Literaturbrevier

Eugène Ionesco: Die Stühle

FRAU. ... du bist doch nicht zerschlagen, du bist doch nicht verloren. Du sagst ihnen alles, du erklärst alles. Du hast eine Botschaft ... Du sagst immer, du würdest es ihnen sagen ... Man muß leben. Du mußt für deine Botschaft kämpfen.
MANN. Ich habe eine Botschaft, es ist wahr. Ich kämpfe eine Mission, ich habe etwas im Bauch. Eine Botschaft, die ich der Menschheit verkünden muß, der ganzen Menschheit ...
FRAU. Eine Botschaft für die Menschheit, mein Schätzchen.
MANN. Es ist wahr. Ja, es ist wahr...

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FRAU. Es ist eine heilige Pflicht. Du hast kein Recht, deine Botschaft zu verschweigen. Du mußt sie den Menschen mitteilen, sie warten darauf ... das Universum wartet bloß noch auf dich.

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FRAU. Doch, es ist wahr, in seinem Alter sollte er sich mehr Ruhe gönnen.
MANN. Im Grabe habe ich genug Zeit, mich auszuruhen.

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MANN. Ein Held muß höflich sein, wenn er ein ganzer Held sein will.

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MANN. Herr Oberst, ich habe Ihnen doch schon oft gesagt, man nimmt die Wahrheit, wo man sie gerade findet.

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MANN (heult vor Rührung). Majestät! Oh, meine Majestät. Meine kleine, meine große Majestät! Oh, welch große Gnade ... es ist ein wunderbarer Traum ...
FRAU (wie ein Echo). ... wunderbarer Traum ... derbarer ...
MANN (zur unsichtbaren Menge). Meine Damen, meine Herrschaften, erheben Sie sich! Unser vielgeliebter Herrscher, der Kaiser, weilt unter uns. Hurra! Hurra! (Er steigt auf den Schemel, stellt sich auf die Zehenspitzen, um den Kaiser besser zu sehen. Die Alte[, die Frau], auf ihrer Seite, desgleichen)
FRAU. Hurra! Hurra! [...]
MANN. Eure Majestät! Ich bin da. Eure Majestät! Hören Sie mich? Sehen Sie mich? Sagt doch Eurer Majestät, daß ich hier bin. Majestät! Majestät! Ich bin hier, Euer alleruntertänigster Diener!
FRAU. Euer alleruntertänigste Dienerin, Majestät.
MANN. Euer Diener, Euer Sklave. Euer Hund, wau-wau, Euer Hund, Majestät.
FRAU (bellt ganz laut wie ein Hund). Wau ... wau ... wau ...

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