Literaturbrevier

Johann Georg Jacobi: Briefwechsel

[Von Hebbel über Jacobis Briefwechsel:]
Jacobi und Wieland gründen miteinander den Deutschen Merkur[Verlag], Wieland lobt darin Nicolais Notanker und wird darüber von Jacobi zur Rede gesetzt, weil sein Bruder darin als Karikatur vorkomme. Anfangs entschuldigt sich Wieland mit Unwissenheit, gibt das Karikierte im »Säugling« aber zu und glaubt, alles sei damit abgetan, daß er sich einmal über das andere einen dummen Teufel nennt. Als er damit jedoch nicht durchkommt, dreht er sich, erklärt den »Säugling« für den edelsten Charakter des ganzen Romans und meint, wenn er nicht Wieland wäre, so mögte er nur noch »Säugling« sein.

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[wie oben:]
Wieland schreibt Jacobi (p 206) einen sehr vernünftigen Brief über die Unmöglichkeit, zugleich mit ihm, mit Klopstock und Goethe, intim zu sein und sagt über Klopstock: »Er verachtet mich und glaubt, ich hasse ihn. Da tut er unrecht. Kl.[opstock] ist für mich der Mann im Mond, oder im Hundstern, ein Wesen, wovon ich nichts begreife.[«]

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[wie oben:]
p. 219 verteidigt er[Wieland] ein triviales Produkt seiner Feder, die Dialoge des Pfarrers zu — gegen Jacobi. »Wenn dies nur soviel sagen will: Sie ärgern sich darüber, daß ich in der Notwendigkeit sein konnte, diese Dialoge zu schreiben, d'accord[einverstanden]. Denken Sie aber, ich hätte sie nicht schreiben sollen, so haben Sie wahrhaftig unrecht. Die Wirkung, die sie bereits in Deutschland tun, ist erstaunlich. Alle mittelmäßige Leute — welche Zahl — alle gute, ehrliche, nüchterne Seelen strömen nun in voller Flut wieder auf meine Seite; die Nikodemen, die aus Furcht vor den Juden nur heimliche Jünger waren, gestehens jetzt überlaut, das Öchslein und das Eselein erkennen Gott den Herren fein und die Menge der Heerscharen, Krethi und Plethi, Ohim und Zihim, die sinds, die den zeitlichen Ruhm, Ansehen und Glück eines lebenden Autors entscheiden.«

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[wie oben:]
p. 418 ein vortrefflicher Ausspruch von Jacobi an Lavater. »Man läuft am wenigsten Gefahr, sich zu verirren, wenn man nur immer den Wurzeln der Wörter so tief, wie möglich, nachgräbt. Ich habe für mich keine andere Art, zu philosophieren und glaube alles auf Grammatik reduzieren zu können.«

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[über Rousseau:]
Die Fortsetzung der Confessions hast du gewiß gelesen. Wie lehrreich und wie abscheulich! Und der eitle Geck ist darauf gestorben, daß er der beste unter allen Menschen sei.

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Als man Lessing vorwarf, daß er wider Götz schrieb, da doch Götzens Publ. nicht seine und sein Publikum nicht Götzens Schriften läse, antwortete er: das weiß ich wohl, aber zwischen beiden ist ein Publikum in der Mitte. Das will ich haben.

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[Hebbel über den Briefwechsel:]
p. 162 macht Jacobi in seinem Brief an Claudius eine feine Bemerkung. »Frage Dich selbst, frage jeden gut gescahffenen Menschen, ob bei der ersten Anregung von Liebe ein Gedanke an sinnliche Lust sich ihm nahen konnte. Die Feindschaft zwischen Fleisch und Geist manifestiert sich ursprünglich hier am auffallendsten, wo beide nachher in den größten Kampf miteinander zu geraten pflegen.« (Gewiß unwidersprechlich.)

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Lessing: »Meinen Faust soll der Teufel holen, aber den Goetheschen der meinige.«

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[Kant zu Hamann, Korrespondent Jacobis, über eine neue Schrift]:
Nichts klar, aber schön geschrieben, man liest es mit Vergnügen. Ich müßte mir es erst in Gedanken übersetzen, um es zu verstehen.

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Glaube hat Vernunft ebenso nötig, als diese jenen. Philosophie ist aus Idealismus und Realismus, wie unsere Natur aus Leib und Seele zusammengesetzt. Nur die Schulvernunft teilt sich in Idealismus und Realismus.

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Empfindung kann in der menschlichen Natur ebensowenig von Vernunft, als diese von der Sinnlichkeit geschieden werden. Die Bejahung identischer Sätze schließt zugleich die Verneinung widersprechender Sätze in sich.

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