Literaturbrevier

Søren Kierkegaard: Tagebuch des Verführers

Hat man geträumt, dann kann man anderen seinen Traum erzählen, sie aber hatte ja keinen Traum zu erzählen, es war ja Wirklichkeit, und doch war es nichts, sobald sie es einem anderen sagen, ihr kummervolles Gemüt erleichtern wollte.

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und man ist doch nur schüchtern, wenn man gesehen wird — und gesehen wird man nur, wenn man selber sieht —

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Verdammter Zufall! Nie habe ich dich verflucht, weil du dich zeigtest, ich verfluche dich, weil du dich gar nicht zeigst.

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Vielleicht wohnt sie gar nicht in dieser Stadt, vielleicht ist sie vom Lande, vielleicht, vielleicht, all diese Vielleichts können mich rasend machen, und je rasender ich werde, um so mehr Vielleichts.

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Überhaupt kann ich jedem Mädchen, das sich mir anvertrauen möchte, eine vollkommen ästhetische Behandlung zusichern — nur endet es damit, daß sie betrogen wird; aber auch das steht in meiner Ästhetik, denn entweder betrügt das Mädchen den Mann oder der Mann das Mädchen.

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Meine Cordelia!

Mein — was will dieses Wort bezeichnen? Nicht was mir gehört, sondern wem ich gehöre, was mein ganzes Wesen umschließt, was mein ist, indem ich ihm gehöre. Mein Gott ist ja nicht der Gott, der mir gehört, sondern der Gott, dem ich gehöre, und so ist es auch, wenn ich sage: mein Vaterland, mein Heim, mein Beruf, meine Sehnsucht, meine Hoffnung.

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