, dein Gezeugtes, von dir selber im Mutterleib vereitelt.

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ANTON (sanfter). War dir, du wärst ein Köhler? Köhlers Kunst ist Feuer niederhalten, nicht anfachen! Gib Antwort!
(Sigismund schüttelt den Kopf.)
ANTON. Hast gemeint, du wärst ein Schmied? Blasbalg treten, Eisen schlagen? willst so hoch hinaus?
(Sigismund schüttelt den Kopf.)
ANTON. [...] Hast wollen schlafen gehen, Licht auslöschen? — da hast vergessen wie man tut, hast den Kien ins Stroh gesteckt, hast gemeint, so löscht man ihn aus? Darauf hast dir einen Schüppel Haar ausgerissen, haben gebrannt lichterloh und gestunken wie dem Teufel sein Huf? Ja?
SIGISMUND. Groß war mein Feuer!
ANTON. O du gspaßer Vogel! wie deine Haar verbrannt waren, hast das Gewand ausgezogen, dem Lohfeuer nachgeschmissen, hast geschrien: Feuer zieh die Hosen an, damit dich niemand glanzen sieht

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SIGISMUND (schnell). Mein Vater war im Feuer.
ANTON. Wie hat er denn ausgschaut? Ein Feuergesich, ein rauchiger Mantel, ein blaulodernder Bauch und glühende Schuh?
SIGISMUND (sieht weg). Mein Vater hat kein Gesicht!
ANTON. Feuernärrischer Lapp, einen Tunker hast gmacht am Stroh, und die Glut hat dir die Haar versent: geträumt hat dir das Übrige.
SIGISMUND. Mir hat nicht geträumt! Das Feuer war da und ich war da, so hab ich das Feuer gesehen und das Feuer hat mich gesehen.

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ANTON. Aufräumen jetzt! Bist ein Mensch? der graust sich, wenn ein Zimmer ausschaut wie dem Teufel seine Bettstatt.
SIGISMUND (angstvoll). Anton, was ist denn das: ein Mensch — wie ich ein Mensch bin?
ANTON (gießt ihm Wasser ins Becken). Da, wasch dir dein Gesicht, so kommst auf andere Gedanken.

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BÄUERIN. Hab dein Leiden lieb'! reiß' heraus aus dir und opfers Ihm auf unter seine blutigen Füß!
SIGISMUND. Ich kann mein Leiden nicht ausreißen aus mir! ist alles eins mit mir! bleibt dann nichts drin!

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BÄUERIN. Auf die Augen! Schau hin! verlassen vom Vater im Himmel! Mit Dornen gekrönt, mit Ruten geschlagen, ins Gesicht gespien die Kriegsleut! erschau das!
SIGISMUND. Umgekehrt! hat frei herumgehen dürfen! auf einem Schiff fahren! Hochzeit mitessen! Burg einreiten aufm Palmesel und alle gejubelt um ihn!
BÄUERIN. Schau hin, Bock du, widerspenstiger! Dahin hat ihn 's Schiff gefahren! dahin hat ihn die Eselin getragen! Nägel durch die Händ! die Knöchel durchschlagen! den Leib angestochen! Fest die Augen auf ihn! an ihn denken bei Tag und Nacht oder du gehst verloren!

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(Sigismund verhält sich die Augen mit der Hand. Bäuerin tritt hart an ihm).
SIGISMUND (schreit auf). Mutter, erzürne mich nicht! Ah!
(Bäuerin tritt zurück.)
SIGISMUND. Keinen Leib an meinen Leib! Messer und Ketten, Prügel und Stein, aber keinen Leib.

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ANTON. Schaun doch Euer Gnaden, wie sanft er ausschaut! (Kniet bei Sigismund, streichelt ihm die Füße.) Sieht denn Euer Gnaden nicht, er hat einen Heiligenschein überm Gesicht! o du heiliger verklärter Marterer du!
[...] (Sigismund schlägt die Augen auf.) [...]
SIGISMUND (richtet sich auf, geht gegen vorne). Welche Versammlung von Gedanken in mir. Mächtig stehen sie in meiner Brust, wie geharnischte Könige.
ANTON. Jetzt hat der so martialische Gedanken!
SIGISMUND (mit einem lächelnden Ausdruck). Ich habe geklagt, daß mein Vater verborgen sei. (Er lacht leise.) Mein Vater ist ja bei mir. Der Mensch erkennt schwer, was ihm nahe ist: er sieht die Mauern, aber er sieht nicht, wer im Zimmer ist. [...]
ANTON. Jetzt redt der Bub so schön, wie ausm Büchl!

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SIGISMUND. Der Mensch ist eine einzige Herrlichkeit, und er hat nicht zu viel Leiden und Schmerzen, sondern ihrer zu wenig: Das sage ich euch!

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JULIAN. Hier ist Alles! Was dieses Wort bedeutet, kannst du nicht ermessen — aber indem du es vernimmst, ahndet dir viel. — Du bist weise: du willst die Welt nicht anders als sie ist. Jeden Augenblick nimmst du, wie er ist, möchtest nichts verändern — weil du gelernt hast: zu wissen.

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JULIAN (packt vollends die Kleider aus und reicht sie Sigismund hin). Schnell! schnell! Ich habe in deinem Namen die Schlachta[polnischer Adel] aufgeboten! und die Nackigten aus den Erdhöhlen ans Licht gestampft! Nimm! Zieh an! Wir reiten!
SIGISMUND. Ich verstehe was du willst, aber ich will nicht. Ich stehe fest und du bringst mich nicht von der Stelle. Ich habe mit deinen Anstalten nichts zu schaffen.

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OLIVIER. Tritt vor, Kreatur. Bist du deiner Sinne mächtig und willens, deines Vaters Blut aus einem silbernen Humpen zu trinken?
(Sigismund antwortet nicht.)
OLIVIER. Haben Sie dir dein Hirn aus dem Schädel kastriert? Vermagst du zu erkennen, was man dir hinhält? [...] Du Erzkreatur, du epileptische?

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SIGISMUND (tritt an Julians Bette). Er ist tot. — Und du (zu Anton) bleibe bei mir und fürchte dich nicht. Auch der Hund will zuweilen gestreichelt sein, geschweige denn der Mensch. Also lasset diesen in Frieden.
OLIVIER. Du Malefizschindaasvogel mit Teufelsflügeln! Hab ich dich dazu, daß du mir Insubordination prästierst[Ungehorsam leisten] unter meinen Augen?
SIGISMUND (sieht ihn ruhig an). Du hast mich nicht. Denn ich bin für mich. Du siehst nicht einmal, denn du vermagst nicht zu schauen.
OLIVIER.

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EINER VOM VOLK (zu Sigismund, mit Ehrerbietung). Wir sind bei dir! Sprich zu uns!
[...]
EINER. Er fürchtet sich vor uns!
MEHRERE. Fürchtest du dich Herr?
EINER. Sprich zu uns!
EIN ANDERER. Wenn er schreien wollte, würde uns allen die Seele bersten wie ein Sack. Weckt ihn nicht auf. Er ist scheintot.
EINE ALTE [BLINDE] FRAU. Ich sehe ihn!
[...]
SIGISMUND. Mutter, komm zu mir.
(Mehrere bringen goldgestickte Gewänder, eine Dalmatika, goldene Schuhe, — — eine goldene Krone.)
EINER. Sie wollen ihn bekleiden mit goldenen Gewändern!
EINER (mit dem Gewand). Will unser König gestatten, daß wir bekleiden?
EIN ALTER. Laß dich bekleiden. Wir haben es genommen vom Altar weg und wollen es dir mit Ehrerbietung umhängen.
(Sie bekleiden ihn.)
[...]
EIN ANDERER. Bleib bei uns! Harre aus bei uns!
SIGISMUND (vor sich, halblaut). Ich aber werde mit euch hinausgehen.
EINER. Er spricht zu uns!
EIN ANDERER. Bleib bei uns!
EIN ANDERER. Daß wir nicht sterben, o Herr!
INDRIK, DER SCHMIED. Machet eine Gasse, damit alle die draußen stehen, ihn sehen können. Öffnet, damit alle ihn sehen können!
(Es geschieht.)
SIGISMUND. Tretet bei Seite. — — Ich spüre ein weites offenes Land. Es riecht nach Erde und Salz. Dort werde ich hingehen.
EINER. Wir wollen einen Wagen rüsten und zwölf Paar Ochsen vorspannen. Auf dem sollst du fahren und eine Glocke soll läuten auf deinem Wagen als wärst du eine Kirche auf Rädern.

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DIE HERREN. Gewähre die Krönung! Gewähre, o Herr! — Es lebe unser gekrönter König!
SIGISMUND. Halt! Ich will nicht Herr sein in Formen, die euch gewohn und genehm sind, sondern in denen, die euch erstaunen.

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SIGISMUND (schlägt die Augen auf). Was weckt mich noch einmal!
(Der Kinderkönig tritt einen Schritt näher.)
SIGISMUND (für sich). Jemand. (Er richtet seinen Blick auf den Kinderkönig. Sie betrachten einander.)
DER KINDERKÖNIG (noch zwei Schritte nähertretend). Ich weiß deinen Namen und ehre dich nach deinen Taten. Meine blutende Mutter hat ihn mir gesagt, ehe sie mich hieß in den Brunnen steigen, damit ich am Leben bleibe.
SIGISMUND (lächelt). Wer bist du?

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