Literaturbrevier

Gotthold Ephraim Lessing: Briefe

Im Vorbeigehen muß ich doch auch an das neue Jahr gedenken. Fast jeder wünschet zu dieser Zeit Gutes. Was werde ich Dir aber wünschen? Ich muß wohl was Besonderes haben. Ich wünsche Dir, daß Dir Dein ganzer Mammon gestohlen würde. Vielleicht würde es Dir mehr nutzen, als wenn jemand zum neuen Jahre Deinen Geldbeutel mit einigen 100 Stück Dukaten vermehrte.
Lebe wohl! Ich bin Dein treuer Bruder G. E. Lessing.
(Lessing an seine Schwester Dorothea Salome, 30. Dezember 1743[Lessing war damals 14])

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Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einen Menschen machen. Ich wagte mich von emienr Stube unter meinesgleichen. Guter Gott! was vor eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und andern gewahr. Eine bäuersche Schüchternheit, ein verwildeter und ungebauter Körper, eine gänzliche Unwissenheit in Sitten und Umgange, verhaßte Mienen, aus welchen jedermann seine Verachtung zu lesen glaubte, das waren die guten Eigenschaften, die mir bei meiner eignen Beurteilung übrig blieben. Ich empfand eine Scham, die ich niemals empfunden hatte. Und die Wirkung derselben war der feste Entschluß, mich hierinne zu bessern, es koste, was es wolle. Sie wissen selbsst, wie ich es anfing. Ich lernte tanzen, fechten, voltigieren.
(Lessing an seine Mutter, 20. Januar 1749)

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Ich hätte längst unterkommen können, wenn ich mir, was die Kleidung anbelangt, ein bessers Ansehn hätte machen können. Es ist dieses in eine Stadt gar zu nötig, wo man meistens den Augen in Beurteilung eines Menschen trauet.
(Lessing an seine Mutter, 20. Januar 1749)

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Wenn man Sie [in Frankreich] fragt, ob Ihnen Gresset, Piron, Marivaux, Bernis, Du Boccage gefielen, so werfen Sie fein verächtlich den Kopf zurück und tuen statt aller Antwort die Gegenfrage, ob man in Frankreich unsre Schönaichs, unsre Löwens, unsre Patkens, unsere Unzerinnen auswendig wisse. Von Fontenellen muß Ihnen weiter nicht bekannt zu sein scheinen, als daß er fast hundert Jahre alt geworden; und von Voltairen selbst müssen Sie tun, als ob Sie weiter nichts, als seine dummen Streiche und Betrügereien gehört hätten.
(Lessing an Gleim, 21. Oktober 1757)

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Was sagen Sie zu Klopstocks geistlichen Liedern? Wenn Sie schlecht davon urteilen, so werde ich an Ihrem Christentume zweifeln; und urteilen Sie gut davon, an Ihrem Geschmacke. Was wollen Sie lieber?
(Lessing an Gleim, 21. Oktober 1757)

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Ich bin so ziemlich wieder hergestellt, außer daß ich noch mit häufigem Schwindel beschwert bin. [...] Glückliche Krankheit! Ihre[, der Krankheit] Liebe wünschet mich gesund; aber sollten sich wohl Dichter eine athletische Gesundheit wünschen? Sollte der Phantasie, der Empfindung, nicht ein gewisser Grad von Unpäßlichkeit weit zuträglicher sein? Die Horaze und Ramler wohnen in schwächlichen Körpern. Die gesunden Theophile und Lessinge werden Spieler und Säufer. Wünschen Sie mich also gesunder, liebster Freund; aber womöglich mit einem kleinen Denkzeichen gesund, mit einem kleinen Pfahl im Fleische, der den Dichter von Zeit zu Zeit den hinfälligen Menschen empfinden lasse, und ihm zu Gemüte führe, daß nicht alle Tragici mit dem Sophokles neunzig Jahr werden; aber, wenn sie es auch würden, daß Sophokles auch an die neunzig Trauerspiele, und ich erst ein einziges gemacht! Neunzig Trauerspiele! Auf einmal überfällt mich ein Schwindel! O lassen Sie mich davon abbrechen, liebster Freund!
(Lessing an Ramler, 5. August 1764)

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Auch der regierende Herzog hat mir hierauf alle Gnade erwiesen, deren ich mich von dem gesamten Hause zu rühmen habe, welches aus den leutseligsten besten Personen von der Welt besteht. Ich bin indes der Menschn nicht, der sich zu ihnen dringen sollte: vielmehr suche ich mich von allem, was Hof heißt, soviel möglich zu entfernen und mich lediglich in den Zirkel meiner Bibliothek einzuschränken.
(Lessing an seinen Vater, 27. Juli 1770)

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Aber man sagt, es sei nichts als Eigenlob, seine Frau zu rühmen. Nun gut, ich sage nichts weiter von ihr. Aber wenn Du sie gekannt hättest!
(Lessing an seinen Bruder Karl, 12. Januar 1778)

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Aus dem Briefwechsel zwischen Lessing, Moses Mendelssohn und Friedrich Nicolai

Ich setze also den Zweck des Trauerspiels in die Erregung der Leidenschaften, und sage: das beste Trauerspiel ist das, welches die Leidenschaften am heftigsten erregt, nicht das, welches geschickt ist, die Leidenschaften zu reinigen[Aristoteles].
(Nicolai an Lessing, 31. August 1756)

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Das vornehmste Stück [des Trauerspiels] ist und bleibt die Handlung, weil dieselbe zu der Erregung der Leidenschaften am meisten beiträgt. [X - siehe Handke: nicht der Inhalt, sondern die Sprache macht die Literatur.] Die wesentlichen Eigenschaften der Handlung sind die Größe, die Fortdauer, die Einfalt. Die tragische Größe einer Handlung bestehet nicht darin, daß sie von großen oder vornehmen Personen vollbracht wird, sondern darin, daß sie geschickt ist, heftige Leidenschaften zu erregen. Die Fortdauer einer Handlung bestehet darin, daß sie nie durch eine andere Handlung unterbrochen werde; und die Simplizität, daß sie nicht durch Inzidenthandlungen so verwickelt werde, daß es Mühe kostet, ihre Anlage einzusehen.
(Nicolai an Lessing, 31. August 1756)

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Die Trauerspiele lassen sich nach den Leidenschaften, die sie erregen wollen, einteilen: 1) in Trauerspiele, welche Schrecken und Mitleiden zu erregen suchen. Diese nenne ich rührende Trauerspiele, und hieher gehören alle bürgerlichen Trauerspiele, ferner alle die, in welchen bürgerliches Interesse herrschet, als Merope, Medea etc. 2) Trauerspiele, welche durch Hilfe des Schreckens und Mitleidens Bewunderung erregen, nenne ich heroische; als Brutus, Cato. 3) Trauerspiele, worin die Erregung des Schreckens und Mitleidens mit der Bewunderung vergesellschaftet ist, sind vermischte Trauerspiele, als der Graf v. Essex etc. 4) Trauerspiele, welche ohne Hilfe des Schreckens und Mitleidens Bewunderung erregen sollen, sind nicht praktikabel, weil der Held im Unglücke die größte Bewunderung, aber auch zugleich Mitleiden erregt. Der Canut könnte ein mißratenes Beispiel von dieser Gattung sein. [X]
(Nicolai an Lessing, 31. August 1756)

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Die tragischen Charaktere sind ein tugendhafter Mann, welcher durch einen Fehler, den er begeht, unglücklich wird, und ein Bösewicht, der auch unglücklich wird, aber der durch ein falsches System von Sittenlehre uns gewissermaßen für sich einnimmt (ein Satz von Hrn. Moses [Mendelssohn]). [...] Der Fehler in einem Charakter ist nichts Böses, sondern eine Handlung oder Neigung, welche eben dadurch, daß sie für den Helden unglücklich ausschlägt, ein Fehler wird; so ist z. E. in des Sophokles Ödipus der Fehler des Ödipus nicht der Mord des Laius, welcher außer der Handlung ist, sondern die Neugier, aus welcher die Auflösung fließt.
(Nicolai an Lessing, 31. August 1756)

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Dies sind ungefähr meine Gedanken. Ich habe sie etwas verwirrt vorgetragen, so wie die Abhandlung selbst nicht allzu ordentlich ist.
(Nicolai an Lessing, 31. August 1756)

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Das Schrecken in der Tragödie ist weiter nichts als die plötzliche Ueberraschung des Mitleides, ich mag den Gegenstand meines Mitleids kennen oder nicht. Z. E. endlich bricht der Priester damit heraus: Du, Ödip, bist der Mörder des Laius! Ich erschrecke, denn auf einmal sehe ich den rechtschaffnen Ödip unglücklich; mein Mitleid wird auf einmal rege. Ein ander Exempel: es erscheinet ein Geist; ich erschrecke: der Gedanke, daß er nicht erscheinen würde, wenn er nicht zu des einen oder des andern Unglück erschiene, die dunkle Vorstellung dieses Unglücks, ob ich den gleich noch nicht kenne, den es treffen soll, überraschen mein Mitleid, und dieses überraschte Mitleid heißt Schrecken.
(Lessing an Nicolai [und Mendelssohn], November 1756)

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[Die Komödie] soll uns zur Fertigkeit verhelfen, alle Arten des Lächerlichen leicht wahrzunehmen. Wer diese Fertigkeit besitzt, wird in seinem Betragen alle Arten des Lächerlichen zu vermeiden suchen und eben dadurch der wohlgezogenste und gesittetste Mensch werden. Und so ist auch die Nützlichkeit der Komödie gerettet.
(Lessing an Nicolai [und Mendelssohn], November 1756)

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Wenn wir an einem Menschen gute Eigenschaften gewahr werden, die unsre Meinung, die wir von ihm oder von der ganzen menschlichen Natur gehabt haben, übertreffen, so geraten wir in einen angenehmen Affekt, den wir Bewunderung nennen.
(Mendelssohn an Lessing, 23. November 1756)

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Darin sind wir doch wohl einig, liebster Freund, daß alle Leidenschaften entweder heftige Begierden oder heftige Verabscheuungen sind? Auch darin: daß wir uns bei jeder heftigen Begierde oder Verabscheuung eines größern Grads unsrer Realität bewußt sind, und daß dieses Bewußtsein nicht anders als angenehm sein kann?
(Lessing an Mendelssohn[zugleich für Nicolai], 2. Februar 1757)

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Liebster Freund, ich sorge nicht, da&Szlig; Sie auf mich ungehalten sind. Denn niemals hat meine anscheinende Saumseligkeit oder Nachläßigkeit mehr Entschuldigung verdient, als diesesmal. Sie werden esl eicht selbst ermessen. Gott sei Dank, daß ich nun anfange, wieder in Ordnung zu kommen. Ich habe die Bibliothek übernommen, und die ersten vierzehn Tage meiner bloßen Neugierde gewidmet, gehen auch zu Ende.
(Lessing an Nicolai, 17. Mai 1770)

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