Literaturbrevier

Martin Luther: Tischreden

Mein Herr Jesus Christus ist einmal auf Erden gekommen und hat sich sehen lassen. Um mehr bitte ich nicht.

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Alle, die besondere Offenbarungen und Traumgesichte rühmen und danach trachten, sind Verächter Gottes. Denn sie lassen sich an seinem Wort nicht genügen. Ich erwarte in geistlichen Dingen weder eine besondere Offenbarung noch Träume; ich habe das klare Wort. Deshalb mahnt auch Paulus (Gal. 1,8), daß wir uns daran halten sollen, wenn auch »ein Engel vom Himmel euch würde das Evangelium predigen anders...«.

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Weiter: Julius Cäsar, Augustus, Alexander, das Reich der Ägypter, Babylonier, Perser, Griechen und Römer sind hinweg, die alle gerade dieses Buch vertilgen und ausrotten wollten. Einzig und allein darauf richtete sich ihr Eifer, dieses Buch zu vernichten. Aber sie konnten es nicht. Unversehrt hat es sich gegen ihrer aller Absicht erhalten. Wer erhält es aber, oder wer hätte es gegen eine so große Macht und Gewalt erhalten können[, wenn nicht Gott]?

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Einem Christen kommt es zu, in der größten Schwachheit die größte Stärke zu haben, in der Torheit die höchste Weisheit, und wie er ein ander ist in seinem Fühlen nach, so ist er ein anderer dem Glauben nacht.
Mit den Werken geben wir Gott Zinsen, aber durch den Glauben empfangen wir das Erbe.

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Hier unterscheide ich so: Die Vernunft, die vom Teufel besessen ist, tut großen Schaden in Gottes Sachen, und je größer und geschickter sie ist, desto größeren Scahden tut sie.

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Doktor Luther sagte: Alle Werke Gottes sind unerforschlich und unaussprechlich, keine Vernunft kann sie aussinnen.

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Die menschliche Vernunft lehrt nur die Hände und die Füße, Gott aber das Herz.

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Wenn du über die Vorherbestimmung disputieren willst, so fang bei den Wunden Christi an, dann werden alle Gedanken darüber aufhören.

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Ich könnte alle Artikel besser umstoßen als jeder Schwärmer. Aber ich weiß, daß sie wahr sind, deshalb will ich sie gegen jedermann verteidigen. Ich habe noch von keinem Menschen ein Argument vernommen, das auf mich Eindruck gemacht hätte, und meine Nachtkriege sind mir viel schwerer geworden als die Tagkriege. Denn meine Gegner haben mich nur verdrossen gemacht, aber der Teufel, der kann mir wirklich Argumente bringen. Er hat mir öfters ein Argument gebracht, daß ich nicht wußte, ob Gott existierte oder nicht. Und ich will es euch jetzt beichten, damit ihr ihm nicht etwa glaubt. Wenn ich ohne Gottes Wort über die Türken, den Papst, die Fürsten usw. nachdachte, so kommt er und hat Waffen gegen mich, aber wenn ich zur Schrift greife, dann habe ich gewonnen.

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Es ist ein großer, herrlicher Trost, den freilich ein jeder frommer Christ um der Welt Ehre und Gut nicht sollte noch wollte entbehren, nämlich daß er weiß und glaubt, daß Christus, unser Hohepriester, zur Rechten Gottes sitzt, vertritt und bittet für uns ohne Aufhören.

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Christus kann kein Mensch auslernen.

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Denn er ist wahrer, ewiger, allmächtiger Gott und hat doch unsere sterbliche Natur an sich genommen, den höchsten Gehorsam und Demut erzeigt bis in den Tod.

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Christliche Gerechtigkeit ist nicht eine solche Gerechtigkeit, die in uns ist und klebt, wie sonst eine Eigenschaft und Tugend (das ist etwas, das man bei uns findet oder das wir fühlen), sondern ist eine fremde Gerechtigkeit ganz außerhalb unser, nämlich Christus selber ist unsere vollkommene Gerechtigkeit und das ganze Wesen, 1. Kor. 1,30.

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Und wenn ich das nur hinterlassen möchte, was ich jetzt mit größtem Fleiß treibe und lehre: man soll sich vor Spekulieren hüten und allein Christus aufs allereinfältigste ergreifen, so hätte ich viel ausgerichtet.

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Das scheint denn, als sei er[Christus] ohnmächtig und als habe er keine Gewalt und Macht. Gleichwohl macht er die Allergewaltigsten, Klügsten und Heiligsten in der Welt zuschanden, Kaiser, Könige, Fürsten, Papst, Kardinäle und Bischöfe mit ihrem Hofgesinde und Anhang.

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Wem du dienst, der lohne dir auch.

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Was geht es ihn[den Teufel] an, daß ich gesündigt habe? Denn ich habe nicht gegen ihn gesündigt, sondern gegen Gott, und er hat mir kein Gesetz gegeben, welches ich übertrete, sondern Gott. Darum heißt's (Ps. 51,6): »An dir allein habe ich gesündigt.«

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Wenn Christus kommt und redet mit dir (so dich deine Sünde reuet) wie Mose: Was hast du getan? so schlage ihn zu Tod. Wenn er aber wie Gott und dein Heiland mit dir redet, so recke beide Ohren.

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Wir hätten ein selig Leben, wenn die Erbsünde nicht wäre, das »ihr werdet sein wie Gott« (1. Mose 3,5)

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Es ist aber das Gesetz nicht mir und denen gegeben, die ihre Sünde erkennen und bekennen; sondern den rechten Stolzen, Ungehorsamen und Heuchlern, daß sie gedemütigt werden; ich gehöre Christus an, der um der Sünder willen gekommen und Mensch geworden ist.

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Und wir haben Beispiele, die ebensoviel gelten wie ein Gebot.

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Kein gut Werk ist außer den Zehn Geboten Gottes.

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Der Satan hat oft zu mir gesagt: Wie, wenn deine Lehre gegen den Papst, die Messe, die Mönche usw. falsch wäre? Und hat mir oft so zugesetzt, daß mir der Schweiß ausgebrochen ist. Ich habe ihm endlich geantwortet: Geh und rede mit Gott, der befohlen hat, diesen Christus zu hören. Der Christus muß alles tun. Darum, wer ein Christ sein will, der muß Christus alles verantworten lassen.

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Nicht die Strafe, sondern die Sache, um die es sich handelt, macht jemanden zum Märtyrer, sagt Augustin in seinem Buch gegen die Donatisten.

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Aus dem Besten kommt immer das Schlechteste
Aus Abraham und den Erzvätern kamen die, die Christus ans Kreuz schlugen, aus der römischen Kirche ging der Antichrist hervor, aus den Aposteln kamen Judas und die Pseudoapostel, aus Alexandrien — Arius und Origenes, aus Konstantinopel — die Türken, aus den Einsiedlern Arabiens — Mohammed, aus dem Weib — der Ehebruch, aus der Jungfrau — die Hure, aus dem Bruder, dem Sohn und dem Freund — die erbittertsten Feinde, aus Engeln — Teufel, aus Königen — Tyrannen, aus dem Evangelium wird die Lüge herausgelesen, aus der Kirche kommen die Ketzer. Aus Speise wird Kot, aus Wein Urin, aus blut Eiter. Aus Luther kommen Müntzer und die Aufrührerischen — also was Wunder, wenn Böse unter uns sind und von uns ausgehen? Es muß eine sehr böse Sache sein, die bei solcher guten nicht bestehen kann, und es muß sehr gut sein, was solche bösen Dinge ertragen kann.

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Von Heuchlern
Vom Strauß sagt man, wenn er das Haupt nur unter Laub oder einem Blatt verborgen hat, so meine er, er sei ganz bedeckt und so verborgen, daß er von niemand gesehen werden könne. So ergreifen die Heuchler irgendein gutes Werk und meinen, sie hätten den ganzen Schmutz ihrer Sünden damit bedeckt und verborgen, und sie seien aufs schönste geschmückt und gerecht vor Gott.

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Wenn ich gleich die Gabe hätte, daß ich Tote auferwecken könnte, was wäre es, wenn die andern Prediger alle wider mich lehrten?

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Was ich weiß das kann ich beweisen; was ich nicht beweisen kann, das weiß ich auch nicht.

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Welt bleibt Welt, und hat ihr Christus nicht helfen können, werden wir's auch wohl bleiben lassen.

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Merkzeichen eines guten Predigers und Redners

Eines guten Redners Amt oder Merkzeichen ist, daß er aufhöre, wenn man ihn am liebsten hört und meint, es werde erst kommen. Wenn man ihn aber mit Überdruß hört und das Ende der Rede erwartet, das ist ein böses Zeichen. So ist es auch mit einem Prediger. Wenn man sagt: Ich hätte noch wohl länger zuhören mögen, so ist's gut; wenn man aber sagt: Er war in das Schwätzen gekommen und konnte nimmermehr aufhören, so ist's ein böses Zeichen.

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Zum ersten Mal predigen am schwersten

Wenn einer zum ersten Mal auf den Predigtstuhl kommt, so glaubt niemand, wie bange einem dabei wird: er sieht so viele Köpfe vor sich! Wenn ich auf den Predigtstuhl steige, so sehe ich keinen Menschen an, sondern denke, es seien eitel Klötze, die da vor mir stehen, und rede meines Gottes Wort dahin. Das sagte er, um einen kleinmütigen, neuen Prediger zu stärken.

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Wohin ein Prediger sehen soll

Erasmus Alberus bat D. M. Luther um seine Regel für die Predigt vor dem Fürsten (Johann von Brandenburg/Küstrin). Der Doktor sagte: Siehe nicht auf den Fürsten, sondern auf die Einfältigen und Ungelehrten, von welcher Sorte der Fürst auch sein wird. Wenn ich in meiner Predigt Philipp Melanchthon und andere Doktoren ansehen sollte, so machte ich nichts Gutes. Ich predige ganz einfältig den Ungelehrten, und es gefällt allen. Kann ich Griechisch, Hebräisch, Lateinisch usw., das spare ich für unsere (gelehrten) Zusammenkünfte, da machen wir's so krass, daß sich unser Herrgott darüber verwundert.

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Wenn ich so andächtig wäre zum beten wie Peter Wellers Hund zum Essen, so wollt' ich noch heute mit Beten den Jüngsten Tag herbeiführen; denn er denkt den ganzen Tag an nichts anderes, als seine Schüssel auszulecken.

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Am 7. Juni Anno 1545, am ersten Sonntag nach Trinitatis, war D. M. Luther zornig und schalt die, welche in der Kirche bei den Psalmen und geistlichen Liedern brummeten. Denn gottesfürchtige Herzen kommen nicht in der Kirche zusammen, um zu blöken und zu murmeln, sondern um zu beten und Gott zu danken. Wollten sie brummen und murren, so sollten sie unter die Kühe und Schweine gehen, die würden ihnen wohl antworten und die Kirche ungehindert lassen.
Aber am anderen Sonntag, da es etliche frühe nicht unterließen, ging D. Martinus bald aus der Kirche.

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Die Wiedertäufer sagen: Ein Kind sei der Taufe nicht würdig, weil es nicht glaube, als ob das eine richtige Folge wäre: der ist der Taufe würdig, der glaubt und Glauben hat. Hieße das nicht Gott rauben, was sein ist? Denn es ist allein Gott, der da tauft, darum tauft er nicht vergebens, sondern er tauft einen Sünder, welcher der Taufe unwürdig ist, ja, er tauft einen Menschen, welcher der Verdammnis würdig ist.

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Was Vater und Mutter nicht erziehen können, das erzieht der Teufel.

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Die Welt mit ihren Fürsten und Herren meint, sich selbst zu regieren; sie tut es aber nicht. Die theologischen Lehrer meinen nicht, sie zu regieren, sie tun's aber in Wirklichkeit. Ein Gewissen aufrichten ist mehr als hundert Reiche haben.

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Würde ist das, was für das Beste gehalten wird. Wo der Pöbel herrscht, da wird die Freiheit für Würde gehalten, welche doch tatsächlich mehr eine Zügellosigkeit des großen Haufens ist. Wo wenige herrschen, da werden Vermögen und Adel für Würde gehalten. Aber wo der beste Staat ist, da wird die Tugend für Würde gehalten.

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Ein Prediger darf sich nicht in staatliche Dinge einmischen. Christus war allein Herr und sagte dennoch zu Pilatus (vgl. Joh. 19,10 f.): Du bist mein Herr.

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Die Fürsten haben ein schweres und sehr hohes Amt; die Bauern schnarchen unterdessen in Sicherheit. Wenn ein Bauer die Gefahren und Mühen eines Fürsten kennte, würde er's Gott danken, daß er ein Bauer und im glücklichsten Stande ist. Aber die Bauern sehen ihr Glück nicht; sie sehen nur die äußere Pracht der Fürsten, die Kleider, die Paläste, ihre Macht. [...]
Stufenweise ging er[Kurfürst Friedrich der Weise] das Schicksal aller Stände durch: der Kaiser sei in höchster Gefahr, Angst und Sorgen. Die Fürsten seien anderer Mühsal ausgesetzt; auch seine Herren vom Adel haben manchen Kummer. Wenn es auch die Bürger besser hätten, müßten sie doch ihren Lebensunterhalt und ihre Bekleidung sauer verdienen. Mit viel Mühe und Arbeit kaufen sie etwas, mit Verlust verkaufen sie es wieder. Sie müssen viele Gefahren wegen der Nahrung des Leibes auf sich nehmen. Den Bauern dahingegen allein wachse alles ohne ihr Zutun. Sie können alles verkaufen; sie haben keine Sorge. Nur ihre Zinsen und den Zehnten geben sie, denn das Land gehört dem Fürsten. Die Arbeit der Bauern ist überaus fröhlich und voller Hoffnung. Pflügen, Pflanzen, Säen, Ernten, Dreschen, Holzfällen, das alles hat große Hoffnung.
Aber sie können ihr Glück nicht anerkennen. Denn niemand ist mit seinem Los zufrieden. Knechte und Mägde haben es immer besser als ihre Herren und Herrinnen, weil sie die Sorge nicht haben, die den Familienvater drückt. Sie brauchen nur ihre Arbeit verrichten. Mein Wolf, Grete und Lene, meine Diener und Gehilfen, haben es viel besser als ich und meine Käthe. Die Ehe bringt nämlich allerhand Beschwerlichkeiten mit sich.
In summa: Je höher der Stand, um so größer die Gefahr. Niemand ist mit seinem Los zufrieden. Das träge Rind möchte gern einen Sattel aufgelegt bekommen, das Pferd möchte pflügen.

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Warum Fürsten und Herren ihre Anschläge und Praktiken nicht alle forgehen
Die Fürsten beten nicht, wenn sie etwas anfangen wollen, sondern sagen: Dreimal drei ist neun, das ist nicht falsch, zweimal sieben macht vierzehn, diese Rechnung ist nicht falsch; so muß es gewiß hinausgehen. Da spricht unser Herrgott: Für wen haltet ihr mich denn? Für eine Ziffer, die nichts gilt? Ich muß vergebens hier oben sitzen? Darum bringt er ihnen die Rechnung ganz in Unordnung und macht's ihnen alles falsch.

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Der Theologe lehrt nur, an Christs zu glauben, danach soll er überhaupt jeden ermahnen, seine Pflicht im Glauben zu tun, wie z. B.: der Schuster schustere seine Schuhe usw. Wie aber ein Schuh zu machen ist, wie er ihn verkaufen soll, dafür Vorschriften zu geben, ist nicht meine Pflicht. Hierfür gibt es staatliche Gesetze usw. Sonst müßte ein Theologe alle Dinge kennen und genau wissen, und wäre es eine unendliche Beschäftigung. So kann auch ein Theologe, wenn er über bürgerliche Dinge spricht, nur ganz allgemein lehren. Er sasgt: Du sollst nicht stehlen! Aber die Juristen lehren danach, was als Diebstahl zu bezeichnen ist.

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Das weltliche Regiment ist nicht auf ein (Gesetz-)Buch gegründet, sondern auf die göttliche Autorität. Denn die schlimmsten Vergehen gehen straflos aus.

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Alles im Leben ist wie ein Schattenbild des Zukünftigen.

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Wenn Gott zürnte und alle Schriftkundigen aus der Welt wegnähme, dann würden alle Menschen zu Bestien und wilden Tieren.

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Um größere Übel zu vermeiden, muß man kleinere auf sich nehmen.

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Ein Jurist, ein böser Christ.

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Das Studium des Rechts ist schmutzig und gewinnsüchti, denn sein letzter Zweck ist Geld; man studiert die Rechte nicht nur zur Ergötzung und um der Kenntnis der Dinge willen.

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Der größte Theologe ist der größte Sünder.

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Danach sprach er über Kriegsmaschinen und Geschütze, mehr als grausame Werkzeuge, mit denen man Mauern und Felsen sprengt und Menschen in der Schlacht tötet. Ich glaube, das sind Erfindungen des Satans selbst. Denn hier ist mit den üblichen Mitteln nichts auszurichten. Hier ist alle Tapferkeit eines Mannes umsonst. Er ist tot, ehe man ihn sieht. Hätte Adam die Kriegsgeräte gesehen, die seine Nachkommen gegeneinander gebaut haben, er wäre vor Leid gestorben.

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Gesetzt den Fall: Entweder der Vater müßte getötet oder das Vaterland verraten werden (was dann)? Antwort: Der Sohn darf den Vater unter keinen Umständen umbringen, das Vaterland soll er vielmehr Gott befehlen, denn Gott kann es retten. Wenn ich schon den Vater umbrächte, kann dennoch viel dazu fehlen, daß dadurch dem Vaterland geholfen wäre. Warum sollte ich also den gewissen Vater umbringen um einer ungewissen Rettung des Vaterlandes willen. Man muß es auf unsern Herrgott hin wagen.

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Man soll unsern Herrgott nicht fragen: Warum hast du das getan?

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Da er bei Nacht den Himmel anblickte, sagte er: Er muß ein guter Meister sein, der ein solches Gewölbe ohne Pfeiler gebauet hatte.

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Wenn sie[die Prophezeiungen] nicht zutreffen, muß man sie umdeuten. [Die Rede ist von der Astrologie, die Luther mißbilligte.]

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Nach der Offenbarung des Antichrist soll die Welt tun, was sie will; dann muß Christus kommen mit seinem Gericht.

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Ein Lügner muß ein gutes Gedächtnis haben.

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Der Glaube wird dann durch die Vernunft, Beredsamkeit und durch die (Beherrschung der) Sprache gefördert, was vor Erlangungdes Glaubens alles nur hinderlich war.

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Den Gott, der menschliche Gestalt angenommen hat, das heiß der geboren ist, der predigt, der die Welt anklagt und der gekreuzigt wurde, will die Welt nicht haben noch leiden, sondern sie schlägt ihn tot. Dagegen sucht sie den unsichtbaren Gott und verehrt ihn mit höchstem Fleiß und jedem Aufwand.

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Wenn alle Menschen gleich wären, so könnte niemand aufkommen, niemand wür dem andern dienen, kein Friede würde sein.
Der Pfau klagte, daß er nicht der Nachtigall Stimme hätte. Darum hat Gott mit der Ungleichheit die größte Gleichheit gemacht. Denn wir sehen, wenn einer etwas Vortreffliches ist, hat er mehr und größere Gaben als ein anderer, so wird er hoffärtig und stolz, will über die andern alle herrschen und sie verachten und regieren. Er meint, sein Dreck stinke alleine. Darum hat Gott sehr fein und wohl die menschliche Gesellschaft untereinander an den Gliedern des menschlichen Leibes abgemalt und dargestellt, da viele und ungleiche Glieder sind, und eines muß dem andern die Hand reichen und helfen, keins kann des andern entbehren.

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Glaube nicht alles, was du hörst.
Liebe nicht alles, was du siehst.
Sage nicht alles, was du weißt.
Tue nicht alles, was du willst.

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Wer an einem Weg baut, findet viele Ratgeber. [Sehr merkwürdig.]

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Man fragte ihn, ob er sich auch wehren sollte, wenn er von Räubern in der Dübener Heide angegriffen würde. Ja, sprach der Doktor, ganz gewiß! Da wollte ich [...] totschlagen, soviel ich könnte [...].
Wenn man mich aber angriffe als einen Prediger um des Evangeliums willen, so wollte ich mit gefalteten Händen sagen: Mein Herr Christus, hier bin ich, ich habe dich gepredigt; ist's nun Zeit, so befehl ich meinen Geist in deine Hände; und wollte so sterben.

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Wenn mich einer in meinem Hause überfiele, bin ich als der Hausbesitzer dazu verpflichtet, mich zu wehren. Noch viel mehr (bin ich dazu verpflichtet), wenn sie mich unterwegs überfallen; denn weder die Diebe noch die Straßenräuber belagern die Wege um des Evangeliums willen und tun uns Gewalt an, oder weil sie einem Prediger nachstellen, sondern (sie tun das) dem Angehörigen des Fürsten, nicht dem Glied Christi. Darum will ich helfen, das Land rein zu erhalten, so sehr ich kann.

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In einer Hure ist mehr Barmherzigkeit als in einem Heuchler.

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und es scheint ihm[dem Heuchler] gewiß, daß seine Werke Gott gefallen, und er will einfach gerecht sein, wie es die Pharisäer beständig wollen.

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»Wenn die Gerechtfertigten Frieden haben, so sind also diejenigen, welche keinen Frieden haben, nicht gerechtfertigt.« Wer so angefochten werden sollte, der sollte wissen, daß das christliche Leben oder die Gerechtigkeit mitten in Traurigkeit, Unruhen, Trübsalen und Tod gelebt wird.

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Ich bin nicht der Meinung, daß die ganz und gar zu verdammen seien, die Selbstmord begehen. Mein Grund dafür: sie tun es nicht gern, sondern werden von der Macht des Teufels überwältigt — wie (wenn) jemand in einem Wald von einem Wegelagerer ermordet wäre.

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Niemand ist mit seinem Los zufrieden
[...] Das Los der anderen gef¨llt uns immer besser: die ergiebigere Saat steht immer auf fremdem Felde; und der Nachbar hat immer das fruchtbarere Vieh.

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Herr Perknowsky legte folgende Frage vor: Herr Doktor, wenn ich viel Geld hätte oder einen anderen Schatz, den ich nicht ausgeben wollte, und es käme einer zu mir, um mich anzuborgen — könnte ich dem das mit gutem Gewissen verweigern und sagen: Ich habe kein Geld, das ich ausgeben will. Johannes sagt zwar (1. Joh. 3,17): »Wenn aber jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Bruder darben« usw., und auch Christus sagt (Matth. 5,42) » Gib dem, der dich bittet«, das heißt dem, der es bedarf. Er sagt nicht: Gib jedem Müßiggänger und Verschwender, die doch im allgemeinen die größten Bettler sind.

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Schauspiele
(Christen) ist es nicht untersagt, Schauspiele aufzuführen, weil darin von der Liebe die Rede ist und zuweilen sogar Zoten vorkommen. Sonst dürfe ein Christ aus dem gleichen Grunde auch die Bibel nicht lesen. Denn auch in ihr ist zuweilen von Liebeshändeln die Rede usw. Deshalb ist es Unsinn, Schauspiele wegen der darin vorkommenden Obszönitäten — wie manche vorwenden — nicht aufzuführen.

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Wenn Schauspiele wegen gewisser obszöner Dinge von einem Christen nicht aufgeführt werden sollten, dann dürfte man die Bibel auch nicht lesen.

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Ich bin der Meinung, daß ein Urteil in Eheangelegenheiten Sache der Juristen ist. Denn wenn sie ihr Urteil über Vater, Mutter, Kinder und Knechte fällen, warum sollten sie dann nicht auch über das Eheleben urteilen? Daß dem manche entgegenhalten, man dürfe dem Ehescheidungsgesetz des Kaisers nicht folgen, denn es stehe geschrieben (Matth. 19,6): »Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden«, darauf antworte ich: Wenn der Kaiser nach seinen eigenen Gesetzen scheidet, so nicht der Mensch, sondern Gott. »Mensch« bezeichnet hier die Privatperson. Ebenso wenn Gott sagt: Du sollst nicht töten, so gilt dieses Gebot der Privatperson, nicht der Obrigkeit. [...] Aber mein Urteil hat volle Geltung nach dem Spruch Christi (Matth. 18,16 ff.): Was zwei oder drei in meinem Namen sagen usw. Das Wort »Was Gott zusammengefügt hat« bedeutet also, daß »Gott« hier nicht den Gott im Himmel meint, sondern das Wort Gottes, nach dem man den Eltern und der Obrigkeit gehorsam sein soll. [...] Also heißt »Gott« (hier) Gottes Wort, wie es bei Joh. 1,1 heißt: »Und Gott war das Wort.«

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Zungenfertigkeit der Frauen
Frauen reden über die Dinge des Haushalts mit großer Liebe und außerordentlicher Beredsamkeit, und zwar so, daß sie sogar Cicero in den Schatten stellen. Was sie mit der Beredsamkeit nicht erreichen können, das setzen sie mit Tränen durch, wie auch Cicero sagt. Zu solcher Zungenfertigkeit sind sie wie geschaffen; denn sie sind darin viel geschickter als wir, die wir erst durch lange Übung und Beschäftigung damit dazu kommen. Aber wenn sie über ihre Haushaltsfragen hinaus über öffentliche Angelegenheiten reden, so taugt das nichts. Denn wenn es ihnen auch an Worten nicht fehlt, so fehlt es ihnen doch am richtigen Verständnis für die Sache — aber sie reden. Wenn sie daher über öffentliche Fragen sprechen, so ist das so wirr und unpassend, daß nichts darüber hinaus geht. Daher ist klar, daß die Frau für den Haushalt geschaffen ist, der Mann aber für das öffentliche Leben, für Kriegs- und Rechtsgeschäfte.

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Unkraut wächst schnell, daher wachsen die Mädchen rascher als die Knaben.

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Kinderglaube
Dann beobachtete er seinen Sohn und lobte seine Einfalt und Unschuld: der wäre auch im Glauben viel gelehrter, denn Kinder glauben ohne langes Disputieren ganz einfältig, daß Gott gnädig ist und an ein ewiges Leben. Oh, wie wohl geschieht den Kindern, die in dieser Zeit sterben! Doch wäre es mir der größte Schmerz, denn (mit dem Kind) stürbe mir ein Stück von mir selbst und der Mutter. Solche Liebe hört auch bei den Frommen nicht auf, so gefühllos und hartherzig können sie nicht sein. Die Kinder leben ganz rein im Glauben, ohne groß zu überlegen, wie Ambrosius sagt: Es fehlt (ihnen zwar) am Verstand, aber nicht am Glauben.

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Ich bin damals genug von den Ärzten traktiert worden. Sie gaben mir Getränke, als wenn ich ein großer Ochse wäre. Sie haben meinen Körper so geschunden, daß all meine Glieder eiskalt wurden. Ich mußte ihnen gehorsam sein, und ich beugte mich dieser Notwendigkeit, damit ich nicht den Eindruck erweckte, meinen Körper zu vernachlässigen. Ein armer Mensch ist, wer von der Hilfe der Ärzte abhängig ist.

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Als er zu Schmalkalden krank gelegen hätte, da wären wohl vier Ärzte über ihm gewesen. Denen wäre er gar gram geworden; denn es wäre kein Mensch in der Welt, der so ungern aus der Apotheke esse und trinke wie er. Und erzählte sein Exempel, daß er (ein ander Mal) drei Tage gelegen hätte und nichts hätte essen mögen, und die Ärzte hätten ihm auch viele Speisen verboten. Da war die Frau im Hause zu ihm gekommen, die hätte ihn gebeten, er solle doch sagen, was er Lust zu essen hätte, so wollt' sie es ihm zurichten. Da hätter er gesagt: Er möchte gern kalte Erbsen und Bratheringe essen. Die hätte sie ihm gemacht, und er hätte flugs darauf gut geschlafen.

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Ich lobe mir die Ärzte, die sich sorgfältig an ihre Regeln halten. Sie sollen es aber auch mir nicht verargen, daß ich nicht allezeit folge. Sie wollen mich zu einem Fixstern machen, dabei bin ich doch nur ein umherirrender Planet.

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