Literaturbrevier

Thomas Mann: Der Zauberberg

» [...] Aber das ist doch heller Übermut! Warum sind sie so übermutig, du, willst du mir das mal sagen?«
Joachim suchte nach einer Antwort. »Gott«, sagte er, »sie sind so f r e i . . . Ich meine, es sind ja junge Leute, und die Zeit spielt keine Rolle für sie, und dann sterben sie womöglich. Warum sollen sie da ernste Gesichter schneiden. Ich denke manchmal: Krankheit und Sterben sind eigentlich nicht ernst, sie sind mehr so eine Art Bummelei [...]«

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» [...] Die Zeit ist doch überhaupt nicht ›eigentlich‹. Wenn sie einem lang vorkommt, so ist sie lang, und wenn sie einem kurz vorkommt, so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in Wirklichkeit ist, das weiß doch niemand.«

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Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und ›langweilig‹ machen, aber die großen und größten Zeimassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit.

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wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer.

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Wie die Frauen sich kleideten! Sie zeigten dies und jenes von ihrem Nacken und ihrer Brust, sie verklärten ihre Arme mit durchsichtiger Gaze. . . Das taten sie in der ganzen Welt, um unser sehnsüchtiges Verlangen zu erregen.

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Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie macht ihn gänzlich zum Körper.

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Übrigens [...] erinnern Sie mich fast mehr an ein junges Nönnlein als an einen Mönch, — an so ein geschorenes, unschuldiges Bräutchen Christi mit großen Opferaugen. Ich habe früher hie und da solche Lämmer gesehen, nie ohne. . . nie ohne eine gewisse Sentimentalität.

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Sie sind sehr duldsam gegen die Idee. Desto höflicher will ich Sie dahin berichtigen, daß die Kreuzzüge nebst der Verkehrsbelebung, die sie zeitigten, nichts weniger als international ausgleichend gewirkt haben, sondern im Gegenteil die Völker lehrten, sich voneinander zu unterscheiden, und die Ausbildung der nationalen Staatsidee kräftig förderten.

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»Ja, so kannst du sagen, als Landsknecht und rein formale Existenz, die du bist. [...]«

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Gesinnungen leben nicht, wenn sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen.

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(Er sagte,) Das Mitleid, das der Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden gegebenfalls solle ertragen können, — dieses Mitleid sei in hohem Grade übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei isofern das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu ertragen habe, — was völlig irrtümlich sei.

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[...] zweitens war die Folter ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen.

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Die Gestalt! sagte er, und Naphta sagte hochtrabender Weise:
»Der Logos!« Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte, sagte »Die Vernunft«, während der Mann des Logos »die Passion« verfocht. Das war konfus. »Das Objekt!« sagte der eine, und der andere: »Das Ich!« Schließlich war sogar von »Kunst« auf der einen und »Kritik« auf der anderen Seite die Rede und jedenfalls immer wieder von»Natur« und »Geist« und davon, was das Vornehmere sei, vom »aristokratischen Problem«.

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Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist Politik.

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Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.

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Der Tote ist tot und hat das Zeitliche gesegnet: er hat viel Zeit , das heißt: er hat gar keine, — persoenlich genommen.

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Frauen lächeln bei jeder Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos, sich jedesmal Gedanken darüber zu machen.

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