Literaturbrevier

Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister

MAJOR. Alle Tage ist sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die Gnade tun wollte, dass ich sie noch vor meinem Ende mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range versorgt sähe, — denn keinen andern soll sie sein Lebtage bekommen, — so wollt' ich gern ein zehn Jahr eher sterben.

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GUSTCHEN. Gleich nach dem Kaffee Fritzchen reisen wir und sowie der Wagen dir aus den Augen verschwind't, werd ich dir auch schon aus dem Gedächtnis sein.
FRITZ. So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich dich vergesse.

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GEH. RAT. Mögen die Elenden, die ihre Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich im Käficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter, ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den Tod nicht so scheuen sollt als eine Handlung, die wider seine Grundsätze läuft...

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LÄUFFER. Überhaupt werd ich Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, dass es Ihnen auf die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht anzunehmen.
GUSTCHEN. Herr Läuffer —
LÄUFFER. Lassen Sie mich — Ich muss sehen, wie ich das elende Leben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verboten ist —

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MAJORIN. Deine Dochter — Der Hofmeister. — Lauf! (Fällt in Ohnmacht.)
MAJOR. Hat er sie zur Hure gemacht? (Schüttelt sie.) Was fällst du da hin; jetzt ist's nicht Zeit zum Hinfallen. Heraus mit, oder das Wetter soll dich zerschlagen. Zur Hure gemacht? Ist's das? — Nun so werd denn die ganze Welt zur Hure und du Berg nimm die Mistgabel in die Hand — (Will gehen.)
GEH. RAT (hält ihn zurück). Bruder, wenn du dein Leben lieb hast, so bleib hier — Ich will untersuchen — Deine Wut macht dich unmündig.

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Wenzeslaus und Läuffer an einem ungedeckten Tisch speisend.
WENZESLAUS. Schmeckt's? Nicht wahr, es ist ein Abstand von meinem Tisch und des Majors? Aber wenn der Schulmeister Wenzeslaus seine Wurst isst, so hilft ihm das gute Gewissen verdauen, und wenn der Herr Mandel Kapaunenbraten mit der Champignonsauce aß, so stieß ihm sein Gewissen jeden Bissen, den er hinabschluckte, mit der Moral wieder in Hals zurück;

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WENZESLAUS. dass ich mehr tu als ich soll. Ich soll meinen Buben lesen und schreiben lehren; ich lehre sie rechnen dazu und Lateinisch dazu und mit Vernunft lesen dazu und gute Sachen schreiben dazu.
LÄUFFER. Und was für Lohn haben Sie dafür?
WENZESLAUS. [...] Was für Lohn? Das war dumm gefragt, Herr Mandel. Verzeih Er mir; was für Lohn? Gottes Lohn hab ich dafür, ein gutes Gewissen und wenn ich da vielen Lohn von der Obrigkeit begehren wollte, so hätt ich ja meinen Lohn dahin.

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GUSTCHEN (mit schwacher Stimme). Mein Vater!
MAJOR. Was verlangst du?
GUSTCHEN. Verzeihung.
MAJOR (geht auf sie zu). Ja verzeih' dir's der Teufel, ungeratenes Kind.

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FRITZ. Pätus! Du hast schlecht gehandelt. Er war beleidigter Vater, du hättest ihn schonen sollen.
PÄTUS. Was schimpfte der Schurke?
FRITZ. Schimpfliche Handlungen verdienen Schimpf. Er konnte die Ehre seiner Tochter auf keine andere Weise rächen

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REHAAR. Mit den Studenten ist gut auskommen. Die haben doch noch Honnettetät im Leibe, aber mit den Offiziers — Die machen einem Mädchen ein Kind und kräht nicht Hund oder Hahn nach: das macht, weil sie alle kuraschöse Leute sein, und sich müssen totschlagen lassen. Denn wer Courage hat, der ist zu allen Lastern fähig.

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WENZESLAUS. Schon unter den blinden Juden war eine Sekte, zu der ich mich gern öffentlich bekannt hätte, wenn ich nicht befürchtet, meine Nachbarn und meine Lämmer in der Schule damit zu ärgern: auch hatten sie freilich einige Schlacken und Torheiten dabei, die ich nun eben nicht mitmachen möchte. Zum Exempel, dass sie des Sonntags nicht einmal ihre Notdurft verrichteten, welches doch wider alle Regeln einer vernünftigen Diät ist, und halt ich's da lieber mit unserm seligen Doktor Luther: was hinaufsteigt, das ist für meinen lieben Gott, aber was hinuntergeht, Teufel, das ist für dich — Ja wo war ich?

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