Literaturbrevier

Thomas Mann: Doktor Faustus

(Adrian Leverkühn spielt am Klavier, Probst fragt:)

»Was ist das?«
»Nichts« antwortete der Spielende mit kurzem Kopfschütteln, das mehr der Bewegung glich, mit der man eine Fliege abwehrt.
»Wie kann es nichts sein«, fragte jener zurück, »da du es ja spielst?«
»Er phantasiert«, erläuterte der lange Baworinski verständig.
»Er phantasiert?!« rief Probst aufrichtig erschrocken und spähte mit seinen wasserblauen Augen von der Seite nach Adrians Stirn, als ob er erwartete, sie in Fieberhitze zu finden.
Alles brach in Lachen aus; auch Adrian tat es, indem er die geschlossenen Hände auf der Klaviatur liegen ließ und den Kopf darüber beugte.
»O Probst, was für ein Schaf bist du!« sagte Baworinski. »Er improvisierte da, verstehst du das nicht? Er hat sich das momentan so ausgedacht.«
«Wie kann er sich soviele Töne rechts und links auf einmal ausdenken«, verteidigte sich Probst, »und wie kann er sagen, es ist nichts, von etwas, was er doch spielt? Man kann doch nicht spielen, was es nicht gibt?
»O doch«, sagte Baworinski sanft. »Man kann auch spielen, was noch nicht existiert.«
Und ich habe es noch im Ohr, wie ein gewisser Deutschlin, Konrad Deutschlin, ein Stämmiger, mit Stirnsträhne, hinzufügte:
»Es ist alles einmal nichts gewesen, guter Probst, was dann etwas geworden ist.«

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was der Neukömmling dort(in der Hölle) zuerst erfährt, und was er zunächst mit seinen sozusagen gesunden Sinnen gar nicht fassen kann und nicht verstehen will, weil die Vernunft oder welche Beschränktheit des Verstehens nun immer ihn daran hindert, kurz, weil es unglaublich ist, unglaublich zum Kreideweiß werden , unglaublich, obgleich es einem gleich zur Begrüßung in bündig nachdrücklichster Form eröffnet wird, daß ›hier alles aufhört‹, jedes Erbarmen, kede Gnade, jede Schonung, jede letzte Spur von Rücksicht auf den beschwörend ungläubigen Einwand ›Das könnt ihr und könnt ihr doch mit einer Seele nicht tun‹: es wird getan, es geschieht, und zwar ohne vom Worte zur Rechenschaft gezogen zu werden, im schalldichten Keller, tief unter Gottes Gehör, und zwar in Ewigkeit.

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Not kennt kein Gebot .

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Was wollen Sie machen, wenn eine Frau sich wie eine Ertrinkende an Sie klammert und Sie durchaus zum Geliebten will?

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Der Hinfälligste eben noch, arbeitete er zehn Stunden am Tage und darüber, nur unterbrochen durch eine kurze Mittagspause und hie und da einen Gang ins Freie, um die Klammermulde, auf den Zionshügel — hastige Exkursionen, die mehr von Fluchtversuchen, als von Erholung hatten, und bei denen man es seinen überstürzten, dann wieder stockenden Schritten ansah, daß sie nur eine andere Form der Rastlosigkeit waren.

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Wohlauf, Psalter und Harfe!
Ich will frühe auf sein.

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[...] auf eine bewunderungsvolle Art — besser gesagt: auf eine ängstliche Weise interessierte.

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Der Idealismus läßt außer acht, daß der Geist durchaus nicht nur von Geistigem angesprochen wird, sondern auch von der animalischen Schwermut sinnlicher Schönheit aufs tiefste ergriffen werden kann.

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»Du könntest mich durch diesen Freundschaftsdienst jetzt sehr verpflichten«, schloß er mit sonderbarer Steifheit.

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»Ich verstehe Sie nicht, Rudolf«, rief ich. »Sie blasen die Backen auf vor Erstaunen über meine Apologie, aber ich bin es, der ein Recht hat, sich über Sie zu wundern.«

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Man hatte in seiner Gegenwart stets das Gefühl, daß alle Ideen und Gesichtspunkte, die um ihn herum laut wurden, in ihm versammelt waren, und daß er, ironisch zuhörend, es den einzelnen menschlichen Verfassungen überließ, sie zu äußern und zu vertreten.

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»Das hält vor«, sagte Adrian. »Eine ganze Weile; vielleicht so lange das Haus steht. Es hält auch in Buchel vor. Die Weile unseres Vorhaltens nachher, ein bißchen kürzer, ein bißchen länger, nennt man Unsterblichkeit.«

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»Ich habe« sagte er wohl, »im Philosophiekolleg gelernt, daß Grenzen zu setzen schon sie überschreiten heißt.«

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Dein Kopf ist eine Nacht, in dem es vor Blitzen nicht dunkel wird.

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