Literaturbrevier

Karl Kraus: Aphorismen

Frauenkunst: Je besser das Gedicht, desto schlechter das Gesicht.

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Es gibt Frauen, die nicht schön sind, sondern nur so aussehen.

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Auf die Frage, ob er denn wisse, was »unschicklich«sei, hat einmal ein kleiner Junge geantwortet: »Unschicklich ist, wenn jemand dabei ist.« Und der erwachsene Gesetzgeber möchte immer dabei sein!

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Die sterile Lust des Mannes nährt sich an dem sterilen Geist des Weibes. Aber an weiblicher Lust nährt sich der männliche Geist. Sie schafft seine Werke. Durch all das, was dem Weib nicht gegeben ist, bewirkt es, daß der Mann seine Gaben nütze. Bücher und BIlder werden von der Frau geschaffen — nicht von jener, die sie selbst schreibt und malt. Ein Werk wird zur Welt gebracht: hier zeugte das Weib, was der Mann gebar.

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Friseurgespräche sind der unwiderlegliche Beweis dafür, daß die Köpfe der Haare wegen da sind.

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Nur eine Sprache, die den Krebs hat, neigt zu Neubildungen.

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Man glaubt gar nicht, wie schwer es oft ist, eine Tat in einen Gedanken umzusetzen!

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Wenn man vom Sklavenmarkt der Liebe spricht, so fasse man ihn doch endlich auf: die Sklaven sind die Käufer.

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Eine untrügliche Probe der Dummheit: Ich frage einen Diener, um welche Zeit gestern ein Besuch da war. Er sieht auf seine Uhr und sagt: »Ich weiß nicht, ich hab' nicht auf die Uhr gesehn!«

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Leidenschaften können Musik machen. Aber nur wortlose Musik. Darum ist die Oper ein Unsinn. Sie setzt die reale Welt voraus und bevölkert sie mit Menschen, die bei einer Eifersuchtsszene, bei Kopfschmerz, bei einer Kriegserklärung singen, ja sterbend selbst auf die Koloratur nicht verzichten.

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Kosmetik ist die Lehre vom Kosmos des Weibes.

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Die Weiber haben wenigstens Toiletten. Aber womit decken die Männer ihre Leere?

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Kunstwerke sind überflüssig. Es ist zwar notwendig, sie zu schaffen, aber nicht, sie zu zeigen. Wer Kunst in sich hat, braucht den fremden Anlaß nicht. Wer sie nicht hat, sieht nur den Anlaß. Dem einen drängt sich der Künstler auf, dem andern prostituiert er sich. In jedem Fall sollte er sich schämen.

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Die Frau spürt die Schmerzen nicht, die der Mann ihr zufügt. Der Mann sogar die.

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Omne animal triste. Das ist die christliche Moral. Aber auch sie nur post, nicht propter hoc.

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Liebe soll Gedanken zeugen. In der Sprache der Gesellschaftsordnung sagt die Frau: was werden Sie von mir denken!

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Moralische Verantwortung ist das, was dem Mann fehlt, wenn er es von der Frau verlangt.

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Auch die Dummheit hat Ehre im Leid, und sie wehrt sich sogar heftiger gegen den Spott, als die Gemeinheit gegen den Tadel. Denn diese weiß, daß die Kritik recht hat; jene aber glaubt's nicht.

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In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.

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Es gibt zwei Arten von Schriftstellern. Solche, die es sind, und solche, die es nicht sind. Bei den ersten gehören Inhalt und Form zusammen wie Seele und Leid, bei den zweiten passen Inhalt und Form zusammen wie Leib und Kleid.

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Solange die Frauenrechtsbewegung besteht, sollten es sich die Männer wenigstens zur Pflicht machen, die Galanterie einzustellen. Man kann es heute gar nicht mehr riskieren, einer Frau auf der Straßenbahn Platz zu machen, weil man nie wissen kann, ob man sie nicht beleidigt und in ihren Ansprüchen auf den gleichen Anteil an den Unannehmlichkeiten des Daseins verkürzt. Dagegen sollte man sich gewöhnen, gegen die Feministen in jeder Weise ritterlich und zuvorkommend zu sein.
[Oder eben nicht!]

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Ein selbstbewußter Künstler hätte dem Fiesko zugerufen: Ich habe gemalt, was du nur tatest!

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In der literarischen Arbeit finde ich Genuß, und der literarische Genuß wird mir zu Arbeit. Um das Werk eines anderen Geistes zu genießen, muß ich mich erst kritisch dazu anstellen, also die Lektüre in eine Arbeit verwandeln. Darum werde ich noch immer liebe und leichter ein Buch schreiben als lesen.

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Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen?

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Wohl hat das Grinzinger Bachl Beethoven zur Pastoral-Symphonie angeregt. Das beweist aber nichts für das Grinzinger Bachl und alles für Beethoven. Je kleiner die Landschaft, desto größer kann das Kunstwerk sein, und umgekehrt. Aber zu sagen, die Stimmung, die der Bach einen beliebigen Spaziergänger vermittelt, sei eins mit der Stimmung, die der Hörer von der Symphonie empfängt, ist töricht. Sonst könnte man ja auch sagen, der Geruch von faulen Äpfeln gebe uns Schillers Wallenstein.

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Nichts ist engherziger als Chauvinismus und Rassenhaß. Mir sind alle Menschen gleich, überall gibt's Schafsköpfe und für alle habe ich die gleiche Verachtung. Nur keine kleinlichen Vorurteile!

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Sozialpolitik ist der verzweifelte Entschluß, an einem Krebskranken eine Hühneraugenoperation vorzunehmen.

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Der Spiegel dient bloß der Eitelkeit des Mannes; die Frau braucht ihn, um sich ihrer Persönlichkeit zu versichern.

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Ist eine Frau im Zimmer, ehe einer eintritt, der sie sieht? Gibt es das Weib an sich?

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Talent ist oft ein Charakterdefekt.

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»Gut schreiben« ohne Persönlichkeit kann für den Journalismus reichen. Allenfalls für die Wissenschaft. Nie für die Literatur.

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Eine umfassende Bildung ist eine gut dotierte Apotheke.

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Man muß jedesmal so schreiben, als ob man zum ersten und zum letzten Male schriebe. So viel sagen, als ob's ein Abschied wäre, und so gut, als bestände man ein Debüt.

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Feuilletonisten und Friseure haben gleich viel mit den Köpfen zu schaffen.

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Der Mensch denkt, aber der Nebenmensch lenkt. Er denkt nicht einmal so viel, daß er sich denken könnte, daß ein anderer denken könnte.

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Es gibt keine Erzeuger mehr, es gibt nur mehr Vertreter.

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An allen Geschäften des Lebens ist das Weib mit seinem Geschlecht beteiligt. Zuweilen selbst an der Liebe.

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Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben.

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Ein armseliger Hohn, der sich in Interpunktionen austobt und Rufzeichen, Fragezeichen und Gedankenstriche als Peitsche, Schlingen und Spieße verwendet.

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Der Naturalismus der Szene läßt wirkliche Uhren schlagen. Darum vergeht einem die Zeit so langsam.

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Sinnlichkeit des Weibes lebt so wenig vom Stoff wie männliche Künstlerschaft. Je nichtiger der Anlaß, desto größer die Entfaltung. Der Geist ist an kein Standesvorurteil gebunden und die Wollust hat Perspektive.

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Ich kann mich so bald nicht von dem Eindruck befreien, den ich auf eine Frau gemacht habe.

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Weil er tieferen Grund hat, scheint er grundlos zu sein.

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Wenn einer sich wie ein Vieh benommen hat, sagt er: Man ist doch auch nur ein Mensch! Wenn er aber wie ein Vieh behandelt wird, sagt er: Man ist doch auch ein Mensch!

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Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können — das macht den Journalisten.

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Die Liebe der Geschlechter ist in der Theologie eine Sünde, in der Jurisprudenz ein unerlaubtes Verständnis, in der Medizin ein mechanischer Insult, und die Philosophie gibt sich mit so etwas überhaupt nicht ab.

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Weibeslust liegt neben der männlichen wie ein Epos neben einem Epigramm.

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Effekt, sagt Wagner, ist Wirkung ohne Ursache. Kunst ist Ursache ohne Wirkung.

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Es empfiehlt sich, Herren, die das Angebot einer Zigarre mit dem Satz beantworten: »Ich sage nicht nein«, sofort totzuschlagen. Es könnte nämlich sonst der Fall eintreten, daß sie auf die Frage, wie ihnen eine Frau gefalle, die Antwort geben: »Ich bin kein Kostverächter.«

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Die Hand über die Augen — das ist die einzige Tarnkappe dieser entzauberten Welt. Man sieht zwischen den Fingern alle, die sich nähern wollen, und ist geschützt. Denn sie glauben einem das Nachdenken, wenn man die Hand vorhält. Sonst nicht.

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Ein Schein von Tiefe entsteht oft dadurch, daß ein Flachkopf zugleich ein Wirrkopf ist.

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Weil beim Mann auf Genuß Verdruß folgen muß, muß folgen, daß beim Weib auf Treue Reue folgt.

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Der Gedankenlose denkt, man habe nur dann einen Gedanken, wenn man ihn hat und in Worte kleidet. Er versteht nicht, daß in Wahrheit nur der ihn hat, der das Wort hat, in das der Gedanke hineinwächst.

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Ich mische micht nicht gern in meine Privatangelegenheiten.

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Der Künstler hat außerhalb des Schaffens nur seine Nichtswürdigkeit zu erleben.

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Bildung ist eine Krücke, mit der der Lahme den Gesunden schlägt, um zu zeigen, daß er auch bei Kräften sei.

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Erröten, Herzklopfen, ein schlechtes Gewissen — das kommt davon, wenn man nicht gesündigt hat.

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Man kann eine Frau nicht hoch genug überschätzen.

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Eine Frau muß so gescheit aussehen, daß ihre Dummheit eine angenehme Überraschung bedeutet.

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Ich kann beweisen, daß es doch das Volk der Dichter und Denker ist. Ich besitze einen Band Klosettpapier, der in Berlin verlegt ist und auf jedem Blatt ein zur Situation passendes Zitat aus einem Klassiker enthält.

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Ein Gedicht ist so lange gut, bis man weiß, von wem es ist.

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Manche Talente bewahren ihre Frühreife bis ins späte Alter.

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Wie einer lügt, kann manchmal wertvoller sein als daß ein anderer die Wahrheit sagt.

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Umgangssprache entsteht, wenn sie mit der Sprache nur so umgehn; wenn sie sie wie das Gesetz umgehen; wie den Feind umgehen; wenn sie umgehend antworten, ohne gefragt zu sein.

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Vieles, was bei Tisch geschmacklos ist, ist im Bett eine Würze. Und umgekehrt. Die meisten Verbindungen sin ddarum so unglücklich, weil diese Trennung von Tisch und Bett nicht vorgenommen wird.

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