Literaturbrevier

Heinrich Mann: Professor Unrat

Ertzum, in dem Bedürfnis, Rosa samt ihrem Galan zu verachten und zu verwerfen: »Das Mädchen muß man also als verloren ansehn. Ich gewöhne mich schon an den Gedanken. Ich versichere dich, Lohmann, ich sterbe nicht dran ... Aber was sagst du zu diesem Unrat? Ist dir so eine Schamlosigkeit schon mal vorgekommen?«
Lohmann lächelte bitter. Er verstand: von Ertzum war geschlagen und zog sich klagend auf die angestammte Moral zurück: auf die ewige Zuflucht der Geschlagenen.

__

Es ließe sich sogar behaupten und nachweisen, daß von den Untertanenseelen die sogenannte Sittlichkeit strenge zu fordern sei. Diese Forderung hat mich indes — aufgemerkt nun also! — niemals dazu verleitet, zu verkennen, daß es andere Lebenskreise geben mag mit Sittengeboten, die von denen des gemeinen Philisters sich wesentlich unterscheiden.

__

»Ich selbst«, fuhr Unrat fort, »habe mich persönlich stets an den sittlichen Gepflogenheiten des Philisters beteiligt: nicht, weil ich ihnen Wert beigemessen oder mich an sie gebunden erachtet hätte, sondern weil ich — vorwärts, immer mal wieder! — keinen Anlaß traf, mich von ihnen zu trennen.«

__

Er[Lohmann] dachte an die alte Flinte, die damals immer bereitgelegen hatte, ernsthaft bereit für den Fall, daß er entdeckt ward. Er empfand noch heute melancholischen Stolz auf die Knabenleidenschaft, die bis an die Schwelle seiner erwachsenen Jahre gedauert hatte, durch Scham, Lächerlichkeit, ja ein wenig Ekel hindurch immer noch gedauert. [...] Wie er in der Nacht nach ihrer letzten Entbindung das Tor ihres Hauses geküßt hatte! Das war noch etwas gewesen, davon mußte man zehren. Er erkannte, daß er damals so viel besser gewesen war, so viel reicher. 'Wie hatte er sich damals müde vorkommen können. Jetzt war er's.)

__

Das Beste, was er in seinem Leben zu verschenken gehabt hatte, die Frau da hatte es ahnungslos bekommen.

__