Literaturbrevier

Michail Lermontow: Ein Held unserer Zeit

Unser Publikum ist noch so jung und einfältig, daß es nicht einmal eine gewöhnliche Fabel verstehen kann, wenn nicht an deren Ende eine Lehre angehängt ist.

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Es gibt wahrhaftig solche Menschen, denen es vom Schicksal vorherbestimmt ist, daß ihnen immer die allerungewöhnlichsten Dinge zustoßen!

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Und in der Tat, sie war sehr hübsch: schlank und von hohem Wuchs, mit schwarzen Augen wie die einer Gemse, und einem Blick, als wolle sie Ihnen tief in die Seele hineinschauen.

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Ich entschloß mich dazu, dich zu entführen, denn ich dachte, daß du mich bei näherer Bekanntschaft liebgewinnen würdest.

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Es machte den Eindruck, als führe unser Weg gerade in den Himmel, denn er stieg und stieg, so weit der Blick reichen wollte [...]. Aber es zog durch meine Adern ein eigentümlich beseligendes Gefühl, und eine große Heiterkeit durchdrang mich, weil ich mich so hoch über der Erde befand; ich will nicht bestreiten, daß das vielleicht ein kindliches Gefühl war, allein wir werden ja, wenn wir uns aus den Bindungen der Gesellschaft lösen und uns der Natur nähern, unwillkürlich zu Kindern: alles im Leben Erworbene fällt von der Seele ab, und aufs neue wird sie so, wie sie vormals war und wie sie sicherlich wieder einmal sein wird.

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Als er sich auf die Bank setzte, beugte sich seine gerade Gestalt so sonderbar, als hätter er nicht einen einzigen Knochen im Leibe; aus seiner Haltung sprach eine gewisse Nervenschwäche; er saß so, wie eine dreißjährige Kokette von Balzac nach einem ermüdenden Ball in ihrem weichen Sessel sitzen mag.

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Wir verzeihen ja fast immer das, was wir begreifen.

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Kurz darauf hüpfte meine Undine wieder an mir vorüber; als sie an mir vorbeikam, blieb sie ein wenig stehen und sah mich aufmerksam an, als versetze meine Anwesenheit sie in Erstaunen; dann jedoch wandte sie sich gleichgültig ab und schritt langsam dem Hafen zu. [...] den ganzen Tag über trieb sie sich immer in der Nähe meiner Wohnung herum; ihr Gesang und ihr Springen wollte überhaupt nicht mehr aufhören. Sonderbares Geschöpf! Auf ihrem Antlitz war nicht das geringste Anzeichen des Wahnsinns zu lesen; im Gegenteil: mit einem beinahe verwegenen Scharfblick ruhten ihre Augen auf mir, und es war fast, als seien diese Augen mit magnetischer Gewalt begabt und als erwarteten sie jedesmal, wenn sie auf mir ruhten, eine Frage von mir. Doch sobald ich sie ansprach, lief sie jedesmal mit einem listigen Lächeln fort. [...]
Ihre regelmäßige Nase machte mich verrückt; ich stellte mir vor, Goethes Mignon gefunden zu haben — diese eigenartigste Schöpfung seiner deutschen Phantasie; und in der Tat hatten die beiden viel Ähnlichkeit miteinander: die gleichen schnellen Übergänge von der größten Unruhe zur vollkommenen Unbeweglichkeit, die gleichen rätselhaften Reden, dieselben Sprünge und sonderbaren Lieder...
Als es Abend wurde, gelang es mir, sie in der Tür festzuhalten; ich begann folgendes Gespräch mit ihr:
»Sag mir doch, meine Schönste«,fragte ich, »was tatest du heute auf dem Dache?« — »Ich schaute, von wo der Wind bläst.« — »Warum das?« — »Von wo der Wind bläst, von dort kommt auch das Glück. — »Wie? Wolltest du mit deinem Liede das Glü beschwören?« — »Wo man singt, gibt es Glückliche.« — »Aber wie, wenn du mit deinem Singen am Ende einen Kummer heraufbeschwörst?« — »Was macht's? Wo es nicht besser wird, wird es schlimmer, und vom Schlimmen zum Gutem ist es wiederum nicht weit. « — »Wer hat dich dieses Lied gelehrt?« — »Niemand hat es mich gelehrt; ich singe, was mir einfällt; wer es hören soll, der hört's; und wer es nicht hören soll, der wird es nicht begreifen.« — »Und wie heißt du denn, kleine Sängerin?« — »Wer mich getauft hat, der wird es wissen.« — »Und wer hat dich denn getauft?« — »Woher soll ich das wissen!«

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»Hör mal, was ich von dir weiß.«[, sagte ich zu ihr.] (Ihr Gesicht veränderte sich hierbei nicht, ja sie bewegte nicht einmal die Lippen, als ginge es sie gar nichts an.) »Ich weiß, daß du gersten nacht ans Ufer gingst.« Und nun erzählte ich ihr mit viel Wichtigkeit alles, was ich gesehen und dachte, sie damit verlegen zu machen; gefehlt! Sie lachte aus voller Kehle. »Viel gesehen und wenig wissen!«

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Und der Alten sage, daß es höchste Zeit sei zu sterben; sie lebt schon viel zu lange, man muß Maß und Ziel kennen. Uns wird sie nicht mehr wiedersehen.

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»Warst du denn nicht ein bißchen gerührt, als du sie in dieser Minute erblicktest, da soviel Seele auf ihrem Angesicht schimmerte?«
»Nein.«
Ich log. Aber ich wollte ihn ja ärgern. Es ist eine mir angeborene Leidenschaft zu widersprechen. [...]
Ich muß ferner bekennen, daß in diesem Augenblick ein unangenehmes, aber wohlbekanntes Gefühl durch mein Herz zog; dieses Gefühl war der Neid.

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das Gespräch nahm gegen Ende des Abend eine philosophisch-metaphysische Wendung; man stritt über Meinungen: jeder der Streitenden war von den verschiedensten Verschiedenheiten überzeugt.
»Was mich betrifft, so bin ich nur von einem überzeugt«, sagte der Doktor.
»Und wovon?« fragte ich, denn unwillkürlich interessierte mich die Ansicht des Menschen, der die ganze Zeit über bis jetzt geschwiegen hatte.
»Davon nämlich«, entgegnete er, »daß ich früher oder später eines schönen Tages sterben werde.«
»Da bin ich reicher als Sie«, sagte ich. »Außer dieser Überzeugung habe ich noch die, daß ich an einem abscheulichen Abend das Unglück hatte, geboren zu werden.«
Die andern waren der Ansicht, daß wir Unsinn sprächen, und dennoch hatte keiner von ihnen etwas gesagt, was gescheiter gewesen wäre.

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Ich eröffne niemals selber meine Geheimnisse, ich liebe es vielmehr, daß man sie errät, denn auf diese Weise kann ich immer bei passender Gelegenheit alles ableugnen.

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Ich spotte über alles auf der Welt, besonders über die Gefühle: dies fängt an, sie zu erschrecken. Wenn ich zugegen bin, wagt sie es nicht mehr, mit Gruschnitzkij sentimentale Gespräche zu führen, ja, es ist schon ein paarmal vorgekommen, daßsie seine Ausführungen mit einem spöttischen Lächeln beantwortete; jedesmal aber, wenn Gruschnitzkij sich ihr näherte, nahm ich eine demütige Haltung an und ließ die beiden allein; das erstemal freute sie sich darüber oder gab sich wenigstens den Anschein, als täte sie es; das zweitemal ärgerte sie sich über mich, das drittemal jedoch bereits über Gruschnitzkij.
»Sie scheinen nicht viel Selbstbewußtsein zu haben«, sagte sie gestern zu mir. »Warum glauben Sie nur, daß mir Gruschnitzkijs Gesellschaft lieber ist?«
Ich entgegnete, daß ich mein eigenes Vergnügen gern dem Glück des Freundes aufopfere...
»Und das meine auch«, fügte sie hinzu.

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Und was ist denn überhaupt das Glück? Gesättigter Stolz.

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Leidenschaften [...] gehören der Zeit an, da das Herz noch jung ist, und jener ist ein Narr, der glaubt, daß sie ihn sein Leben lang bewegen werden: viele ruhige Ströme beginnen als lärmende Wasserfälle, nicht einer dagegen schäumt und tobt, wenn er das Meer erreicht.

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Es geschieht immer alles zu unserem Besten!

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So sind die Menschen! Sie sind alle gleich: sie kennen von vornherein alle Schattenseiten einer Tat, sie helfen, sie raten, ja sie befürworten sie sogar, da sie die Unmöglichkeit eines andern Ausweges einsehen — hinterher aber waschen sie sich die Hände und wenden sich unwillig von jenem ab, der den Mut gehabt hat, sie Last der Verantwortung auf sich zu nehmen. Sie sind alle so, sogar die Besten und die Klügsten.

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Und wenn es in der Tat eine Vorherbestimmung gibt, wozu sind uns dann Wille und Verstand gegeben worden? Weswegen müssen wir dann Rechenschaft über unsere Handlungen ablegen?

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Gedanken dieser Art gingen mir durch den Kopf; ich verweilte bei keinem lange, denn ich gebe mich nicht gern irgend welchen abstrakten Ideen hin. Wohin sollte das auch führen? ... In meiner frühesten Kindheit war ich ein Träumer: damals liebte ich es, mich abwechselnd bald düsteren, bald regenbogenfarbigen Bildern hinzugeben, die mir meine unruhige und gierige Phantasie ausmalte. Aber was ist mir davon geblieben? — Nichts als Müdigkeit, wie nach einem nächtlichen Kampf mit einem Gespenst, und unklare Erinnerungen, erfüllt von Reue. In diesem nutzlosen Kampf verbrauchte ich sowohl das Feuer meiner Seele als auch die Beständigkeit des Willens, die beide für das wirkliche Leben so notwendig sind; und als ich in dieses Leben eintrat, hatte ich es bereits in Gedanken gelebt, und darum wurde es mir so langweilig, und mir wurde widerwärtig zumute wie einem, der eine schlechte Nachahmung eines ihm längst bekannten Buches liest.

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