Literaturbrevier

Heinrich von Kleist: Penthesilea

PENTHESILEA. Flieht, wenn ihr wollt.
PROTHOE. Du willst —?
MEROE. Du säumst —?
PROTHOE. Du willst —?
PENTHESILEA. Ich will hier bleiben.
PROTHOE. Wie, Rasende!
PENTHESILEA. Ihr hört's. Ich kann nicht stehen.
Soll das Gebein mir brechen? Lasst mich sein.
PROTHOE. Verlorenste der Fraun! Und der Pelide,
Er naht, du hörst, im Pfeilschuss —
PENTHESLIEA. Lasst ihn kommen.
Lasst ihn den Fuß gestählt, es ist mir recht,
Auf diesen Nacken setzen. Wozu auch sollen
Zwei Wangen länger, blühend wie diese, sich
Vom Kot, aus dem sie stammen, unterscheiden?

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PENTHESILEA. Den Ida will ich auf den Ossa wälzen,
Und auf die Spitze ruhig bloß mich stellen.
[...]
MEROE. Gesetzt nun du vollbrächtest dieses Werk —?
PROTHOE. Gesetzt was würdest du —?
PENTHESILEA. Blödsinnige!
Bei seinen goldnen Flammenhaaren zög ich
Zu mir hernieder ihn —
PROTHOE. Wen?
PENTHESILEA. Helios,
Wenn er am Scheitel mir vorüberfleucht! [...]
DIE OBERPRIESTERIN. Reißt mit Gewalt sie fort!
PENTHESILEA (schaut in den Fluss nieder). Ich, Rasende!
Da liegt er mir zu Füßen ja! Nimm mich —
(Sie will in den Fluss sinken, Prothoe und Meroe halten sie.)
[Die Sonne spiegelt sich im Wasser wider]

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ACHILLES (aufrufend, da sich die Königin sträubt.)
Penthesilea!
PENTHESILEA. O Neridensohn!
Du willst mir nicht nach Themiscyra folgen?
Du willst mir nicht zu jenem Tempel folgen,
Der aus den fernen Eichenwipfeln ragt?
Komm her, ich sagte dir noch alles nicht —
ACHILLES (nun völlig gerüstet, tritt vor sie und reicht ihr die Hand). Nach Phtia, Kön'gin.
PENTHESILEA. O! — Nach Themiscyra!
O! Freund! Nach Themiscyra, sag ich dir,
Wo Dianas Tempel aus den Eichen ragt!
Und wenn der Sel'gen Sitz in Phtia wäre,
Doch, doch, o Freund! nach Themiscyra noch,
Wo Dianas Tempel aus den Wipfeln ragt!
ACHILLES (indem er sie aufhebt).
So musst du mir vergeben, Teuerste;
Ich bau dir solchen Tempel bei mir auf.

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