Literaturbrevier

Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald

RITTMEISTER. Was wissen denn Sie schon vom Weltkrieg, Sie Grünschnabel?! Was Sie in der Schul gelernt haben und sonst nichts!
ERICH. Ist immer noch besser als alten Jüdinnen das Bridgespiel beizubringen!
MATHILDE. Erich!
RITTMEISTER. Ist immer noch besser, als sich von alten Trafikantninnen aushalten zu lassen!
MATHILDE. Herr Rittmeister!
RITTMEISTER. Pardon! Das war jetzt ein Fauxpas! Ein Lapsus linguae — — Er küßt ihre Hand. Bedauerlich, sehr bedauerlich! [...]
MATHILDE. Ruhe, die Leut schaun ja schon!
ERICH. Ich laß mich doch nicht beleidigen!
RITTMEISTER. Mich kann man gar nicht beleidigen! Sie nicht!
MATHILDE. Aber ich bitt euch! Beim Heurigen!
RITTMEISTER. Ich laß mir doch von diesem Preußen keine solchen Sachen sagen. Wo waren denn Ihre Hohenzollern, als unsere Habsburger schon römisch-deutsche Kaiser waren?! Draußen im Wald!
ERICH. Jetzt ist es ganz aus.
RITTMEISTER. Da habens zwanzig Groschen und lassen Sie sich mal den Schopf abschneiden, Sie Kakadu!

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ERICH tritt aus der Puppenklinik; er grüßt korrekt: Verzeihen, Gnädigste! Ich möchte Sie nur darauf aufmerksam machen, daß wir uns jetzt wahrscheinlich das letztemal sehen — — —
MATHILDE. Hoffentlich!
ERICH. Ich fahre nämlich morgen früh — — für immer.
MATHILDE. Glückliche Reise!
ERICH. Danke! Er grüßt wieder korrekt und will ab.
MATHILDE plötzlich: Halt!
ERICH. Zu Befehl?
Stille.
MATHILDE. Wir wollen uns nicht so Adieu sagen — — Komm, geben wir uns die Hand — — trennen wir uns als gute Kameraden — —
ERICH. Gut. Er gibt ihr die Hand; zieht dann ein Notizbuch aus der Tasche und blättert darin. Hier steht es genau notiert. Soll und Haben, die ganze Summe — — jede Zigarette.
MATHILDE freundlich: Ich brauch deine Zigaretten nicht —
ERICH. Ehrensache!
MATHILDE nimmt seine Hand, in der er das Notizbuch hält und streichelt sie: Du bist halt kein Psychologe, Erich — — Sie nickt ihm freundlich zu und langsam ab in die Puppenklinik.
ERICH sieht ihr nach; ist nun allein: Altes fünfzigjähriges Stück Scheiße — — Ab

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MATHILDE. Mariann! Hier wird jetzt versöhnt!
MARIANNE deutet auf Alfred: Aber nicht mit dem!
MATHILDE. Auch mit dem! Alles oder nichts! Auch das ist doch nur ein Mensch!
ALFRED. Ich danke dir.
MARIANNE. Gestern hast du noch gesagt, daßt er ein gemeines Tier ist.
MATHILDE. Gestern war gestern und heut ist heut und außerdem kümmer dich um deine Privatangelegenheiten.
ALFRED. Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt.
OSKAR zu Marianne
    Denn so lang du dies nicht hast
    Dieses Stirb und Werde!
    Bist du noch ein trüber Gast
    Auf der dunklen Erde!
MARIANNE grinst: Gott, seid ihr gebildet — —
OSKAR. Das sind doch nur Kalendersprüch!
MATHILDE. Sprüch oder nicht Sprüch! Auch das ist doch nur ein Mensch mit all seinen angeborenen Fehlern und Lastern —

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DIE GROSSMUTTER. Vielleicht ist es ihr gar nicht so entsetzlich — — ich meine jetzt deine Fräulein Mariann — — Man kennt ja diese Sorte Fräuleins — — vielleicht wird das Fräulein sogar zufrieden sein, daß sie es los hat — —
DIE MUTTER. Mama! Bist du daneben?!
DIE GROSSMUTTER. Was fällt dir ein, du Mistvieh?!
DIE MUTTER. Was fällt ir ein, du Ungeheuer?! Das Fräulein ist doch auch nur eine Mutter, genau wie du!!
DIE GROSSMUTTER kreischt: Vergleich mich nicht mit ihr! Ich hab mein Kind in Ehren geboren oder bist du ein unehelicher Schlampen?!

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DER HIERLINGER FERDINAND. Das ist eine junge Dame, die ein starkes Interesse an der rhythmischen Gymnastik hat — ich hab sie der Baronin bereits avisiert. Darf ich bekannt machen —
HELENE unterbricht ihn: Oh, sehr angenehm! Ich kann Sie ja leider nicht sehen, aber Sie haben eine sympathische Hand. — So lassens mir doch Ihre Hand, Sie Fräulein mit der Hand —
DER HIERLINGER FERDINAND. Die Komteß Helen kann nämlich ganz exorbitant handlesen.
Stille.
MARIANNE. Was hab ich denn für eine Hand?
HELENE hält noch immer ihre Hand fest: Das ist nicht so einfach, liebes Kind, wir Blinden müssen uns nämlich nach dem Tastgefühl orientieren. — Sie haben noch nicht viel hinter sich, mehr vor sich —
MARIANNE. Was denn?
BARONIN mit kosmetischer Gesichtsmaske tritt unbemerkt ein und lauscht.
HELENE. Ich möcht fast sagen, das ist eine genießerische Hand. — Sie haben doch auch ein Kind, nicht?
MARIANNE. Ja.
DER HIERLINGER FERDINAND. Fabelhaft! Fabelhaft!
HELENE. Bub oder Mädel?
MARIANNE. Bub.
Stille.
HELENE. Ja, Sie werden noch viel Freud haben mit dem Buben — der wird schon noch was Richtiges —
MARIANNE lächelt: Wirklich?
BARONIN. Helen! Was treibst denn da schon wieder für einen Unsinn! Bist doch keine Zigeunerin! Schau lieber, daß du nicht wieder das Klosett verstopfst, mein Gott, ist das da draußen eine Schweinerei! Du und Handlesen! Ist ja paradox!

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ALFRED. Keine Ahnung! Und dann fehlt mir auch das Kapital —
Stille.
VALERIE. Wenn ich Zeit hab, werd ich dich bedauern.
ALFRED. Möchst, daß es mir schlecht geht?
VALERIE. Gehts dir denn rosig?
ALFRED. Möchst das hören?

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OSKAR. Gott gibt und Gott nimmt.
MARIANNE. Mir hat er nur genommen, nur genommen —
OSKAR. Gott ist die Liebe, Mariann — und wen er liebt, den schlägt er —
MARIANNE. Mich prügelt er wie einen Hund!
OSKAR. Auch das! Wenn es nämlich sein muß.

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